Der wirkliche Goethe? - sofern wir Eckermann Vertrauen entgegen bringen können -
der wirkliche Goethe!

Gespräche mit Eckermann (Auszüge)

Sonntag, den 11.März 1832 (Dritter Teil)
(Letztes von Eckermann dokumentierte Gespräch mit Goethe -
 11 Tage vor dessen Tod)

Abends ein Stündchen bei Goethe, in allerlei guten Gesprächen.
Ich hatte mir eine englische Bibel gekauft, in der ich zu meinem großen
Bedauern die apokryphischen Bücher nicht enthalten fand; und zwar waren
sie nicht aufgenommen, als nicht für echt gehalten und als nicht göttlichen
Ursprungs.
Ich vermißte den durch und durch edlen Tobias, dieses Musterbild eines frommen
Wandels; ferner die Weisheit Salomonis und Jesus Sirach, alles Schriften von
so großer geistiger und sittlicher Höhe, daß wenig andere ihnen gleichkommen.
Ich sprach gegen Goethe mein Bedauern aus über die höchst enge Ansicht, wonach
einige Schriften des Alten Testaments als unmittelbar von Gott eingegeben
betrachtet werden, andere gleich treffliche aber nicht; und als ob denn überhaupt
etwas Edles und Großes entstehen könne, das nicht von Gott komme und das nicht
eine Frucht seiner Einwirkung.
"Ich bin durchaus Ihrer Meinung, erwiderte Goethe.
Doch gibt es zwei Standpunkte, von welchen aus die biblischen Dinge zu betrachten.
Es gibt den Standpunkt einer Art Ur-Religion, den der reinen Natur und Vernunft, welcher
göttlicher Abkunft.
Dieser wird ewig derselbige bleiben und wird dauern und gelten so lange gottbegabte
Wesen vorhanden.
Doch ist er nur für Auserwählte und viel zu hoch und edel, um allgemein zu werden.
Sodann gibt es den Standpunkt der Kirche, welcher mehr menschlicher Art.
Er ist gebrechlich, wandelbar und im Wandel begriffen; doch auch er wird in ewiger
Umwandlung dauern, so lange schwache menschliche Wesen sein werden.
Das Licht ungetrübter göttlicher Offenbarung ist viel zu rein und glänzend, als daß es
den armen, gar schwachen Menschen gemäß und erträglich wäre.
Die Kirche aber tritt als wohltätige Vermittlerin ein, um zu dämpfen und zu ermäßigen,
damit Allen geholfen und damit Vielen wohl werde.
Dadurch daß der christlichen Kirche der Glaube beiwohnt, daß sie, als Nachfolgerin
Christi, von der Last menschlicher Sünde befreien könne, ist sie eine sehr große Macht.
Und sich in dieser Macht und diesem Ansehen zu erhalten, und so das kirchliche Gebäude
zu sichern, ist der christlichen Priesterschaft vorzügliches Augenmerk."
"Sie hat daher weniger zu fragen, ob dieses oder jenes biblische Buch eine große Aufklärung
des Geistes bewirke, und ob es Lehren hoher Sittlichkeit und edler Menschennatur enthalte,
als daß sie vielmehr in den Büchern Mose auf die Geschichte des Sündenfalles und die
Entstehung des Bedürfnisses nach dem Erlöser Bedeutung zu legen, ferner in den Propheten
die wiederholte Hinweisung auf Ihn, den Erwarteten, sowie in den Evangelien sein wirkliches
irdisches Erscheinen und seinen Tod am Kreuze, als unserer menschlichen Sünden Sühnung, im
Auge zu halten hat.
Sie sehen also, daß für solche Zwecke und Richtungen und auf solcher Waage gewogen so wenig der
edle Tobias, als die Weisheit Salomonis und die Sprüche Sirachs, einiges bedeutende Gewicht
haben können."
"Übrigens echt oder unecht sind bei Dingen der Bibel gar wunderliche Fragen.
Was ist echt, als das ganz Vortreffliche, das mit der reinsten Natur und Vernunft in Harmonie
steht und noch heute unserer höchsten Entwickelung dient!
Und was ist unecht, als das Absurde, Hohle und Dumme, was keine Frucht bringt, wenigstens keine
gute! -
Sollte die Echtheit einer biblischen Schrift durch die Frage entschieden werden: ob uns durchaus
Wahres überliefert worden? so könnte man sogar in einigen Punkten die Echtheit der Evangelien
bezweifeln, wovon Marcus und Lucas nicht aus unmittelbarer Ansicht und Erfahrung, sondern erst
spät nach mündlicher Überlieferung geschrieben, und das letzte, von dem Jünger Johannes, erst im
höchsten Alter.
Dennoch halt ich die Evangelien alle vier für durchaus echt, denn es ist in ihnen der Abglanz einer
Hoheit wirksam, die von der Person Christi ausging und die so göttliche Art, wie nur je auf Erden
das Göttliche erschienen ist.
Fragt man mich: ob es in meiner Natur sei, ihm anbetende Ehrfurcht zu erweisen? so sage ich: Durchaus! -
Ich beuge mich vor ihm, als der göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit. -
Fragt man mich: ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren? so sage ich abermals: Durchaus!
Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarung des Höchsten, und zwar die mächtigste, die uns Erdenkindern
wahrzunehmen vergönnt ist.
Ich anbete in ihr das Licht und die zeugende Kraft Gottes, wodurch allein wir leben, weben und sind,
und alle Pflanzen und Tieren mit uns.
Fragt man mich aber: ob ich geneigt sei, mich vor einem Daumenknochen des Apostels Petri oder Pauli
zu bücken? so sage ich: Verschont mich und bleibt mir mit euren Absurditäten vom Leibe."
"Den Geist dämpfet nicht!" sagt der Apostel.
"Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche.
Aber sie will herrschen, und da muß sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist,
sich beherrschen zu lassen.
Die hohe, reich dotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr, als die Aufklärung der unteren Massen.
Sie hat ihnen auch die Bibel lang genug vorenthalten, so lange als irgend möglich.
Was soll auch ein armes christliches Gemeindeglied von der fürstlichen Pracht eines reich dotierten
Bischofes denken, wenn es dagegen in den Evangelien die Armut und Dürftigkeit Christi sieht, der mit
seinen Jüngern in Demut zu Fuße ging, während der fürstliche Bischof in einer von sechs Pferden gezogenen
Karosse einherbrauset!"
"Wir wissen gar nicht, fuhr Goethe fort, was wir Luthern und der Reformation im Allgemeinen Alles zu
danken haben.
Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind in Folge unserer fortwachsenden
Kultur fähig geworden, zur Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen.
Wir haben wieder den Mut, mit festen Füßen auf Gottes Erde zu stehen und uns in unserer gottbegabten
Menschennatur zu fühlen.
Mag die geistige Kultur nun immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer
Ausdehnung und Tiefe wachsen und der menschliche Geist sich erweitern, wie er will, - über die Hoheit
und sittliche Kultur des Christentums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er
nicht hinauskommen!"
"Je tüchtiger aber wir Protestanten in edler Entwickelung voranschreiten, desto schneller werden die
Katholiken folgen.
Sobald sie sich von der immer weiter um sich greifenden großen Aufklärung der Zeit ergriffen fühlen,
müssen sie nach, sie mögen sich stellen, wie sie wollen, und es wird dahin kommen, daß endlich Alles
nur Eins ist."
"Auch das leidige protestantische Sektenwesen wird aufhören und mit ihm Haß und feindliches Ansehen
zwischen Vater und Sohn, zwischen Bruder und Schwester.
Denn sobald man die reine Lehre und Liebe Christi, wie sie ist, wird begriffen und in sich eingelebt haben,
so wird man sich als Mensch groß und frei fühlen und auf ein Bißchen so oder so im äußeren Kultus
nicht mehr sonderlichen Wert legen."
"Auch werden wir Alle nach und nach aus einem Christentum des Wortes und Glaubens immer mehr zu einem
Christentum der Gesinnung und Tat kommen."
Das Gespräch wendete sich auf große Menschen, die vor Christus gelebt, unter Chinesen, Indiern, Persern
und Griechen, und daß die Kraft Gottes in ihnen ebenso wirksam gewesen, als in einigen großen Juden des
Alten Testaments.
Auch kamen wir auf die Frage: wie es mit Gottes Wirkungen stehe in großen Naturen der jetzigen Welt, in der
wir leben?
"Wenn man die Leute reden hört, sagte Goethe, so sollte man fast glauben, sie seien der Meinung, Gott habe
sich seit jener alten Zeit ganz in die Stille zurückgezogen, und der Mensch wäre jetzt ganz auf eigene
Füße gestellt und müsse sehen, wie er ohne Gott und sein tägliches unsichtbares Anhauchen zurecht komme.
In religiösen und moralischen Dingen gibt man noch allenfalls eine göttliche Einwirkung zu, allein
in Dingen der Wissenschaft und Künste glaubt man, es sei lauter Irdisches und nichts weiter als ein
Produkt rein menschlicher Kräfte."
"Versuche es aber doch nur Einer und bringe mit menschlichem Wollen und menschlichen Kräften etwas hervor,
das den Schöpfungen, die den Namen Mozart, Raphael oder Shakspeare tragen, sich an die Seite setzen
lasse.
Ich weiß recht wohl, daß diese drei Edlen keineswegs die Einzigen sind, und daß in allen Gebieten der
Kunst eine Unzahl trefflicher Geister gewirkt hat, die vollkommen so Gutes hervorgebracht, als jene
Genannten.
Allein, waren sie so groß als Jene, so überragten sie die gewöhnliche Menschennatur in eben dem
Verhältnis und waren ebenso gottbegabt als Jene."
"Und überall, was ist es und was soll es? -
Gott hat sich nach den bekannten imaginierten sechs Schöpfungstagen keineswegs zur Ruhe begeben,
vielmehr ist er noch fortwährend wirksam, wie am ersten.
Diese plumpe Welt aus einfachen Elementen zusammenzusetzen und sie jahraus jahrein in den Strahlen der
Sonne rollen zu lassen, hätte ihm sicher wenig Spaß gemacht, wenn er nicht den Plan gehabt hätte,
sich auf dieser materiellen Unterlage eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen.
So ist er nun fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die geringeren heranzuziehen."

1823

Dienstag, den 13. Mai 1823 (Dritter Teil *)
Ich fand Goethe beschäftigt, seine kleinen Gedichtchen und Blättchen an Personen zusammen zu suchen.
"In früheren Zeiten, sagte er, wo ich leichtsinniger mit meinen Sachen umging und Abschriften zu nehmen
unterließ, sind hunderte solcher Gedichte verloren gegangen."
Jena, Donnerstag den 18. September 1823
Gestern morgen, vor Goethes Abreise nach Weimar, war ich so glücklich wieder ein Stündchen
bei ihm zu sein.
Und da führte er ein höchst bedeutendes Gespräch, was für mich ganz unschätzbar ist und mir
auf mein ganzes Leben wohl tut.
Alle jungen Dichter in Deutschland müßten es wissen, es könnte ihnen helfen.
Er leitete das Gespräch ein indem er mich fragte, ob ich diesen Sommer keine Gedichte gemacht.
Ich antwortete ihm, daß ich zwar einige gemacht, daß es mir aber im Ganzen dazu an Behagen gefehlt.
"Nehmen Sie sich in Acht, sagte er darauf, vor einer großen Arbeit.
Das ist`s eben, woran unsere Besten leiden, gerade diejenigen, in denen das meiste Talent und das
tüchtigste Streben vorhanden.
Ich habe auch daran gelitten und weiß was es mir geschadet hat. - Was ist da nicht alles in den Brunnen gefallen! -
Wenn ich alles gemacht hätte, was ich recht gut hätte machen können, es würden keine hundert Bände
reichen."
"Die Gegenwart will ihre Rechte; was sich täglich im Dichter von Gedanken und Empfindungen aufdrängt,
das will und soll ausgesprochen sein.
Hat man aber ein größeres Werk im Kopfe, so kann nichts daneben aufkommen, so werden alle Gedanken
zurückgewiesen und man ist für die Behaglichkeit des Lebens selbst so lange verloren.
Welche Anstrengung und Verwendung von Geisteskraft gehört nicht dazu, um nur ein großes Ganzes in sich zu
ordnen und abzurunden, und welche Kräfte und welche ruhige ungestörte Lage im Leben, um es dann
in einem Fluß gehörig auszusprechen.
Hat man sich nun im Ganzen vergriffen, so ist alle Mühe verloren; ist man ferner, bei einem so
umfangreichen Gegenstande, in einzelnen Teilen nicht völlig Herr seines Stoffes, so wird das Ganze
stellenweise mangelhaft werden und man wird gescholten; und aus allem entspringt für den Dichter,
statt Belohnung und Freude für so viele Mühe und Aufopferung, nichts als Unbehagen und Lähmung der
Kräfte.
Faßt dagegen der Dichter täglich die Gegenwart auf, und behandelt er immer gleich in frischer
Stimmung was sich ihm darbietet, so macht er sich immer etwas Gutes, und gelingt ihm auch einmal
etwas nicht, so ist nichts daran verloren."

"Machen Sie vor der Hand, wie gesagt, immer nur kleine Gegenstände, immer alles frisch weg was sich
Ihnen täglich darbietet, so werden Sie in der Regel immer etwas Gutes leisten und jeder Tag wird
Ihnen Freude bringen.
Geben Sie es zunächst in die Taschenbücher, in die Zeitschriften; aber fügen Sie sich nie fremden
Anforderungen, sondern machen Sie es immer nach Ihrem eigenen Sinn."
"Die Welt ist so groß und reich und das Leben so mannigfaltig, daß es an Anlässen zu Gedichten nie
fehlen wird.
Aber es müssen alles Gelegenheitsgedichte sein, das heißt, die Wirklichkeit muß die Veranlassung
und den Stoff dazu hergeben.
Allgemein und poetisch wird ein spezieller Fall eben dadurch, daß ihn der Dichter behandelt.
Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte, sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben
darin Grund und Boden.
Von Gedichten, aus der Luft gegriffen, halte ich nichts."
"Man sage nicht, daß es der Wirklichkeit an poetischem Interesse fehle; denn eben darin bewährt sich
ja der Dichter, daß er geistreich genug sei, einem gewöhnlichen Gegenstande eine interessante Seite
abzugewinnen.
Die Wirklichkeit soll die Motive hergeben, die auszusprechenden Punkte, den eigentlichen Kern;
aber ein schönes belebtes Ganzes daraus zu bilden ist Sache des Dichters."

"Besonders warne ich vor eigenen großen Erfindungen; denn da will man eine Ansicht der Dinge geben
und die ist in der Jugend selten reif.
Ferner: Charaktere und Ansichten lösen sich als Seiten des Dichters von ihm ab und berauben ihn für
fernere Produktionen der Fülle.
Und endlich: welche Zeit geht nicht an der Erfindung und inneren Anordnung und Verknüpfung verloren,
worauf uns niemand etwas zu gute tut, vorausgesetzt daß wir überall mit unserer Arbeit zu Stande kommen."
"Bei einem gegebenen Stoffe hingegen ist alles anders und leichter.
Da werden Facta und Charaktere überliefert und der Dichter hat nur die Belebung des Ganzen.
Auch bewahrt er dabei seine eigene Fülle, denn er braucht nur wenig von dem Seinigen hinzuzutun; auch
ist der Verlust von Zeit und Kräften bei weitem geringer, denn er hat nur die Mühe der Ausführung.
Ja ich rate sogar zu schon bearbeiteten Gegenständen.
Wie oft ist nicht die Iphigenie gemacht, und doch sind alle verschieden; denn jeder sieht und stellt
die Sachen anders, eben nach seiner Weise."
Mittwoch den 29. Oktober 1823
"Ich weiß wohl, sagte Goethe, daß es schwer ist, aber die Auffassung und Darstellung des Besonderen ist
auch das eigentliche Leben der Kunst."
"Und dann: so lange man sich im Allgemeinen hält, kann es uns jeder nachmachen; aber das Besondere
macht uns niemand nach, warum? weil es die Anderen nicht erlebt haben."
"Auch braucht man nicht zu fürchten, daß das Besondere keinen Anklang finde.
Jeder Charakter, so eigentümlich er sein möge, und jedes Darzustellende, vom Stein herauf bis zum
Menschen, hat Allgemeinheit; denn alles wiederholt sich, und es gibt kein Ding in der Welt, das nur
ein Mal da wäre."
"Auf dieser Stufe der individuellen Darstellung, fuhr Goethe fort, beginnet dann zugleich dasjenige, was
man Komposition nennet."
Dieses war mir nicht sogleich klar, doch enthielt ich mich danach zu fragen.
Vielleicht, dachte ich, meint er damit die künstlerische Verschmelzung des Idealen mit dem Realen,
die Vereinigung von dem, was außer uns befindlich, mit dem, was innerlich uns angeboren.
Doch vielleicht meint er auch etwas anderes.
Goethe fuhr fort:
"Und dann setzen Sie unter jedes Gedicht immer das Datum wann Sie es gemacht haben."
Ich sah ihn fragend an, warum das so wichtig?
"Es gilt dann, fügte er hinzu, zugleich als Tagebuch ihrer Zustände.
Und das ist nichts Geringes.
Ich habe es seit Jahren getan und sehe ein, was das heißen will."
Montag den 3.November 1823
Ich brachte sodann das Gespräch auf die im Jahre 1797 über Frankfurt und Stuttgart gemachte Reise
in die Schweiz, wovon er mir die Manuskripte in drei Heften dieser Tage mitgeteilt und die ich
bereits fleißig studiert hatte.
Ich erwähnte, wie er damals mit Meyer soviel über die Gegenstände der bildenden Kunst nachgedacht.
"Ja, sagte Goethe, was ist auch wichtiger als die Gegenstände, und was ist die ganze Kunstlehre ohne sie.
Alles Talent ist verschwendet, wenn der Gegenstand nichts taugt.
Und eben weil dem neuern Künstler die würdigen Gegenstände fehlen, so hapert es auch so mit aller
Kunst der neuern Zeit.
Darunter leiden wir alle; ich habe auch meine Modernität nicht verleugnen können."
"Die wenigsten Künstler, fuhr er fort, sind über diesen Punkt im Klaren und wissen was zu ihrem
Frieden dient."

"Alle diese vortrefflichen Menschen, zu denen Sie nun ein angenehmes Verhältnis haben, das ist es, was ich
eine Heimat nenne, zu der man immer gerne wieder zurückkehrt."
Ich erwiderte ihm, daß ich bereits den wohltätigen Einfluß meines hiesigen Aufenthaltes zu spüren
beginne, daß ich aus meinen bisherigen ideellen und theoretischen Richtungen nach und nach herauskomme
und immer mehr den Wert des augenblicklichen Zustandes zu schätzen wisse.
"Das müßte schlimm sein, sagte Goethe, wenn Sie das nicht sollten.
Beharren Sie nur dabei und halten Sie immer an der Gegenwart fest.
Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen
Ewigkeit."
Mittwoch den 10. November 1823
Nachdem wir Einiges gesprochen, wünschte er, daß ich ein Gedicht lesen möchte, womit er ein neues
jetzt im Werke begriffenes Heft von Kunst und Altertum eröffnet.

Das Gedicht trug einen wunderbaren Charakter, so daß ich mich nach einmaligem Lesen, ohne es jedoch
ganz zu verstehen, davon eigenartig berührt und ergriffen fühlte.
Es hatte die Verherrlichung des Paria zum Gegenstande und war als Trilogie behandelt.

Ich sprach darauf mit Goethe sowohl über den Gegenstand als die Behandlung, wo mir denn durch einige
seiner Andeutungen manches lebendiger entgegentrat.
"Freilich, sagte er darauf, die Behandlung ist sehr knapp und man muß gut eindringen, wenn man es recht
besitzen will.
Es kommt mir selber vor wie eine aus Stahldrähten geschmiedete Damaszenerklinge.
Ich habe aber auch den Gegenstand vierzig Jahre mit mir herumgetragen, so daß er denn freilich Zeit
hatte, sich von allem Ungehörigen zu läutern."
Es wird Wirkung tun, sagte ich, wenn es beim Publikum hervortritt.
"Ach, das Publikum!" - seufzete Goethe.
Sollte es nicht gut sein, sagte ich, wenn man dem Verständnis zu Hülfe käme und es machte, wie bei der
Erklärung eines Gemäldes, wo man durch Vorführung der vorhergegangenen Momente das wirklich Gegenwärtige
zu beleben sucht?
"Ich bin nicht der Meinung, sagte Goethe.
Mit Gemälden ist es ein anderes; weil aber ein Gedicht gleichfalls aus Worten besteht, so hebt ein
Wort das andere auf."
Goethe scheint mir hierdurch sehr treffend die Klippe angedeutet zu haben, woran Ausleger von Gedichten
gewöhnlich scheitern.
Freitag den 14. November 1823
Das Gespräch kam auf das Theater und daß morgen der Wallenstein würde gegeben werden.
Dies gab Gelegenheit, über Schiller zu reden.
Es geht mir mit Schiller eigen, sagte ich; einige Szenen seiner großen Theater-Stücke lese ich mit
wahrer Liebe und Bewunderung, dann aber komme ich auf Verstöße gegen die Wahrheit der Natur, und ich
kann nicht weiter.
Selbst mit dem Wallenstein geht es mir nicht anders.
Ich kann nicht umhin, zu glauben, daß Schillers philosophische Richtung seiner Poesie geschadet hat;
denn durch sie kam er dahin, die Idee höher zu halten als alle Natur, ja die Natur dadurch zu vernichten.
Was er sich denken konnte, mußte geschehen, es mochte nun der Natur gemäß oder ihr zuwider sein.
"Es ist betrübend, sagte Goethe, wenn man sieht, wie ein so außerordentlich begabter Mensch sich mit
philosophischen Denkweisen herumquälte, die ihm nichts helfen konnten.
Humboldt hat mir Briefe mitgebracht, die Schiller in der unseligen Zeit jener Spekulationen an ihn
geschrieben.
Man sieht daraus, wie er sich damals mit der Intention plagte, die sentimentale Poesie von der naiven
ganz frei zu machen.
Aber nun konnte er für jene Dichtart keinen Boden finden, und dies brachte ihn in unsägliche Verwirrung.
Und als ob, fügte Goethe lächelnd hinzu, die sentimentale Poesie ohne einen naiven Grund, aus welchem sie
gleichsam hervorwächst, nur irgend bestehen könnte!"
"Es war nicht Schillers Sache, fuhr Goethe fort, mit einer gewissen Bewußtlosigkeit und gleichsam
instinktmäßig zu verfahren, vielmehr mußte er über jedes, was er tat, reflektieren; woher es auch kam,
daß er über seine poetischen Vorsätze nicht unterlassen konnte, sehr viel hin und her zu reden,
so daß er alle seine späteren Stücke Szene für Szene mit mir durchgesprochen hat."
"Dagegen war es ganz gegen meine Natur, über das, was ich von poetischen Plänen vorhatte, mit irgend
jemanden zu reden, selbst nicht mit Schiller.
Ich trug Alles still mit mir herum und niemand erfuhr in der Regel etwas als bis es vollendet war.
Als ich Schillern meinen Hermann und Dorothea fertig vorlegte, war er verwundert, denn ich hatte ihm
vorher mit keines Sylbe gesagt, daß ich dergleichen vorhatte."
Sonntag den 16. November 1823
Eingedenk des Versprechens, mir seine Elegie von Marienbad zu einer passenden Stunde abermals zu zeigen,
stand Goethe auf, stellte ein Licht auf seinen Schreibtisch und gab mir das Gedicht.

"Sie sehen das Produkt eines höchst leidenschaftlichen Zustandes, fügte er hinzu; als ich darin befangen war,
hätte ich ihn um alles in der Welt nicht entbehren mögen, und jetzt möchte ich um keinen Preis wieder
hineingeraten."
"Ich schrieb das Gedicht, unmittelbar als ich von Marienbad abreiste und mich noch im vollen frischen
Gefühle des Erlebten befand.
Morgens acht Uhr auf der ersten Station schrieb ich die erste Strophe und so dichtete ich im Wagen fort
und schrieb von Station zu Station das im Gedächtnis Gefaßte nieder, so daß es Abends fertig auf dem
Papiere stand.
Es hat daher eine gewisse Unmittelbarkeit und ist wie aus einem Gusse, welches dem Ganzen zu Gute kommen
mag."
Zugleich, sagte ich, hat es in seiner Art viel Eigentümliches, so daß es an keins Ihrer anderen Gedichte erinnert.
"Das mag daher kommen, sagte Goethe.
Ich setzte auf die Gegenwart, so wie man eine bedeutende Summe auf eine Karte setzt, und suchte sie ohne
Übertreibung so hoch zu steigern als möglich."
Die Äußerung erschien mir sehr wichtig, indem sie Goethes Verfahren ans Licht setzet und uns seine
allgemein bewunderte Mannigfaltigkeit erklärlich macht.
Sonntag, den 21. Dezember 1823 (Dritter Teil *)
Goethes gute Laune war heute wieder glänzend.
Wir haben den kürzesten Tag erreicht, und die Hoffnung, jetzt mit jeder Woche die Tage wieder bedeutend
zunehmen zu sehen, scheint auf seine Stimmung den günstigsten Einfluß auszuüben.
"Heute feiern wir die Widergeburt der Sonne!" rief er mir froh entgegen, als ich diesen Vormittag bei ihm
eintrat.
Ich höre, daß er jedes Jahr die Wochen vor dem kürzesten Tag in deprimierter Stimmung zu verbringen und
zu verseufzen pflegt.
Dienstag, den 30.Dezember 1823 (Dritter Teil *)
Abends mit Goethe allein, in allerlei Gesprächen.
Er sagte mir, daß er die Absicht habe, seine Reise in die Schweiz vom Jahre 1797 in seine Werke aufzunehmen.
Sodann war die Rede vom Werther, den er nicht wieder gelesen habe, als einmal, ungefähr zehn Jahre nach
seinem Erscheinen.
Auch mit seinen anderen Schriften habe er es so gemacht.

In den Wissenschaften, bemerkte ich, scheint auf eine besondere Weise der Egoismus der Menschen angeregt zu
werden; und wenn dieser einmal in Bewegung gesetzt ist, so pflegen sehr bald alle Schwächen des Charakters
zum Vorschein zu kommen.
"Die Fragen der Wissenschaften, versetzte Goethe, sind sehr häufige Fragen der Existenz.
Eine einzige Entdeckung kann einen Mann berühmt machen und sein bürgerliches Glück begründen.
Deshalb herrscht auch in den Wissenschaften diese große Strenge und dieses Festhalten und diese
Eifersucht auf das Apercu eines Andern.
Im Reich der Ästhetik dagegen ist Alles weit läßlicher; die Gedanken sind mehr oder weniger ein
angeborenes Eigentum aller Menschen, wobei Alles auf die Behandlung und Ausführung ankommt und
billigerweise wenig Neid stattfindet.
Ein einziger Gedanke kann das Fundament zu hundert Epigrammen hergeben und es fragt sich bloß, welcher
Poet denn nun diesen Gedanken auf die wirksamste und schönste Weise zu versinnlichen gewußt habe."

"Es wir aber, fuhr Goethe fort, in den Wissenschaften auch zugleich dasjenige als Eigentum angesehen,
was man auf Akademien überliefert erhalten und gelernt hat.
Kommt nun Einer, der etwas Neues bringt, das mit unserm Credo, das wir seit Jahren nachbeten und wiederum
Anderen überliefern, in Widerspruch steht und es wohl gar zu stürzen droht, so regt man alle Leidenschaften
gegen ihn auf und sucht ihn auf alle Weise zu unterdrücken.
Man sträubt sich dagegen, wie man nur kann; man tut, als höre man nicht, als verstände man nicht; man spricht
darüber mit Geringschätzung, als wäre es gar nicht der Mühe wert es nur anzusehen und zu untersuchen; und
so kann eine neue Wahrheit lange warten, bis sie sich Bahn macht."
Mittwoch, den 31.Dezember 1823 (Dritter Teil)
Wir sprachen sodann über religiöse Dinge und den Mißbrauch des göttlichen Namens.
"Die Leute traktieren ihn, sagte Goethe, als wäre das unbegreifliche, gar nicht auszudenkende höchste Wesen
nicht viel mehr als, als ihres Gleichen.
Sie würden sonst nicht sagen: Der Herr Gott, der liebe Gott, der gute Gott.
Er wird ihnen, besonders den Geistlichen, die ihn täglich im Munde führen, zu einer Phrase, zu einem bloßen
Namen, wobei sie sich auch gar nichts denken.
Wären sie aber durchdrungen von seiner Größe, sie würden verstummen und ihn vor Verehrung nicht nennen mögen."

1824

Freitag, den 2.Januar 1824 (Dritter Teil)
Bei Goethe zu Tisch in heiteren Gesprächen.
Eine junge Schönheit der Weimarischen Gesellschaft kam zur Erwähnung, wobei einer der Anwesenden bemerkte,
daß er fast auf dem Punkte stehe, sie zu lieben, obgleich ihr Verstand nicht eben glänzend zu nennen.
"Pah! sagte Goethe lachend, als ob die Liebe etwas mit dem Verstande zu tun hätte!
Wir lieben an einem jungen Frauenzimmer ganz andere Dinge, als den Verstand.
Wir lieben an ihr das Schöne, das Jugendliche, das Neckische, das Zutrauliche, den Charakter, ihre Fehler,
ihre Capricen, und Gott weiß was alles Unaussprechliche sonst; aber wir lieben nicht ihren Verstand.
Ihren Verstand achten wir, wenn er glänzend ist, und ein Mädchen kann dadurch in unsern Augen unendlich an
Wert gewinnen.
Auch mag der Verstand gut sein, uns zu fesseln, wenn wir bereits lieben.
Allein der Verstand ist nicht dasjenige, was fähig wäre, uns zu entzünden und eine Leidenschaft zu erwecken."

Wir sprachen über die englische Literatur, über die Größe Shakspeares, und welch einen ungünstigen Stand alle
englischen dramatischen Schriftsteller gehabt, die nach jenem poetischen Riesen gekommen.
"Ein dramatisches Talent, fuhr Goethe fort, wenn es bedeutend war, konnte nicht umhin, von Shakspeare Notiz
zu nehmen, ja es konnte nicht umhin, ihn zu studieren.
Studierte es ihn aber, so mußte ihm bewußt werden, daß Shakspeare die ganze Menschennatur nach allen Richtungen
hin, und in allen Tiefen und Höhen, bereits erschöpft habe, und daß im Grunde für ihn, den Nachkömmling, nichts
mehr zu tun übrig bleibe.
Und woher hätte Einer den Mut nehmen sollen, nur die Feder anzusetzen, wenn er sich solcher bereits vorhandener
unergründlicher und unerreichbarer Vortrefflichkeiten in ernster anerkennender Seele bewußt war!"
"Da hatte ich es freilich vor funfzig Jahren in meinem lieben Deutschland besser.
Ich konnte mich sehr bald mit dem Vorhandenen abfinden, es konnte mir nicht lange imponieren und mich nicht
sehr aufhalten.
Ich ließ die deutsche Literatur und das Studium derselben sehr bald hinter mir und wendete mich zum Leben und
zur Produktion.
So nach und nach vorschreitend ging ich in meiner natürlichen Entwickelung fort und bildete mich nach und nach
zu den Produktionen heran, die mir von Epoche zu Epoche gelangen.
Und meine Idee vom Vortrefflichen war auf jeder meiner Lebens- und Entwickelungsstufen nie viel größer, als
was ich auch auf jeder Stufe zu machen im Stande war.
Wäre ich aber als Engländer geboren, und wären alle jene vielfältigen Meisterwerke bei meinem ersten
jugendlichen Erwachen mit all ihrer Gewalt auf mich eingedrungen, es hätte mich überwältig und ich hätte
nicht gewußt, was ich hätte tun wollen.
Ich hätte nicht so leichten, frischen Mutes vorschreiten können, sondern mich sicher erst lange besinnen
und umsehen müssen, um irgendwo einen neuen Ausweg zu finden."

"Jenes ungestörte, unschuldige, nachtwandlerische Schaffen, wodurch allein etwas Großes gedeihen kann, ist
gar nicht mehr möglich.
Unsere jetzigen Talente liegen alle auf dem Präsentierteller der Öffentlichkeit.
Die täglich an funfzig verschiedenen Orten erscheinenden kritischen Blätter, und der dadurch im Publikum
bewirkte Klatsch, lassen nichts Gesundes aufkommen.
Wer sich heut zu Tage nicht ganz davon zurückhält und sich nicht mit Gewalt isoliert, ist verloren.
Es kommt zwar durch das schlechte, größtenteils negative, ästhetisierende und kritisierende Zeitungswesen
eine Art Halbkultur in die Massen, allein dem hervorbringenden Talent ist es ein böser Nebel, ein
fallendes Gift, das den Baum seiner Schöpfungskraft zerstört, vom grünen Schmuck der Blätter bis in das
tiefste Mark und die verborgenste Faser."
"Und dann, wie zahm und schwach ist seit den lumpigen paar hundert Jahren nicht das Leben selber geworden!
Wo kommt uns noch eine originelle Natur unverhüllt entgegen!
Und wo hat Einer die Kraft, wahr zu sein und sich zu zeigen, wie er ist!
Das wirkt aber zurück auf den Poeten, der Alles in sich selber finden soll, während von Außen ihn Alles
im Stich läßt."
Das Gespräch wendete sich auf den Werther.
"Das ist auch so ein Geschöpf, das ich gleich dem Pelikan mit dem Blute meines Herzens gefüttert habe.
Es ist darin so viel Innerliches aus meiner eigenen Brust, so viel von Empfindungen und Gedanken, um
damit wohl einen Roman von zehn solchen Bänden auszustatten.
Auch habe ich das Buch, wie ich schon öfters gesagt, seit seinem Erscheinen nur ein einzigesmal wieder
gelesen und micht gehütet, es abermals zu tun.
Es sind lauter Brandraketen! -
Es wird mir unheimlich dabei und ich fürchte, den pathologischen Zustand wieder durchzuempfinden, aus
dem es hervorging."

Ich brachte zur Erwähnung, ob denn die große Wirkung, die der Werther bei seinem Erscheinen gemacht,
wirklich in der Zeit gelegen.
Ich kann mich, sagte ich, nicht zu dieser allgemein verbreiteten Ansicht bekennen.
Der Werther hat Epoche gemacht, weil er erschien, nicht weil er in einer gewissen Zeit erschien.
Es liegt in jeder Zeit so viel unausgesprochenes Leiden, so viel heimliche Unzufriedenheit und Lebensüberdruß,
und in einzelnen Menschen so viele Mißverhältnisse zur Welt, so viele Konflikte ihrer Natur mit bürgerlichen
Einrichtungen, daß der Werther Epoche machen würde und wenn er erst heute erschiene.
"Sie haben wohl Recht, erwiderte Goethe, weshalb denn auch das Buch auf ein gewisses Jünglingsalter noch heute
wirkt, wie damals.
Auch hätte ich kaum nötig gehabt, meinen eigenen jugendlichen Trübsinn aus allgemeinen Einflüssen meiner Zeit
und aus der Lektüre einzelner englischer Autoren herzuleiten.
Es waren vielmehr individuelle nahe liegende Verhältnisse, die mir auf die Nägel brannten und mir zu schaffen
machten, und die mich in jenen Gemütszustand brachten, aus dem der Werther hervorging.
Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten! -
Das war es."
"Die viel besprochene Wertherzeit gehört, wenn man es näher betrachtet, freilich nicht dem Gange der Weltkultur
an, sondern dem Lebensgange jedes Einzelnen, der mit angeborenem freiem Natursinn sich in die beschränkenden
Formen einer veralteten Welt finden und schicken lernen soll.
Gehindertes Glück, gehemmte Tätigkeit, unbefriedigte Wünsche, sind nicht Gebrechen einer besonderen Zeit,
sondern jedes einzelnen Menschen, und es müßte schlimm sein, wenn nicht Jeder einmal in seinem Leben
eine Epoche haben wollte, wo ihm der Werther käme, als wäre er bloß für ihn geschrieben."
Sonntag, den 4.Januar 1824 (Dritter Teil)
Hernach sprachen wir über den Divan; besonders über das Buch des Unmuts, worin Manches ausgeschüttet, was er
gegen seine Feinde auf dem Herzen hatte.
"Ich habe mich übrigens sehr mäßig gehalten, fügte er hinzu; - wenn ich Alles hätte aussprechen wollen,
was mich wurmte und mir zu schaffen machte, so hätten die wenigen Seiten wohl zu einem ganzen Bande anwachsen
können."
"Man war im Grund nie mit mir zufrieden und wollte mich immer anders, als es Gott gefallen hatte, mich zu
machen.
Auch war man selten mit dem zufrieden, was ich hervorbrachte.
Wenn ich mich Jahr und Tag mit ganzer Seele abgemüht hatte, der Welt mit einem neuen Werke etwas zu Liebe
zu tun, so verlangte sie, daß ich mich noch obendrein bei ihr bedanken sollte, daß sie es nur erträglich fand.-
Lobte man mich, so sollte ich das nicht in freudigem Selbstgefühl als einen schuldigen Tribut hinnehmen,
sondern man erwartete von mir irgend eine ablehnende bescheidene Phrase, worin ich demütig den völligen
Unwert meiner Person und meines Werkes an den Tag lege.
Das aber widerstrebte meiner Natur und ich hätte müssen ein elender Lump sein, wenn ich so hätte heucheln
und lügen wollen.
Da ich nun aber stark genug war, mich in ganzer Wahrheit so zu zeigen, wie ich fühlte, so galt ich für stolz,
und gelte noch so bis auf den heutigen Tag."
"In religiösen Dingen, in wissenschaftlichen und politischen, überall machte es mir zu schaffen, daß ich
nicht heuchelte und daß ich den Mut hatte, mich auszusprechen, wie ich empfand."
"Ich glaubte an Gott und die Natur, und an den Sieg des Edlen über das Schlechte; aber das war den frommen
Seelen nicht genug, ich sollte auch glauben, daß Drei Eins sei und Eins Drei; das aber widerstrebte
dem Wahrheitsgefühl meiner Seele; auch sah ich nicht ein, daß mir damit auch nur im mindestens wäre
geholfen gewesen."

"Und nun gar in politischen Dingen! -
Was ich da für Not und was ich da zu leiden gehabt, mag ich gar nicht sagen.
Kennen Sie meine Aufgeregten? "
Erst gestern, erwiderte ich, habe ich wegen der neuen Ausgabe Ihrer Werke das Stück gelesen, und
von Herzen bedauert, daß es unvollendet geblieben.
Aber wie es auch ist, so wird sich jeder Wohldenkende zu Ihrer Gesinnung bekennen.
"Ich schrieb es zur Zeit der französischen Revolution, fuhr Goethe fort, und man kann es gewissermaßen
als mein politisches Glaubensbekenntnis jener Zeit ansehen.
Als Repräsentanten des Adels hatte ich die Gräfin hingestellt und mit den Worten, die ich ihr in den
Mund gelegt, ausgesprochen, wie der Adel eigentlich denken soll.
Die Gräfin kommt so eben aus Paris zurück, sie ist dort Zeuge der revolutionären Vorgänge gewesen und
hat daraus für sich selbst keine schlechte Lehre gezogen.
Sie hat sich überzeugt, daß das Volk wohl zu drücken, aber nicht zu unterdrücken ist, und daß die
revolutionären Aufstände der unteren Klassen eine Folge der Ungerechtigkeit der Großen sind.
Jede Handlung, die mir unbillig scheint, sagt sie, will ich künftig streng vermeiden, auch werde ich über
solche Handlungen Anderer, in der Gesellschaft und bei Hofe meine Meinung laut sagen.
Zu keiner Ungerechtigkeit will ich mehr schweigen, und wenn ich auch unter dem Namen einer Demokratin
verschrieen werden sollte."
"Ich dächte, fuhr Goethe fort, diese Gesinnung wäre durchaus respektabel.
Sie war damals die meinige und ist es noch jetzt.
Zum Lohne dafür aber belegte man mich mit allerlei Titeln, die ich nicht wiederholen mag."
Man braucht nur den Egmont zu lesen, versetzte ich, um zu erfahren, wie Sie denken.
Ich kenne kein deutsches Stück, wo der Freiheit des Volkes mehr das Wort geredet würde, als in diesem.
"Man beliebt einmal, erwiderte Goethe, mich nicht so sehen zu wollen, wie ich bin, und wendet die Blicke
von Allem hinweg, was mich in meinem wahren Lichte zeigen könnte.
Dagegen hat Schiller, der, unter uns, weit mehr ein Aristokrat war als ich, der aber weit mehr bedachte
was er sagte als ich, das merkwürdige Glück, als besonderer Freund des Volkes zu gelten.
Ich gönne es ihm von Herzen und tröste mich damit, daß es Anderen vor mir nicht besser gegangen."
"Es ist wahr, ich konnte kein Freund der französischen Revolution sein, denn ihre Greuel standen mir
zu nahe und empörten mich täglich und stündlich, während ihre wöhltätigen Folgen damals noch nicht
zu ersehen waren."

"Ebensowenig aber war ich ein Freund herrischer Willkür.
Auch war ich vollkommen überzeugt, daß irgend eine große Revolution nie Schuld des Volkes ist, sondern
der Regierung.
Revolutionen sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach sind, so
daß sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen, und sich nicht so lang sträuben, bis das
Notwendige von unten her erzwungen wird."
"Weil ich nun aber die Revolutionen haßte, so nannte man mich einen Freund des Bestehenden.
Das ist aber ein sehr zweideutiger Titel, den ich mir verbitten möchte.
Wenn das Bestehende alles vortrefflich, gut und gerecht wäre, so hätte ich gar nichts dawider.
Da aber neben vielem Guten zugleich viel Schlechtes, Ungerechtes und Unvollkommenes besteht, so heißt
ein Freund des Bestehenden oft nicht viel weniger als ein Freund des Veralteten und Schlechten."

"Und wiederum ist für eine Nation nur das gut, was aus ihrem eigenen Kern und ihrem eigenen allgemeinen
Bedürfnissen hervorgegangen, ohne Nachäffung einer anderen.
Denn was dem einen Volk auf einer gewissen Altersstufe eine wohltätige Nahrung sein kann erweist sich
vielleicht für ein anderes als ein Gift.
Alle Versuche, irgend eine ausländische Neuerung einzuführen, wozu das Bedürfnis nicht im tiefen Kern
der eigenen Nation wurzelt, sind daher töricht, und alle beabsichtigten Revolutionen solcher Art ohne
Erfolg; denn sie sind ohne Gott, der sich von solchen Pfuschereien zurückhält.
Ist aber ein wirkliches Bedürfnis zu einer großen Reform in einem Volke vorhanden, so ist Gott mit ihm
und sie gelingt."
Dienstag den 27. Januar 1824
Goethe sprach mit mir über die Fortsetzung seiner Lebensgeschichte, mit deren Ausarbeitung er sich gegenwärtig
beschäftigt.
Es kam zur Erwähnung, daß diese Epoche seines spätern Lebens nicht die Ausführlichkeit des Details haben könne,
wie die Jugendepoche von Wahrheit und Dichtung.
"Ich muß, sagte Goethe, diese späteren Jahre mehr als Annalen behandeln; es kann darin weniger mein Leben als
meine Tätigkeit zur Erscheinung kommen.
Überhaupt ist die bedeutendste Epoche eines Individuums die der Entwickelung, welche sich in meinem Fall
mit den ausführlichen Bänden von Wahrheit und Dichtung abschließt.
Später beginnt der Konflikt mit der Welt, und dieser hat nur insofern Interesse als etwas dabei herauskommt."

"Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen; auch will ich mich nicht beklagen und
den Gang meines Lebens nicht schelten.
Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, daß ich in meinem fünf
und siebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt.
Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte.
Meine Annalen werden es deutlich machen, was hiemit gesagt ist.
Der Ansprüche an meine Tätigkeit, sowohl von Außen als Innen, waren zu viele."
"Mein eigentliches Glück war mein poetisches Sinnen und Schaffen.
Allein wie sehr war dieses durch meine äußere Stellung gestört, beschränkt und gehindert.
Hätte ich mich mehr vom öffentlichen und geschäftlichen Wirken und Treiben zurückgehalten und mehr in der
Einsamkeit leben können, ich wäre glücklicher gewesen und würde als Dichter weit mehr gemacht haben.
So aber sollte sich bald nach meinem Götz und Werther an mir das Wort eines Weisen bewähren, welcher sagte:
wenn man der Welt etwas zu Liebe getan habe, so wisse sie dafür zu sorgen, daß man es nicht zum zweiten Male
tue."
"Ein weit verbreiteter Name, eine hohe Stellung im Leben sind gute Dinge.
Allein mit all meinem Namen und Stande habe ich es nicht weiter gebracht, als daß ich, um nicht zu verletzen,
zu der Meinung Anderer schweige.
Dieses würde nun in der Tat ein sehr schlechter Spaß sein, wenn ich dabei nicht den Vorteil hätte, daß ich
erfahre, wie die Anderen denken, aber sie nicht wie ich."
Sonntag den 15. Februar 1824
"Ich habe einen angenehmen Besuch gehabt, sagte er mir freudig entgegen, ein sehr hoffnungsvoller junger Mann,
Meyer aus Westphalen, ist vorhin bei mir gewesen.
Er hat Gedichte gemacht, die sehr viel erwarten lassen.
Er ist erst achtzehn Jahre alt und schon unglaublich weit."
"Ich freue mich, sagte Goethe darauf lachend, daß ich jetzt nicht achtzehn Jahre alt bin.
Als ich achtzehn war, war Deutschland auch erst achtzehn, da ließ sich noch etwas machen; aber jetzt wird
unglaublich viel gefordert und es sind alle Wege verrannt."
"Deutschland selbst steht in allen Fächern so hoch, daß wir kaum alles übersehen können, und nun sollen
wir noch Griechen und Lateiner sein, und Engländer und Franzosen dazu!
Ja obendrein hat man die Verrücktheit, auch nach dem Orient zu weisen und da muß denn ein junger Mensch
ganz konfus werden."
"Ich habe ihm zum Trost meine kolossale Juno gezeigt, als ein Symbol, daß er bei den Griechen verharren
und dort Beruhigung finden möge.
Er ist ein prächtiger junger Mensch!
Wenn er sich vor Zersplitterung in Acht nimmt, so kann etwas aus ihm werden."
"Aber, wie gesagt, ich danke dem Himmel, daß ich jetzt, in dieser durchaus gemachten Zeit, nicht jung bin.
Ich würde nicht zu bleiben wissen.
Ja selbst wenn ich nach Amerika flüchten wollte, ich käme zu spät, denn auch dort wäre es schon zu helle."
Mittwoch den 25. Februar 1824
Goethe zeigte mir heute zwei höchst merkwürdige Gedichte, beide in hohem Grade sittlich in ihrer Tendenz,
in einzelnen Motiven jedoch so ohne allen Rückhalt natürlich und wahr, daß die Welt dergleichen unsittlich
zu nennen pflegt, weshalb er sie denn auch geheim hielt und an eine öffentliche Mitteilung nicht dachte.
"Könnten Geist und höhere Bildung, sagte er, ein Gemeingut werden, so hätte der Dichter ein gutes Spiel;
er könnte immer durchaus wahr sein und brauchte sich nicht zu scheuen, das Beste zu sagen.
So aber muß er sich immer in einem gewissen Niveau halten; er hat zu bedenken, daß seine Werke in die
Hände einer gemischten Welt kommen und er hat daher Ursache sich in Acht zu nehmen, daß er der Mehrzahl
guter Menschen durch eine zu große Offenheit kein Ärgernis gebe.
Und dann ist die Zeit ein wunderlich Ding.
Sie ist ein Tyrann, der seine Launen hat, und der zu dem, was einer sagt und tut, in jedem Jahrhundert ein
ander Gesicht macht.
Was den alten Griechen zu sagen erlaubt war, will uns zu sagen nicht mehr anstehen, und was Shakspears
kräftigen Mitmenschen durchaus anmutete, kann der Engländer von 1820 nicht mehr ertragen, so daß in der
neuesten Zeit ein Family-Shakspeare ein gefühltes Bedürfnis wird."

"Was uns die nächsten Jahre bringen werden, ist durchaus nicht vorherzusagen; doch ich fürchte, wir kommen
so bald nicht zur Ruhe.
Es ist der Welt nicht gegeben, sich zu bescheiden; den Großen nicht, daß kein Mißbrauch der Gewalt Statt
finde, und der Masse nicht, daß sie in Erwartung allmählicher Verbesserungen mit einem mäßigen Zustande
sich begnüge.
Könnte man die Menschheit vollkommen machen, so wäre auch ein volkommener Zustand denkbar; so aber wird
es ewig herüber und hinüber schwanken, der eine Teil wird leiden, während der andere sich wohl befindet,
Egoismus und Neid werden als böse Dämonen immer ihr Spiel treiben und der Kampf der Parteien wird kein
Ende haben."
"Das Vernünftigste ist immer, daß jeder sein Metier treibe, wozu er geboren ist und was er gelernt hat,
und daß er den Andern nicht hindere, das Seinige zu tun.
Der Schuster bleibe bei seinem Leisten, der Bauer hinter dem Pflug und der Fürst wisse zu regieren.
Denn dies ist auch ein Metier, das gelernt sein will, und das sich niemand anmaßen soll, der es nicht
versteht."

"In dem, was ich selber zu tun und zu treiben hatte, fuhr Goethe fort, habe ich mich immer als Royalist
behauptet.
Die Anderen habe ich schwatzen lassen und ich habe getan, was ich für gut fand.
Ich übersah meine Sache und wußte wohin ich wollte.
Hatte ich als Einzelner einen Fehler begangen, so konnte ich ihn wieder gut machen; hätte ich ihn aber
zu dreien und mehreren begangen, so wäre ein Gutmachen unmöglich gewesen, denn unter Vielen ist zu
vielerlei Meinung."

"Indessen, fuhr Goethe fort, habe ich von Tiedges Urania nicht wenig auszustehen gehabt; denn es gab eine
Zeit, wo nichts gesungen und nichts deklamiert wurde als die Urania.
Wo man hinkam, fand man die Urania auf allen Tischen; die Urania und die Unsterblichkeit war der Gegenstand
jeder Unterhaltung.
Ich möchte keineswegs das Glück entbehren an eine künftige Fortdauer zu glauben; ja ich möchte mit
Lorenzo von Medici sagen, daß alle diejenigen auch für dieses Leben tot sind, die kein anderes hoffen; allein
solche unbegreifliche Dinge liegen zu fern, um ein Gegenstand täglicher Betrachtung und gedankenzerstörender
Spekulation zu sein.
Und ferner: wer eine Fortdauer glaubt, der sei glücklich im Stillen, aber er hat nicht Ursache sich darauf
etwas einzubilden."

"Die Beschäftigung mit Unsterblichkeits-Ideen, fuhr Goethe fort, ist für vornehme Stände und besonders für
Frauenzimmer, die nichts zu tun haben.
Ein tüchtiger Mensch aber, der schon hier etwas Ordentliches zu sein gedenkt und der daher täglich zu
streben, zu kämpfen und zu wirken hat, läßt die künftige Welt auf sich beruhen, und ist tätig und
nützlich in dieser.
Ferner sind Unsterblichkeits-Gedanken für solche, die in Hinsicht auf Glück hier nicht zum Besten
weggekommen sind, und ich wollte wetten: wenn der gute Tiedge ein besseres Geschick hätte, so hätte
er auch bessere Gedanken."
Donnerstag den 26.Februar 1824
Durch diese Äußerung Goethes ward manches Analoge in mir aufgeregt, das mir wieder lebhaft vor die Seele
trat.
So hatte er mir vor einiger Zeit gesagt, daß dem echten Dichter die Kenntnis der Welt angeboren sei und
daß er zu ihrer Darstellung keineswegs vieler Erfahrung und einer großen Empirie bedürfe.
"Ich schrieb meinen Götz von Berlichingen, sagte er, als junger Mensch von zwei und zwanzig, und erstaunte
zehn Jahre später über die Wahrheit meiner Darstellung.
Erlebt und gesehen hatte ich bekanntlich dergleichen nicht und ich mußte also die Kenntnis mannigfaltiger
menschlicher Zustände durch Antizipation besitzen."
"Überhaupt hatte ich nur Freude an der Darstellung meiner innern Welt, ehe ich die äußere kannte.
Als ich nachher in der Wirklichkeit fand, daß die Welt so war, wie ich sie mir gedacht hatte, war sie mir
verdrießlich und ich hatte keine Lust mehr sie darzustellen.
Ja ich möchte sagen: hätte ich mit Darstellung der Welt so lange gewartet, bis ich sie kannte, so wäre
meine Darstellung Persiflage geworden."

Wenn Eure Exzellenz behaupten, sagte ich darauf, daß dem Dichter die Welt angeboren sei, so haben Sie wohl
nur die Welt des Innern dabei im Sinne, aber nicht die empirische Welt der Erscheinung und Konvenienz;
und wenn also dem Dichter eine wahre Darstellung derselben gelingen soll, so muß doch wohl die Erforschung
des Wirklichen hinzukommen?
"Allerdings, erwiderte Goethe, es ist so. -
Die Region der Liebe, des Hasses, der Hoffnung, der Verzweiflung und wie die Zustände und Leidenschaften der
Seele heißen, ist dem Dichter angeboren und ihre Darstellung gelingt ihm.
Es ist aber nicht angeboren: wie man Gericht hält, oder wie man im Parlament oder bei einer Kaiserkrönung
verfährt, und um nicht gegen die Wahrheit solcher Dinge zu verstoßen, muß der Dichter sie aus Erfahrung
oder Überlieferung sich aneignen."

"[], allein hätte ich nicht die Welt durch Antizipation bereits in mir getragen, ich wäre mit sehenden Augen
blind geblieben und alle Erforschung und Erfahrung wäre nichts gewesen als ein ganz totes vergebliches
Bemühen.
Das Licht ist da und die Farben umgeben uns; allein trügen wir kein Licht und keine Farben im eigenen Auge,
so würden wir auch außer uns dergleichen nicht wahrnehmen."
Sonnabend den 28. Februar 1824
"Es gibt vortreffliche Menschen, sagte Goethe, die nichts aus dem Stegreife, nichts obenhin zu tun vermögen,
sondern deren Natur es verlangt, ihre jedesmaligen Gegenstände mit Ruhe tief zu durchdringen.
Solche Talente machen uns oft ungeduldig, indem man selten von ihnen erlangt was man augenblicklich
wünscht, allein auf diesem Wege wird das Höchste geleistet."

"Geringeren Talenten genügt nicht die Kunst als solche; sie haben während der Ausführung immer nur den
Gewinn vor Augen, den sie durch ein fertiges Werk zu erreichen hoffen.
Bei so weltlichen Zwecken und Richtungen aber kann nichts Großes zu Stande kommen."
Dienstag den 30. März 1824
Wir kamen sodann auf die Wahlverwandtschaften zu reden, und Goethe erzählte mir von einem durchreisenden
Engländer, der sich scheiden lassen wolle, wenn er nach England zurückkäme.
Er lachte über solche Torheit und erwähnte mehrerer Beispiele von Geschiedenen, die nachher doch nicht
hätten von einander lassen können.
"Der selige Reinhard in Dresden, sagte er, wunderte sich oft über mich, daß ich in Bezug auf die Ehe
so strenge Grundsätze habe, während ich doch in allen übrigen Dingen so läßlich denke."
Diese Äußerung Goethes war mir aus dem Grunde merkwürdig, weil sie ganz entschieden an den Tag legt,
wie er es mit jenem so oft gemißdeuteten Romane eigentlich gemeint hat.
Mittwoch den 14. April 1824
Um ein Uhr mit Goethe spazieren gefahren.
Wir sprachen über den Styl verschiedener Schriftsteller.
"Den Deutschen, sagte Goethe, ist im Ganzen die philosophische Spekulation hinderlich, die in ihren Styl
oft ein unsinnliches, unfaßliches, breites und aufdröselndes Wesen hineinbringt.
Je näher sie sich gewissen philophischen Schulen hingeben, desto schlechter schreiben sie.
Diejenigen Deutschen aber, die als Geschäfts- und Lebemenschen bloß aufs Praktische gehen, schreiben
am besten.
So ist Schillers Styl am prächtigsten und wirksamsten, sobald er nicht philosophiert, wie ich noch heute an
seinen höchst bedeutenden Briefen gesehen, mit denen ich mich grade beschäftige."

"Im Ganzen ist der Styl eines Schriftstellers ein treuer Abdruck seines Innern; will jemand einen klaren
Styl schreiben, so sei es ihm zuvor klar in seiner Seele, und will jemand einen großartigen Styl
schreiben, so habe er einen großartigen Charakter."
Goethe sprach darauf über seine Gegner und daß dieses Geschlecht nie aussterbe.
"Ihre Zahl ist Legion, sagte er, doch ist es nicht unmöglich, sie einigermaßen zu klassifizieren."
"Zuerst nenne ich meine Gegner aus Dummheit; es sind solche, die mich nicht verstanden, und die mich
tadelten, ohne mich zu kennen.
Diese ansehnliche Masse hat mir in meinem Leben viele Langeweile gemacht; doch es soll ihnen verziehen sein,
denn sie wußten nicht was sie taten."
"Eine zweite große Menge bilden sodann meine Neider.
Diese Leute gönnen mir das Glück und die ehrenvolle Stellung nicht, die ich durch mein Talent mir erworben.
Sie zerren an meinem Ruhm und hätten mich gerne vernichtet.
Wäre ich unglücklich und elend, so würden sie aufhören."
"Ferner kommt eine große Anzahl derer, die aus Mangel an eigenem Sukzeß meine Gegner geworden.
Es sind begabte Talente darunter, allein sie können mir nicht verzeihen, daß ich sie verdunkele."
"Viertens nenne ich meine Gegner aus Gründen.
Denn da ich ein Mensch bin und als solcher menschliche Fehler und Schwächen habe, so können auch meine
Schriften davon nicht frei sein.
Da es mir aber mit meiner Bildung ernst war und ich an meiner Veredelung unablässig arbeitete, so war
ich im beständigen Fortstreben begriffen, und es ereignete sich oft, daß sie mich wegen eines Fehlers
tadelten, den ich längst abgelegt hatte.
Diese Guten haben mich am wenigsten verletzt; sie schossen nach mir, wenn ich schon meilenweit
von ihnen entfernt war.
Überhaupt war ein abgemachtes Werk mir ziemlich gleichgültig; ich befaßte mich nicht weiter damit und
dachte sogleich an etwas Neues."
"Eine fernere große Masse zeigt sich als mein Gegner aus abweichender Denkweise und verschiedenen Ansichten.
Man sagt von den Blättern eines Baumes, daß deren kaum zwei vollkommen gleich befunden werden, und so
möchten sich auch unter tausend Menschen kaum zwei finden, die in ihrer Gesinnungs- und Denkungsweise
vollkommen harmonieren.
Setze ich dieses voraus, so sollte ich mich billig weniger darüber wundern, daß die Zahl meiner Widersacher
so groß ist, als vielmehr darüber, daß ich noch so viel Freunde und Anhänger habe.
Meine ganze Zeit wich von mir ab, denn sie war ganz in subjektiver Richtung begriffen, während ich in meinem
objektiven Bestreben im Nachteile und völlig allein stand."
"Schiller hatte in dieser Hinsicht vor mir große Avantagen.
Ein wohlmeinender General gab mir daher einst nicht undeutlich zu verstehen, ich möchte es doch machen, wie
Schiller.
Darauf setzte ich ihm Schillers Verdienste erst recht auseinander, denn ich kannte sie doch besser als er.
Ich ging auf meinem Wege ruhig fort, ohne mich um den Sukzeß weiter zu bekümmern, und von allen meinen
Gegnern nahm ich so wenig Notiz als möglich."
Sonntag den 2.Mai 1824
Und dann, fuhr ich fort, trage ich in die Gesellschaft gewöhnlich meine persönlichen Neigungen und
Abneigungen, und ein gewisses Bedürnis zu lieben und geliebt zu werden.
Ich suche eine Persönlichkeit, die meiner eigenen Natur gemäß sei; dieser möchte ich mich gerne hingeben
und mit den Andern nichts zu tun haben.
"Diese Ihre Natur-Tendenz, erwiderte Goethe, ist freilich nicht geselliger Art; allein was wäre alle Bildung,
wenn wir unsere natürlichen Richtungen nicht wollten zu überwinden suchen.
Es ist eine große Torheit, zu verlangen, daß die Menschen zu uns harmonieren sollen.
Ich habe es nie getan.
Ich habe einen Menschen immer nur als ein für sich bestehendes Individuum angesehen, das ich zu erforschen
und das ich in seiner Eigentümlichkeit kennen zu lernen trachtete, wovon ich aber durchaus keine weitere
Sympathie verlangte.
Dadurch habe ich es nun dahin gebracht, mit jedem Menschen umgehen zu können, und dadurch allein entsteht
die Kenntnis mannigfaltiger Charaktere, so wie die nötige Gewandtheit im Leben.
Denn gerade bei widerstrebenden Naturen muß man sich zusammennehmen, um mit ihnen durchzukommen, und
dadurch werden alle die verschiedenen Seiten in uns angeregt und zur Entwickelung und Ausbildung
gebracht, so daß man sich denn bald jedem Vis-à-vis gewachsen fühlt."

Wir sprachen sodann nach flüchtiger Berührung anderer Gegenstände, über die falsche Tendenz solcher Künstler,
welche die Religion zur Kunst machen wollen, während ihnen die Kunst Religion sein sollte.
"Die Religion, sagte Goethe, steht in demselbigen Verhältnis zur Kunst, wie jedes andere höhere Lebensinteresse
auch.
Sie ist bloß als Stoff zu betrachten, der mit allen übrigen Lebens-Stoffen gleiche Rechte hat.
Auch sind Glaube und Unglaube durchaus nicht diejenigen Organe, mit welchen ein Kunstwerk aufzufassen ist,
vielmehr gehören dazu ganz andere menschliche Kräfte und Fähigkeiten.
Die Kunst aber soll für diejenigen Organe bilden, mit denen wir sie auffassen; tut sie das nicht, so verfehlt
sie ihren Zweck und geht ohne die eigentliche Wirkung an uns vorüber.
Ein religiöser Stoff kann indes gleichfalls ein guter Gegenstand für die Kunst sein, jedoch nur in dem Fall,
wenn er allgemein menschlich ist.
Deshalb ist eine Jungfrau mit dem Kinde ein durchaus guter Gegenstand, der hundertmal behandelt worden und
immer gern wieder gesehen wird."

"Wenn einer fünf und siebzig Jahre alt ist, fuhr er darauf mit großer Heiterkeit fort, kann es nicht fehlen,
daß er mitunter an den Tod denke.
Mich läßt dieser Gedanke in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, daß unser Geist ein Wesen
ist ganz unzerstörbarer Natur; es ist ein fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Es ist der Sonne ähnlich, die bloß unsern irdischen Augen unterzugehen scheint, die aber eigentlich nie
untergeht, sondern unaufhörlich fortleuchtet."
Mittwoch den 24. November 1824
"Der Mehrzahl unserer jungen Poeten, sagte Goethe, fehlt weiter nichts, als daß ihre Subjektivität nicht
bedeutend ist und daß sie im Objektiven den Stoff nicht zu finden wissen.
Im höchsten Falle finden sie einen Stoff, der ihnen ähnlich ist, der ihrem Subjekte zusagt; den Stoff aber
um sein selbst willen, weil er ein poetischer ist, auch dann zu ergreifen, wenn er dem Subjekt widerwärtig
wäre, daran ist nicht zu denken."
"Aber wie gesagt, wären es nur bedeutende Personagen, die durch große Studien und Lebensverhältnisse
gebildet würden, so möchte es, wenigstens um unsere jungen Dichter lyrischer Art, dennoch sehr gut stehen."
Freitag den 3. Dezember 1824
Es war mir in diesen Tagen ein Antrag zugekommen, für ein englisches Journal unter sehr vorteilhaften
Bedingungen monatliche Berichte über die neuesten Erzeugnisse deutscher Literatur einzusenden.
Ich war sehr geneigt, das Anerbieten anzunehmen, doch dachte ich, es wäre vielleicht gut, die Angelegenheit
zuvor mit Goethe zu bereden.

"Nein, wie gesagt, schreiben Sie das Anerbieten ab, es liegt nicht in Ihrem Wege.
Überhaupt hüten Sie sich vor Zersplitterung und halten Sie Ihre Kräfte zusammen. -
Wäre ich vor dreißig Jahren so klug gewesen, ich würde ganz andere Dinge gemacht haben.
Was habe ich mit Schiller an den Horen und Musenalmanachen nicht für Zeit verschwendet! -
Grade in diesen Tagen, bei Durchsicht unserer Briefe, ist mir alles recht lebendig geworden, und
ich kann nicht ohne Verdruß an jene Unternehmungen zurückdenken, wobei die Welt uns mißbrauchte und
die für uns selbst ganz ohne Folge waren.
Das Talent glaubt freilich, es könne das auch, was es andere Leute tun sieht, allein es ist nicht so
und es wird sein Faux-frais bereuen."

1825

Dienstag den 18. Januar 1825
Das Gespräch kam nun auf die Dichterinnen im Allgemeinen und der Hofrat Rehbein bemerkte, daß das
poetische Talent der Frauenzimmer ihm oft als eine Art von geistigem Geschlechtstrieb vorkomme.
"Da hören Sie nur. sagte Goethe lachend, indem er mich ansah, geistigen Geschlechtstrieb! - wie der Arzt das
zurechtlegt. -"
Ich weiß nicht, ob ich mich recht ausdrücke, fuhr dieser fort, aber es ist so etwas.
Gewöhnlich haben diese Wesen das Glück der Liebe nicht genossen und sie suchen nun in geistigen
Richtungen Ersatz.
Wären sie zu rechter Zeit verheiratet und hätten Kinder geboren, sie würden an poetische Produktionen nicht
gedacht haben.
"Ich will nicht untersuchen, sagte Goethe, in wiefern Sie in diesem Falle Recht haben; aber bei Frauenzimmer-
Talenten anderer Art habe ich immer gefunden, daß sie mit der Ehe aufhörten."

Doch unsere Dichterinnen, fuhr er sehr lebhaft fort, möchten immer dichten und schreiben, soviel sie wollten,
wenn nur unsere Männer nicht wie die Weiber schrieben!
Aber das ist es, was mir nicht gefällt.
Man sehe doch nur unsere Zeitschriften und Taschenbücher, wie das alles so schwach ist und immer
schwächer wird!"

"Unterdessen, fuhr er heiter fort, wollen wir es gut sein lassen und uns unseres kräftigen Mädchens in Halle
freuen, die uns mit männlichem Geiste in die serbische Welt einführt.
Die Gedichte sind vortrefflich! es sind einige darunter, die sich dem hohen Liede an die Seite setzen lassen,
und das will etwas heißen."

"Ich habe die einzelnen Gedichte ihrem Hauptinhalte nach mit kurzen Worten charakterisiert und Sie werden sich
über die köstlichen Motive freuen."

Ich las den Inhalt der einzelnen Gedichte langsam.
Die angedeuteten Situationen waren so sprechend und so zeichnend, daß mir bei einem jeden Wort ein ganzes
Gedicht sich vor den Augen ausbildete.

Ich bemerkte, daß diese bloßen Motive so viel Leben in mir anregten, als läse ich die Gedichte selbst, und
daß ich daher nach dem Ausgeführten gar kein Verlangen trage.
"Sie haben ganz Recht, sagte Goethe, es ist so.
Aber Sie sehen daraus die große Wichtigkeit der Motive, die niemand begreifen will.
Unsere Frauenzimmer haben davon nun vollends keine Ahndung.
Dies Gedicht ist schön, sagen sie, und denken dabei bloß an die Empfindungen, an die Worte, an die Verse.
Daß aber die wahre Kraft und Wirkung eines Gedichts in der Situation, in den Motiven besteht, daran denkt
niemand.
Und aus diesem Grunde werden denn auch Tausende von Gedichten gemacht, wo das Motiv durchaus null ist, und
die bloß durch Empfindungen und klingende Verse eine Art von Existenz vorspiegeln.
Überhaupt haben die Dilettanten und besonders die Frauen von der Poesie sehr schwache Begriffe.
Sie glauben gewöhnlich, wenn sie nur das Technische loshätten, so hätten sie das Wesen und wären
gemachte Leute; allein sie sind sehr in der Irre."
Professor Riemer ließ sich melden; Hofrat Rehbein empfahl sich.
Riemer setzte sich zu uns.
Das Gespräch über die Motive der serbischen Liebesgedichte ging fort.
Riemer kannte schon, wovon die Rede war, und er machte die Bemerkung, daß man nach den obigen Inhalts-
Andeutungen nicht allein Gedichte machen könne, sondern daß auch jene Motive, ohne sie aus dem Serbischen
gekannt zu haben, von deutscher Seite schon wären gebraucht und gebildet worden.

"Die Welt bleibt immer dieselbe, sagte Goethe, die Zustände wiederholen sich, das eine Volk lebt, liebt
und empfindet wie das andere, warum sollte denn der eine Poet nicht wie der andere dichten?
Die Situationen des Lebens sind sich gleich, warum sollten denn die Situationen der Gedichte sich nicht
gleich sein?"
Und eben diese Gleichheit des Lebens und der Empfindungen, sagte Riemer, macht es ja, daß wir im Stande sind,
die Poesie anderer Völker zu verstehen.
Wäre dieses nicht, so würden wir ja bei ausländischen Gedichten nie wissen, wovon die Rede ist.

Dieses alles kam nun diesen Abend zur Sprache und es fehlte Goethen nicht an Anlaß zu den interessantesten
Äußerungen.
"Hermann und Dorothea, sagte er unter andern, ist fast das einzige meiner größeren Gedichte, das mir noch
Freude macht; ich kann es nie ohne innigen Anteil lesen.

Besonders lieb ist es mir in der lateinischen Übersetzung; es kommt mir da vornehmer vor, als wäre es, der
Form nach, zu seinem Ursprunge zurückgekehrt."
Auch vom Wilhelm Meister war wiederholt die Rede.
"Schiller, sagte er, tadelte die Einflechtung des Tragischen, als welches nicht in den Roman gehöre.
Er hatte jedoch Unrecht, wie wir alle wissen.
In seine Briefen an mich sind über den Wilhelm Meister die bedeutendsten Ansichten und Äußerungen.
Es gehört dieses Werk übrigens zu den inkalkulabelsten Produktionen, wozu mir fast selbst der Schlüssel
fehlt.
Man sucht einen Mittelpunkt, und das ist schwer und nicht einmal gut.
Ich sollte meinen, ein reiches mannigfaltiges Leben, das unsern Augen vorübergeht, wäre auch an sich
etwas ohne ausgesprochene Tendenz, die doch bloß für den Begriff ist.
Will man aber dergleichen durchaus, so halte man sich an die Worte Friedrichs, die er am Ende an unsern
Helden richtet, indem er sagt: Du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis, der ausging seines Vaters
Eselinnen zu suchen und ein Königreich fand.
Hieran halte man sich.
Denn im Grunde scheint doch das Ganze nichts anderes sagen zu wollen, als daß der Mensch, trotz aller
Dummheiten und Verwirrungen, von einer höheren Hand geleitet, doch zum glücklichen Ziele gelange."

Nachdem nun so, von diesen und hundert andern interessanten Äußerungen und Einflechtungen Goethes
unterbrochen, das gedachte Manuskript bis zu Ende des Jahres 1800 vorgelesen und besprochen war, legte
Goethe die Papiere an die Seite und ließ an einem Ende des großen Tisches, an dem wir saßen, decken und
ein kleines Abendessen bringen.
Wir ließen es uns wohl sein; Goethe selbst rührte aber keinen Bissen an, wie ich ihn denn nie Abends habe essen
sehen.
Er saß bei uns, schenkte uns ein, putzte die Lichter und erquickte uns überdies geistig mit den
herrlichsten Worten.
Das Andenken Schillers war in ihm so lebendig, daß die Gespräche dieser letzten Hälfte des Abends nur ihm
gewidmet waren.
Riemer erinnerte an Schillers Persönlichkeit.
Der Bau seiner Glieder, sein Gang auf der Straße, jede seiner Bewegungen, sagte er, war stolz, nur die Augen
waren sanft.
"Ja, sagte Goethe, alles Übrige an ihm war stolz und großartig aber seine Augen waren sanft.
Und wie sein Körper war sein Talent.
Er griff in einen großen Gegenstand kühn hinein und betrachtete und wendete ihn hin und her und sah ihn so an
und so, und handhabte ihn so und so.
Er sah seinen Gegenstand gleichsam nur von Außen an, eine stille Entwickelung aus dem Innern war nicht
seine Sache.
Sein Talent war sehr desultorisch.
Deshalb war er auch nie entschieden und konnte nie fertig werden.
Er wechselte oft noch eine Rolle kurz vor der Probe."
"Und wie er überall kühn zu Werke ging, so war er auch nicht für vieles Motivieren."

"Daß ich dagegen oft zu viel motivierte, entfernte meine Stücke vom Theater."

"Schillers Talent war recht fürs Theater geschaffen.
Mit jedem Stück schritt er vor und ward er vollendeter; doch war es wunderlich, daß ihm noch von den Räubern
her ein gewisser Sinn für das Grausame anklebte, der selbst in seiner schönsten Zeit ihn nie ganz
verlassen wollte."

"Alle acht Tage war er ein Anderer und ein Vollendeterer; jedesmal wenn ich ihn wiedersah, erschien er mir
vorgeschritten in Belesenheit, Gelehrsamkeit und Urteil.
Seine Briefe sind das schönste Andenken, das ich von ihm besitze, und sie gehören mit zu dem Vortrefflichsten,
was er geschrieben.
Seinen letzten Brief bewahre ich als ein Heiligtum unter meinen Schätzen."

Dieser Brief ist vom 24. April 1805. -
Schiller starb am 9. Mai.
Donnerstag den 24.Februar 1825
"Wäre es meine Sache noch, dem Theater vorzustehen, sagte Goethe diesen Abend, ich würde Byrons Dogen von
Venedig auf die Bühne bringen.
Freilich ist das Stück zu lang und es müßte gekürzt werden; aber man müßte nichts daran schneiden und streichen,
sondern es so machen: Man müßte den Inhalt jeder Szene in sich aufnehmen und ihn bloß kürzer wiedergeben.
Dadurch würde das Stück zusammengehen, ohne daß man ihm durch Änderungen schadete und es würde an kräftiger
Wirkung durchaus gewinnen, ohne im Wesentlichen von seinem Schönen etwas einzubüßen."
Diese Äußerung Goethes gab mir eine neue Ansicht, wie man beim Theater in hundert ähnlichen Fällen zu
verfahren habe, und ich war über diese Maxime, die freilich einen guten Kopf, ja einen Poeten voraussetzt
der seine Sache versteht, höchst erfreut.

Goethe fuhr über Lord Byron zu reden fort:

"Daß er sich vom Herkömmlichen, Patriotischen, lossagte, hat nicht allein einen so vorzüglichen Menschen
persönlich zu Grunde gerichtet, sondern sein revolutionärer Sinn und die damit verbundene beständige
Agitation des Gemüts hat auch sein Talent nicht zur gehörigen Entwickelung kommen lassen.
Auch ist die ewige Opposition und Mißbilligung seinen vortrefflichen Werken selbst, so wie sie
daliegen, höchst schädlich.
Denn nicht allein, daß das Unbehagen des Dichters sich dem Leser mitteilt, sondern auch alles opponierende
Wirken geht auf das Negative hinaus, und das Negative ist nichts.
Wenn ich das Schlechte schlecht nenne, was ist da viel gewonnen?
Nenne ich aber gar das Gute schlecht, so ist viel geschadet.
Wer recht wirken will, muß nie schelten, sich um das Verkehrte gar nicht bekümmern, sondern nur immer
das Gute tun.
Denn es kommt nicht darauf an, daß eingerissen, sondern daß etwas aufgebaut werde, woran die Menschheit
reine Freude empfinde."

"Der hohe Stand als englischer Pair war Byron sehr nachteilig; denn jedes Talent ist durch die Außenwelt
geniert, geschweige eins bei so hoher Geburt und so großem Vermögen.
Ein gewisser mittler Zustand ist dem Talent bei weitem zuträglicher; weshalb wir denn auch alle große
Künstler und Poeten in den mittleren Ständen finden."
Dienstag, den 22.März 1825 (Dritter Teil)
Ältere Personen, bemerkte ich, die jene Zeit erlebt haben, können mir nicht genug rühmen, auf welcher Höhe
das Weimarsche Theater damals gestanden.
"Ich will nicht leugnen, erwiderte Goethe, es war etwas. -
Die Hauptsache aber war dieses, daß der Großherzog mir die Hände durchaus frei ließ und ich schalten und
machen konnte, wie ich wollte.
Ich sah nicht auf prächtige Dekorationen und eine glänzende Garderobe, aber ich sah auf gute Stücke.
Von der Tragödie bis zur Posse, mir war jedes Genre recht; aber ein Stück mußte etwas sein, um Gnade zu
finden.
Es mußte groß und tüchtig, heiter und graziös, auf alle Fälle aber gesund sein und einen gewissen Kern
haben.
Alles Krankhafte, Schwache, Weinerliche und Sentimentale, sowie alles Schreckliche, Greuelhafte und die
gute Sitte Verletzende war ein- für allemal ausgeschlossen; ich hätte gefürchtet, Schauspieler und Publikum
damit zu verderben."
"Durch die guten Stücke aber hob ich die Schauspieler.
Denn das Studium des Vortrefflichen und die fortwährende Ausübung des Vortrefflichen mußte notwendig aus
einem Menschen, den die Natur nicht im Stich gelassen, etwas machen.
Auch war ich mit den Schauspielern in beständiger persönlicher Berührung.
Ich leitete die Leseproben und machte Jedem seine Rolle deutlich; ich war bei den Hauptproben gegenwärtig
und besprach mit ihnen, wie etwas besser zu tun; ich fehlte nicht bei den Vorstellungen und bemerkte am
andern Tage Alles, was mir nicht recht erschienen."
"Dadurch brachte ich sie in ihrer Kunst weiter. -
Aber ich suchte auch den ganzen Stand in der äußeren Achtung zu heben, indem ich die Besten und
Hoffnungsvollsten in meine Kreise zog und dadurch der Welt zeigte, daß ich sie eines geselligen Verkehrs
mit mir wert achtete.
Hierdurch geschah aber, daß auch die übrige höhere Weimarsche Gesellschaft hinter mir nicht zurückblieb
und daß Schauspieler und Schauspielerinnen in die besten Zirkel bald einen ehrenvollen Zutritt gewannen."

"Schiller verfuhr in demselbigen Sinne, wie ich.
Er verkehrte mit Schauspielern und Schauspielerinnen sehr viel.
Er war gleich mir bei allen Proben gegenwärtig, und nach jeder gelungenen Vorstellung von einem seiner
Stücke pflegte er sie zu sich einzuladen und sich mit ihnen einen guten Tag zu machen.
Man freute sich gemeinsam an dem, was gelungen, und besprach sich über das, was etwa das nächstemal besser
zu tun sei.
Aber schon als Schiller bei uns eintraf, fand er Schauspieler wie Publikum bereits im hohen Grade gebildet
vor und es ist nicht zu leugnen, daß es dem raschen Erfolg seiner Stücke zu Gute kam."
Es machte mir viel Freude, Goethe so ausführlich über einen Gegenstand sprechen zu hören, der für mich
immer ein großes Interesse hatte und der besonders durch das Unglück dieser Nacht bei mir obenauf war.
Der heutige Brand des Hauses, sagte ich, in welchem Sie und Schiller eine lange Reihe von Jahren so viel
Gutes gewirkt, beschließt gewissermaßen auch äußerlich eine große Epoche, die für Weimar so bald nicht
zurückkommen dürfte.
Sie müssen doch in jener Zeit bei Ihrer Leitung des Theaters und bei dem außerordentlichen Erfolg den es
hatte, viele Freude erlebt haben!
"Auch nicht geringe Last und Not!" erwiderte Goethe mit einem Seufzer.
Es mag schwer sein, sagte ich, ein so vielköpfiges Wesen in gehöriger Ordnung zu halten.
"Sehr viel, erwiderte Goethe, ist zu erreichen durch Strenge, mehr durch Liebe.
Das Meiste aber durch Einsicht und eine unparteiische Gerechtigkeit, bei der kein Ansehen der Person gilt."
"Ich hatte mich vor zwei Feinden zu hüten, die mir hätten gefährlich werden können.
Das Eine war meine leidenschaftliche Liebe des Talents, das leicht in den Fall kommen konnte, mich
parteiisch zu machen.
Das Andere will ich nicht aussprechen, aber Sie werden es erraten.
Es fehlte bei unserm Theater nicht an Frauenzimmern, die schön und jung und dabei von großer Anmut der Seele waren. -
Ich fühlte mich zu Mancher leidenschaftlich hingezogen; auch fehlte es nicht, daß man mir auf halbem Wege
entgegenkam.
Allein ich faßte mich und sagte: Nicht weiter! -
Ich kannte meine Stellung und wußte, was ich ihr schuldig war.
Ich stand hier nicht als Privatmann, sondern als Chef einer Anstalt, deren Gedeihen mir mehr galt, als mein
augenblickliches Glück.
Hätte ich mich in irgend einen Liebeshandel eingelassen, so würde ich geworden sein wie ein Kompaß, der
unmöglich recht zeigen kann, wenn er einen einwirkenden Magnet an seiner Seite hat."
"Dadurch aber, daß ich mich durchaus rein erhielt und immer Herr meiner Selbst blieb, blieb ich auch
Herr des Theaters, und es fehlte mir nie die nötige Achtung, ohne welche jede Autorität sehr bald dahin ist."
Dieses Bekenntnis Goethes war mir sehr merkwürdig.
Ich hatte bereits von Andern etwas Ähnliches über ihn vernommen und freuete mich, jetzt aus seinem eigenen
Munde die Bestätigung zu hören."
Sonntag, den 27.März 1825 (Dritter Teil)
Das Gespräch wendete sich auf die Schauspieler und es ward über den Gebrauch und Mißbrauch ihrer Kräfte sehr
viel hin und wider geredet.
"Ich habe in meiner langen Praxis, sagte Goethe, als Hauptsache gefunden, daß man nie ein Stück oder gar eine
Oper einstudieren lassen sollte, wovon man man nicht einen guten Sukzeß auf Jahre hin mit einiger
Bestimmtheit voraussieht.
Niemand bedenkt hinreichend das Aufgebot von Kräften, die das Einstudieren eines fünfaktigen Stückes
oder gar einer Oper von gleicher Länge in Anspruch nimmt.
Ja, Ihr Lieben, es gehört viel dazu, ehe ein Sänger eine Partie durch alle Szenen und Akte durchaus inne habe,
und sehr viel, ehe die Chöre gehen, wie sie gehen müssen."

"Und dann, ist einmal ein gutes Stück oder eine gute Oper einstudiert, so soll man sie in kurzen Zwischenpausen
so lange hintereinander geben, als sie irgend zieht und irgend das Haus füllet.
Dasselbe gilt von einem guten älteren Stück oder einer guten älteren Oper, die vielleicht seit Jahr und Tag geruhet
hat und nun gleichfalls eines nicht geringen erneueten Studiums bedurfte, um wieder mit Sukzeß gegeben werden
zu können.
Eine solche Vorstellung soll man in kurzen Zwischenpausen gleichfalls so oft wiederholen, als das Publikum
irgend sein Interesse daran zu erkennen gibt.
Die Sucht, immer etwas Neues haben und ein mit unsäglicher Mühe einstudiertes gutes Stück oder Oper nur
einmal, höchstens zweimal sehen zu wollen, oder auch zwischen solchen Wiederholungen lange Zeiträume
von sechs bis acht Wochen verstreichen zu lassen, wo denn immer wieder ein neues Studium nötig wird,
ist ein wahrer Verderb des Theaters und ein Mißbrauch der Kräfte des ausübenden Personals, der gar nicht
zu verzeihen ist."

"In Italien, fuhr Goethe fort, gibt man eine und dieselbige Oper vier bis sechs Wochen lang jeden Abend und
die italienischen großen Kinder verlangen darin keineswegs eine Änderung.
Der gebildete Pariser sieht die klassischen Stücke seiner großen Dichter so oft, daß er sie auswendig
weiß und für die Betonung einer jeden Sylbe ein geübtes Ohr hat.
Hier in Weimar hat man mir wohl die Ehre erzeigt, meine Iphigenie und meinen Tasso zu geben; allein wie oft? -
Kaum alle drei bis vier Jahre einmal.
Das Publikum findet sie langweilig.
Sehr begreiflich!
Die Schauspieler sind nicht geübt, die Stücke zu spielen, und das Publikum ist nicht geübt, sie zu hören.
Würden die Schauspieler durch öftere Wiederholung sich in ihre Rollen so hineinspielen, daß die
Darstellung ein Leben gewönne, als wäre es nicht eingelernt, sondern als entquölle Alles aus ihrem eigenen
Herzen, so würde das Publikum sicher auch nicht ohne Interesse und ohne Empfindung bleiben."
"Ich hatte wirklich einmal den Wahn, als sei es möglich, ein deutsches Theater zu bilden.
Ja ich hatte den Wahn, als könne ich selber dazu beitragen und als könne ich zu einem solchen Bau einige
Grundsteine legen.
Ich schrieb meine Iphigenie und meinen Tasso und dachte in kindischer Hoffnung, so würde es gehen.
Allein es regte sich nicht und rührte sich nicht und blieb Alles wie zuvor. -
Hätte ich Wirkung gemacht und Beifall gefunden, so würde ich Euch ein ganzes Dutzend Stücke wie die
Iphigenie und den Tasso geschrieben haben.
An Stoff war kein Mangel.
Allein, wie gesagt, es fehlten die Schauspieler, um dergleichen mit Geist und Leben darzustellen, und es
fehlte das Publikum, dergleichen mit Empfindung zu hören und aufzunehmen."
Donnerstag, den 14.April 1825 (Dritter Teil)
Abends bei Goethe.
Da unsere Gespräche über Theater und Theaterleitung einmal an der Zeit waren, so fragte ich ihn, nach
welchen Maximen er bei der Wahl eines neuen Mitglieds verfahren.
"Ich könnte es kaum sagen, erwiderte Goethe.
Ich verfuhr sehr verschieden.
Ging dem neuen Schauspieler ein bedeutender Ruf voraus, so ließ ich ihn spielen und sah wie er sich
zu den Andern passe, ob seine Art und Weise unser Ensemble nicht störe, und ob durch ihn überhaupt
bei uns eine Lücke ausgefüllt werde.
War es aber ein junger Mensch, der zuvor noch keine Bühne betreten, so sah ich zunächst auf seine
Persönlichkeit, ob ihm etwas für sich Einnehmendes, Anziehendes, inwohne, und vor allen Dingen, ob
er sich in der Gewalt habe.
Denn ein Schauspieler, der keine Selbstbeherrschung besitzt und sich einem Fremden gegenüber nicht so
zeigen kann, wie er es für sich am günstigsten hält, hat überhaupt wenig Talent.
Sein ganzes Metier verlangt ja ein fortwährendes Verleugnen seiner selbst und ein fortwährendes Eingehen
und Leben in einer fremden Maske!"
"Wenn mir nun sein Äußeres und sein Benehmen gefiel, so ließ ich ihn lesen, um sowohl die Kraft und den
Umfang seines Organs, als auch die Fähigkeiten seiner Seele zu erfahren.
Ich gab ihm etwas Erhabenes eines großen Dichters, um zu sehen, ob er das wirklich Große zu empfinden
und auszudrücken fähig; dann etwas Leidenschaftliches, Wildes, um seine Kraft zu prüfen.
Dann ging ich wohl zu etwas klar Verständigem, Geistreichen, Ironischen, Witzigen über, um zu sehen,
wie er sich bei solchen Dingen benehme und ob er hinlängliche Freiheit des Geistes besitze.
Dann gab ich ihm etwas, worin der Schmerz eines verwundeten Herzens, das Leiden einer großen Seele
dargestellt war, damit ich erführe, ob er auch den Ausdruck des Rührenden in seiner Gewalt habe."
"Genügte er mir nun in allen diesen mannigfaltigen Richtungen, so hatte ich gegründete Hoffnung, aus ihm
einen sehr bedeutenden Schauspieler zu machen.
War er in einigen Richtungen entschieden besser, als in andern, so merkte ich mir das Fach, für welches
er sich vorzugsweise eigne.
Auch kannte ich jetzt seine schwachen Seiten und suchte bei ihm vor Allem dahin zu wirken, daß er diese
stärke und ausbilde.
Bemerkte ich Fehler des Dialekts und sogenannte Provinzialismen, so drang ich darauf, daß er sie ablege,
und empfahl ihm zu geselligem Umgange und freundlicher Übung ein Mitglied der Bühne, das davon durchaus
frei war.
Dann fragte ich ihn, ob er tanzen und fechten könne, und wenn dieses nicht der Fall, so übergab ich ihn
auf einige Zeit dem Tanz- und Fechtmeister."
"War er nun so weit, um auftreten zu können, so gab ich ihm zunächst solche Rollen, die seiner Individualität
gemäß waren, und ich verlangte vorläufig nichts weiter, als daß er sich selber spiele.
Erschien er mir nun etwas zu feuriger Natur, so gab ich ihm phlegmatische, erschien er mir aber zu ruhig und
langsam, so gab ich ihm feurige, rasche Charaktere, damit er lerne, sich selber abzulegen und in eine
fremde Persönlichkeit einzugehen."
"Es ist ein großer Irrtum, sagte er, wenn man denkt, ein mittelmäßiges Stück auch mit mittelmäßigen
Schauspielern besetzen zu können.
Ein Stück zweiten, dritten Ranges kann durch Besetzung mit Kräften ersten Ranges unglaublich gehoben und
wirklich zu etwas Gutem werden.
Wenn ich aber ein Stück zweiten, dritten Ranges auch mit Schauspielern zweiten, dritten Ranges besetze,
so wundere man sich nicht, wenn die Wirkung vollkommen null ist."
"Schauspieler secondärer Art sind ganz vortrefflich in großen Stücken.
Sie wirken dann wie in einem Gemälde, wo die Figuren im Halbschatten ganz herrliche Dienste tun, um
diejenigen, welche das volle Licht haben, noch mächtiger erscheinen zu lassen."
Sonnabend, den 16.April 1825 (Dritter Teil)
Goethe, der in seinen Bestrebungen, die Natur zu ergründen, gern das All umfassen möchte, steht gleichwohl
gegen jeden einzelnen Naturforscher von Bedeutung, der ein ganzes Leben einer speziellen Richtung widmet,
im Nachteil.
Bei diesem findet sich die Beherrschung eines Reiches unendlichen Details, während Goethe mehr in der
Anschauung allgemeiner großer Gesetze lebt.
Daher kommt nun, daß Goethe, der immer irgend einer großen Synthese auf der Spur ist, dem aber, aus Mangel
an Kenntnis der einzelnen Facta, die Bestätigung seiner Ahnungen fehlt, mit so entschiedener Liebe jedes
Verhältnis zu bedeutenden Naturforschern ergreift und festhält.
Denn bei ihnen findet er was ihm mangelt, bei ihnen findet er die Ergänzung dessen, was bei ihm selber
lückenhaft geblieben.
Er wird nun in wenigen Jahren achtzig Jahre alt, aber des Forschens und Erfahrens wird er nicht satt.
In keiner seiner Richtungen ist er fertig und abgetan; er will immer weiter, immer weiter! immer lernen,
immer lernen! und zeigt sich eben dadurch als ein Mensch von einer ewigen, ganz unverwüstlichen Jugend.
Mittwoch den 20.April 1825
Ich will nicht untersuchen, woher unserer jetzigen Jugend die Einbildung gekommen, daß sie dasjenige als
etwas Angeborenes bereits mit sich bringe, was man bisher nur auf dem Wege vieljähriger Studien und Erfahrungen
erlangen konnte, aber soviel glaube ich sagen zu können, daß die in Deutschland jetzt so häufig vorkommenden
Äußerungen eines alle Stufen allmählicher Entwickelung keck überschreitenden Sinnes zu künftigen Meisterwerken
wenige Hoffnung machen.
"Das Unglück ist, sagte Goethe, im Staat, daß niemand leben und genießen, sondern jeder regieren, und in der
Kunst, daß niemand sich des Hervorgebrachten freuen, sondern jeder seinerseits selbst wieder produzieren
will."
"Auch denkt niemand daran, sich von einem Werk der Poesie auf seinem eigenen Wege fördern zu lassen,
sondern jeder will sogleich wieder dasselbige machen."
"Es ist ferner kein Ernst da, der ins Ganze geht, kein Sinn dem Ganzen etwas zu Liebe zu tun, sondern
man trachtet nur, wie man sein eigenes Selbst bemerklich mache und es vor der Welt zu möglichster Evidenz
bringe. -
Diese falsche Bestreben zeigt sich überall, und man tut es den neuesten Virtuosen nach, die nicht sowohl
solche Stücke zu ihrem Vortrage wählen, woran die Zuhörer reinen musikalischen Genuß haben, als vielmehr
solche, worin der Spielende seine erlangte Fertigkeit könne bewundern lassen.
Überall ist es das Individuum, das sich herrlich zeigen will, und nirgends trifft man auf ein redliches
Streben, das dem Ganzen und der Sache zu Liebe sein eigenes Selbst zurücksetzte."
"Hiezu kommt sodann, daß die Menschen in ein pfuscherhaftes Produzieren hineinkommen, ohne es selbst zu
wissen.
Die Kinder machen schon Verse und gehen so fort und meinen als Jünglinge, sie könnten was, bis sie
zuletzt als Männer zur Einsicht des Vortrefflichen gelangen was da ist und über die Jahre erschrecken, die
sie in einer falschen höchst unzulänglichen Bestrebung verloren haben."
"Ja, Viele kommen zur Erkenntnis des Vollendeten und ihrer eigenen Unzulänglichkeit nie und produzieren
Halbheiten bis an ihr Ende."
"Gewiß ist es, daß wenn jeder früh genug zum Bewußtsein zu bringen wäre, wie die Welt von dem
Vortrefflichsten so voll ist und was dazu gehört, diesen Werken etwas Gleiches an die Seite zu setzen, daß
sodann von jetzigen hundert dichtenden Jünglingen kaum ein Einziger Beharren und Talent und Mut genug
in sich fühlen würde, zu Erreichung einer ähnlichen Meisterschaft ruhig fortzugehen."

"Man sagt mit Recht, fuhr Goethe fort, daß die gemeinsame Ausbildung menschlicher Kräfte zu wünschen und
auch das Vorzüglichste sei.
Der Mensch aber ist dazu nicht geboren, jeder muß sich eigentlich als ein besonderes Wesen bilden, aber
den Begriff zu erlangen suchen, was alle zusammen sind."

"Im Übrigen aber, sagte Goethe, ist es zuletzt die größte Kunst, sich zu beschränken und zu isolieren."

"Ich habe gar zu viele Zeit auf Dinge verwendet, sagte er eines Tages, die nicht zu meinem eigentlichen
Fache gehörten.
Wenn ich bedenke, was Lopez de Vega gemacht hat, so kommt mir die Zahl meiner poetischen Werke sehr
klein vor.
Ich hätte mich mehr an mein eigentliches Metier halten sollen."
"Hätte ich mich nicht so viel mit Steinen beschäftiget, sagte er ein andermal, und meine Zeit zu etwas Besserem
verwendet, ich könnte den schönsten Schmuck von Diamanten haben."
Aus gleicher Ursache schätzt und rühmt er an seinem Freunde Meyer, daß dieser ausschließlich auf das
Studium der Kunst sein ganzes Leben verwendet habe, wodurch man ihm denn die höchste Einsicht in diesem
Fache zugestehen müsse.
"Ich bin auch in solcher Richtung frühzeitig hergekommen, sagte Goethe, und habe auch fast ein halbes
Leben an Betrachtung und Studium von Kunstwerken gewendet, aber Meyern kann ich es denn doch in gewisser
Hinsicht nicht gleich tun."
Mittwoch, den 27.April 1825 (Dritter Teil)
"Ich habe dem Volk und dessen Bildung mein ganzes Leben gewidmet, warum sollte ich ihm nicht auch ein
Theater bauen! -
Allein hier in Weimar, in dieser kleinen Residenz, die, wie man scherzhafterweise sagt, zehntausend
Poeten und einige Einwohner hat, wie kann da viel von Volk die Rede sein, - und nun gar von einem
Volks-Theater! -
Weimar wird ohne Zweifel einmal eine recht große Stadt werden, allein wir können immer noch einige
Jahrhunderte warten, bis das Weimarsche Volk eine hinlängliche Masse bildet, um ein Theater bauen und
erhalten zu können."

"Wenn Sie nichts vorhaben, sagte er, als wir an seiner Wohnung abstiegen, so gehen Sie wohl mit hinauf
und bleiben noch ein Stündchen bei mir."
Welches denn mit großer Freude von mir geschah.
Zelters Brief lag noch auf dem Tische.
"Es ist wunderlich, gar wunderlich, sagte Goethe, wie leicht man zu der öffentlichen Meinung in eine
falsche Stellung gerät! -
Ich wüßte nicht, daß ich je etwas gegen das Volk gesündigt, aber ich soll nun ein - für allemal kein
Freund des Volkes sein.
Freilich bin ich kein Freund des revolutionären Pöbels, der auf Raub, Mord und Brand ausgeht, und
hinter dem falschen Schilde des öffentlichen Wohles nur die gemeinsten egoistischen Zwecke im Auge hat.
Ich bin kein Freund solcher Leute, ebensowenig als ich ein Freund eines Ludwigs des Fünfzehnten bin.
Ich hasse jeden gewaltsamen Umsturz, weil dabei ebensoviel Gutes vernichtet, als gewonnen wird.
Ich hasse die, welche ihn ausführen, wie die, welche dazu Ursache geben.
Aber bin ich darum kein Freund des Volkes? -
Denkt denn jeder rechtlich gesinnte Mann etwas anders?"
"Sie wissen, wie sehr ich mich über jede Verbesserung freue, welche die Zukunft uns etwa in Aussicht stellt.
Aber, wie gesagt, jedes Gewaltsame, Sprunghafte, ist mir in der Seele zuwider, denn es ist nicht naturgemäß."

"Nun heißt es wieder, ich sei ein Fürstendiener, ich sei ein Fürstenknecht. -
Als ob damit etwas gesagt wäre! -
Diene ich denn etwa einem Tyrannen? einem Despoten? -
Diene ich denn etwa einem Solchen, der auf Kosten des Volkes nur seinen eigenen Lüsten lebt? -
Solche Fürsten und solche Zeiten liegen gottlob längst hinter uns.
Ich bin dem Großherzog seit einem halben Jahrhundert auf das innigste verbunden und habe einem halbes
Jahrhundert mit ihm gestrebt und gearbeitet; aber lügen müßte ich, wenn ich sagen wollte, ich wüßte
einen einzigen Tag, wo der Großherzog nicht daran gedacht hatte, etwas zu tun und auszuführen, das dem
Lande zum Wohl gereichte und das geeignete wäre, den Zustand des Einzelnen zu verbessern."

"Wir werden, fuhr Goethe fort, diesen Herbst den Tag feiern, an welchem der Großherzog seit funfzig
Jahren regiert und geherrscht hat.
Allein, wenn ich es recht bedenke, dieses sein Herrschen, was war es weiter, als ein beständiges
Dienen!
Was war es, als ein Dienen in Erreichung großer Zwecke, ein Dienen zum Wohl seines Volkes! -
Soll ich denn also mit Gewalt ein Fürstenknecht sein, so ist es wenigstens mein Trost, daß ich doch nur der
Knecht eines Solchen bin, der selber ein Knecht des allgemeinen Besten ist."
Freitag, den 29.April 1825 (Dritter Teil)
"Nichts, fuhr Goethe fort, ist für das Wohl eines Theaters gefährlicher, als wenn die Direktion so gestellt
ist, daß eine größere oder geringere Einnahme der Kasse sie persönlich nicht weiter berührt, und sie in der
sorglosen Gewißheit hinleben kann, daß dasjenige, was im Laufe des Jahres an der Einnahme der Theater-Kasse
gefehlt hat, am Ende desselben aus irgend einer andern Quelle ersetzt wird.
Es liegt einmal in der menschlichen Natur, daß sie leicht erschlafft, wenn persönliche Vorteile oder
Nachteile sie nicht nötigen.
Nun ist zwar nicht zu verlangen, daß ein Theater in einer Stadt wie Weimar sich selbst erhalten solle und daß
kein jährlicher Zuschuß aus der fürstlichen Kasse nötig sei.
Allein es hat doch Alles sein Ziel und seine Grenze, und einige tausend Taler jährlich mehr oder weniger
sind doch keineswegs eine gleichgültige Sache, besonders da die geringere Einnahme und das Schlechterwerden
des Theaters natürliche Gefährten sind, und also nicht bloß das Geld verloren geht, sondern die Ehre zugleich."
Donnerstag den 12. Mai 1825
Goethe sprach mit hoher Begeisterung über Menander.

"Es kommt nur immer darauf an, fuhr Goethe fort, daß derjenige, von dem wir lernen wollen, unserer Natur
gemäß sei."

"Man spricht immer von Originalität, allein was will das sagen!
So wie wir geboren werden, fängt die Welt an, auf uns zu wirken und das geht so fort bis ans Ende.
Und überall! was können wir denn unser Eigenes nennen, als die Energie, die Kraft, das Wollen. -
Wenn ich sagen könnte, was ich alles großen Vorgängern und Mitlebenden schuldig geworden bin, so
bliebe nicht viel übrig."
"Hiebei aber ist es keineswegs gleichgültig, in welcher Epoche unseres Lebens der Einfluß einer fremden
bedeutenden Persönlichkeit Statt findet."
"Daß Lessing, Winckelmann und Kant älter waren als ich, und die beiden ersteren auf meine Jugend, der
letztere auf mein Alter wirkte, war für mich von großer Bedeutung."
"Ferner: daß Schiller so viel jünger war und im frischesten Streben begriffen, da ich an der Welt
müde zu werden begann; ingleichen daß die Gebrüder von Humboldt und Schlegel unter meinen Augen
aufzutreten anfingen, war von der größten Wichtigkeit.
Es sind mir daher unnennbare Vorteile entstanden."
Sonnabend den 11. Juni 1825
"Der Poet, sagte Goethe, soll das Besondere ergreifen, und er wird, wenn dieses nur etwas Gesundes ist,
darin ein Allgemeines darstellen."

Wir sprachen darauf über Ästhetiker, welche das Wesen der Poesie und des Dichters durch abstrakte
Definitionen auszudrücken sich abmühen, ohne jedoch zu einem klaren Resultat zu kommen.
"Was ist da viel zu definieren, sagte Goethe.
Lebendiges Gefühl der Zustände und Fähigkeit es auszudrücken macht den Poeten."
Mittwoch den 15. Oktober 1825
Wir sprachen über den Zustand der neuesten Literatur, wo denn Goethe sich folgendermaßen äußerte.
"Mangel an Charakter der einzelnen forschenden und schreibenden Individuen, sagte er, ist die Quelle
alles Übels unserer neuesten Literatur."
"Besonders in der Kritik zeigt dieser Mangel sich zum Nachteile der Welt, indem er entweder Falsches
für Wahres verbreitet, oder durch ein ärmliches Wahre uns um etwas Großes bringt, das uns besser wäre."

"Ich hätte die Erbärmlichkeit der Menschen und wie wenig es ihnen um wahrhaft große Zwecke zu tun ist,
nie so kennen gelernt, sagte er, wenn ich mich nicht durch meine naturwissenschaftlichen Bestrebungen
an ihnen versucht hätte.
Da aber sah ich, daß den Meisten die Wissenschaft nur etwas ist, insofern sie davon leben, und daß sie
sogar den Irrtum vergöttern, wenn sie davon ihre Existenz haben."
"Und in der schönen Literatur ist es nicht besser.
Auch dort sind große Zwecke und echter Sinn für das Wahre und Tüchtige und dessen Verbreitung sehr
seltene Erscheinungen.
Einer hegt und trägt den Andern, weil er von ihm wieder gehegt und getragen wird, und das wahrhaft
Große ist ihnen widerwärtig und sie möchten es gerne aus der Welt schaffen, damit sie selber nur
etwas zu bedeuten hätten.
So ist die Masse, und einzelne Hervorragende sind nicht viel besser."

"Viele sind geistreich genug und voller Kenntnisse, allein sie sind zugleich voller Eitelkeit, und um
sich von der kurzsichtigen Masse als witzige Köpfe bewundern zu lassen, haben sie keine Scham und Scheu
und ist ihnen nichts heilig."

"Und dann! was wissen wir denn, und wie weit reichen wir denn mit all unserm Witze?"
"Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problem
angeht und sich sodann in der Grenze des Begreiflichen zu halten."
"Die Handlungen des Universums zu messen, reichen seine Fähigkeiten nicht hin, und in das Weltall
Vernunft bringen zu wollen, ist bei seinem kleinen Standpunkt ein sehr vergebliches Bestreben.
Die Vernunft des Menschen und die Vernunft der Gottheit sind zwei sehr verschiedene Dinge."
"Sobald wir dem Menschen die Freiheit zugestehen, ist es um die Allwissenheit Gottes getan; denn
sobald die Gottheit weiß, was ich tun werde, bin ich gezwungen zu handeln, wie sie es weiß."
"Dieses führe ich nur an als ein Zeichen, wie wenig wir wissen, und daß an göttlichen Geheimnissen
nicht gut zu rühren ist."
"Auch sollen wir höhere Maximen nur aussprechen, insofern sie der Welt zu gute kommen.
Andere sollen wir bei uns behalten, aber sie mögen und werden auf das, was wir tun, wie der milde
Schein einer verborgenen Sonne ihren Glanz breiten."
Sonntag den 25. Dezember 1825
"Alles was wir tun, hat eine Folge.
Aber das Kluge und Rechte bringt nicht immer etwas Günstiges, und das Verkehrte nicht immer etwas
Ungünstiges hervor, vielmehr wirkt es oftmals ganz im Gegenteil."

"Dergleichen wiederholt sich im Leben häufig, und Weltmenschen, welche dieses wissen, sieht man daher
mit einer großen Frechheit und Dreistigkeit zu Werke gehen."

Von Alexis und Dora lenkte sich das Gespräch auf den Wilhelm Meister.
"Es gibt wunderliche Kritiker, fuhr Goethe fort.
An diesem Roman tadelten sie, daß der Held sich zu viel in schlechter Gesellschaft befinde.
Dadurch aber, daß ich die sogenannte schlechte Gesellschaft als Gefäß betrachtete, um das, was
ich von der guten zu sagen hatte, darin niederzulegen, gewann ich einen poetischen Körper und
einen mannigfaltigen dazu.
Hätte ich aber die gute Gesellschaft wieder durch sogenannte gute Gesellschaft zeichnen wollen,
so hätte niemand das Buch lesen mögen."
"Den anscheinenden Geringfügigkeiten des Wilhelm Meister liegt immer etwas Höheres zum Grunde,
und es kommt bloß darauf an, daß man Augen, Weltkenntnis und Übersicht genug besitze, um im
Kleinen das Größere wahrzunehmen.
Andern mag das gezeichnete Leben als Leben genügen."

1826

Sonntag Abend den 29. Januar 1826
"Wenn einer singen lernen will, fuhr Goethe fort, sind ihm alle diejenigen Töne, die in seiner Kehle liegen,
natürlich und leicht; die andern aber, die nicht in seiner Kehle liegen, sind ihm anfänglich äußerst
schwer.
Um aber ein Sänger zu werden, muß er sie überwinden, denn sie müssen ihm alle zu Gebote stehen.
Ebenso ist es mit einem Dichter.
Solange er bloß seine wenigen subjektiven Empfindungen ausspricht, ist er noch keiner zu nennen; aber
sobald er die Welt sich anzueignen und auszusprechen weiß, ist er ein Poet.
Und dann ist er unerschöpflich und kann immer neu sein, wogegen aber eine subjektive Natur ihr
Bischen Inneres bald ausgesprochen hat und zuletzt in Manier zu Grunde geht."

"Ich habe am Theater nur so lange ein wahrhaftes Interesse gehabt, als ich dabei praktisch einwirken
konnte.
Es war meine Freude, die Anstalt auf eine höhere Stufe zu bringen und ich nahm bei den Vorstellungen
weniger Anteil an den Stücken, als daß ich darauf sah, ob die Schauspieler ihre Sachen recht machten oder
nicht.
Was ich zu tadeln hatte, schickte ich am andern Morgen dem Regisseur auf einem Zettel, und ich konnte
gewiß sein, bei der nächsten Vorstellung die Fehler vermieden zu sehen.
Nun aber, wo ich beim Theater nicht mehr praktisch einwirken kann, habe ich auch keinen Beruf mehr
hineinzugehen.
Ich müßte das Mangelhafte geschehen lassen, ohne es verbessern zu können, und das ist nicht meine Sache."

"Das ganze Unheil entsteht daher, daß die poetische Kultur in Deutschland sich so sehr verbreitet hat,
daß niemand mehr einen schlechten Vers macht.
Die jungen Dichter, die mir ihre Werke senden, sind nicht geringer als ihre Vorgänger, und da sie
nun jene so hoch gepriesen sehen, so begreifen sie nicht, warum man sie nicht auch preiset.
Und doch darf man zu ihrer Aufmunterung nichts tun, eben weil es solcher Talente jetzt zu hunderten
gibt, und man das Überflüssige nicht befördern soll, während noch so viel Nützliches zu tun ist.
Wäre ein Einzelner, der über alle hervorragte, so wäre es gut, denn der Welt kann nur mit dem
Außerordentlichen gedient sein."
Donnerstag den 16.Februar 1826
Ich hatte für Goethe ein sehr merkwürdiges Gedicht mitgebracht, wovon ich ihm einige Abende vorher
schon erzählt hatte; ein Gedicht von ihm selbst, dessen er sich jedoch nicht mehr erinnerte, so tief
lag es in der Zeit zurück.
Zu Anfang des Jahres 1766 in den Sichtbaren, einer damals in Frankfurt erschienenen Zeitschrift,
abgedruckt, war es durch einen alten Diener Goethes mit nach Weimar gebracht worden, durch dessen
Nachkommen es in meine Hände gelangt war.
Ohne Zweifel das älteste aller von Goethe bekannten Gedichte.
Es hatte die Höllenfahrt Christi zum Gegenstand, wobei es mir merkwürdig war, wie dem sehr jungen
Verfasser die religiösen Vorstellungsarten so geläufig gewesen.
Der Gesinnung nach konnte das Gedicht von Klopstock herkommen, allein in der Ausführung war es ganz
anderer Natur; es war stärker, freier und leichter und hatte eine größere Energie, einen besseren Zug.
Außerordentliche Glut erinnerte an eine kräftig brausende Jugend.
Beim Mangel an Stoff drehte es sich in sich selbst herum und war länger geworden als billig.
Ich legte Goethen das ganz vergilbte, kaum noch zusammenhängende Zeitungsblatt vor, und da er es mit
Augen sah, erinnerte er sich des Gedichts wieder.
"Es ist möglich, sagte er, daß das Fräulein von Klettenberg mich dazu veranlaßt hat; es steht in der Überschrift:
auf Verlangen entworfen, und ich wüßte nicht, wer von meinen Freunden einen solchen Gegenstand anders
hätte verlangen können.
Es fehlte mir damals an Stoff und ich war glücklich, wenn ich nur etwas hatte, das ich besingen konnte.
Noch dieser Tage fiel mir ein Gedicht aus jener Zeit in die Hände, das ich in englischer Sprache
geschrieben und worin ich mich über den Mangel an poetischen Gegenständen beklage.
Wir Deutschen sind auch wirklich schlimm daran: unsere Ur-Geschichte liegt zu sehr im Dunkel und die
spätere hat aus Mangel eines einzigen Regentenhauses kein allgemeines nationales Interesse.
Klopstock versuchte sich am Hermann, allein der Gegenstand liegt zu entfernt, niemand hat dazu ein
Verhältnis, niemand weiß, was er damit machen soll und seine Darstellung ist daher ohne Wirkung und
Popularität geblieben.
Ich tat einen glücklichen Griff mit meinem Götz von Berlichingen; das war doch Bein von meinem Bein
und Fleisch von meinem Fleisch, und es war schon etwas damit zu machen."
"Beim Werther und Faust mußte ich dagegen wieder in meinen eigenen Busen greifen, denn das Überlieferte
war nicht weit her.
Das Teufels- und Hexen-Wesen machte ich nur einmal; ich war froh, mein nordisches Erbteil verzehrt
zu haben und wandte mich zu den Tischen der Griechen.
Hätte ich aber so deutlich wie jetzt gewußt, wie viel Vortreffliches seit Jahrhunderten und
Jahrtausenden da ist, ich hätte keine Zeile geschrieben, sondern etwas anderes getan."
Mittwoch den 26.Juli 1826
Ich fragte, wie ein Stück beschaffen sein müsse, um theatralisch zu sein.
"Es muß symbolisch sein, antwortete Goethe.
Das heißt: jede Handlung muß an sich bedeutend sein und auf eine noch wichtigere hinzielen."

"In den neunziger Jahren, fuhr Goethe fort, war die eigentliche Zeit meines Theater-Interesses schon
vorüber und ich schrieb nichts mehr für die Bühne, ich wollte mich ganz zum Epischen wenden.
Schiller erweckte das schon erloschene Interesse, und ihm und seinen Sachen zu Liebe nahm ich am
Theater wieder Anteil.
In der Zeit meines Clavigo wäre es mir ein Leichtes gewesen, ein Dutzend Theaterstücke zu schreiben;
an Gegenständen fehlte es nicht und die Produktion ward mir leicht; ich hätte immer in acht Tagen ein
Stück machen können und es ärgert mich noch, daß ich es nicht getan habe."
Mittwoch den 13.Dezember 1826
Über Tisch lobten die Frauen ein Portrait eines jungen Malers.
Und was bewundernswürdig ist, fügten sie hinzu, er hat alles von selbst gelernt.
Dieses merkte man denn auch besonders an den Händen, die nicht richtig und kunstmäßig gezeichnet waren.
"Man sieht, sagte Goethe, der junge Mann hat Talent; allein daß er alles von selbst gelernt hat,
deswegen soll man ihn nicht loben, sondern schelten.
Ein Talent wird nicht geboren, um sich selbst überlassen zu bleiben, sondern sich zur Kunst und
guten Meistern zu wenden, die denn etwas aus ihm machen.
Ich habe dieser Tage einen Brief von Mozart gelesen, wo er einem Baron, der ihm Kompositionen
zugesendet hatte, etwa Folgendes schreibt: "Euch Dilettanten muß man schelten, denn es finden bei
Euch gewöhnlich zwei Dinge Statt: entweder Ihr habt keine eigene Gedanken und da nehmet Ihr fremde;
oder wenn Ihr eigene Gedanken habt, so wißt Ihr nicht damit umzugehen."
"Ist das nicht himmlisch? und gilt dieses große Wort, was Mozart von der Musik sagt, nicht von allen
übrigen Künsten?"
Goethe fuhr fort:
"Leonardo da Vinci sagt: Wenn in euerm Sohn nicht der Sinn steckt, dasjenige, was er zeichnet durch
kräftige Schattierung so herauszuheben, daß man es mit Händen greifen möchte, so hat er kein Talent."
"Und ferner sagt Leonardo da Vinci: Wenn euer Sohn Perspektive und Anatomie völlig inne hat, so tut
ihn zu einem guten Meister."
"Und jetzt, sagte Goethe, verstehen unsere jungen Künstler beides kaum, wenn sie ihre Meister verlassen.
So sehr haben sich die Zeiten geändert."
"Unsern jungen Malern, fuhr Goethe fort, fehlt es an Gemüt und Geist; ihre Erfindungen sagen nichts
und wirken nichts; sie malen Schwerter, die nicht hauen und Pfeile, die nicht treffen, und es
dringt sich mir oft auf, als wäre aller Geist aus der Welt verschwunden."

"Mehr Wollen, sagte Goethe, haben sie aufgeregt als Geist, und mehr politischen Geist als künstlerischen,
und alle Naivetät und Sinnlichkeit ist dagegen gänzlich verloren gegangen.
Wie will aber ein Maler ohne diesen beiden großen Erfordernisse etwas machen, woran man Freude haben könnte."
Ich sagte, daß ich dieser Tage in seiner Italienischen Reise von einem Bilde Correggios gelesen, welches
eine Entwöhnung darstellt, wo das Kind Christus auf dem Schoße der Maria zwischen der Mutterbrust
und einer hingereichten Birne in Zweifel kommt und nicht weiß, welches von beiden es wählen soll.
"Ja, sagte Goethe, das ist ein Bildchen! da ist Geist, Naivetät, Sinnlichkeit, alles bei einander.
Und der heilige Gegenstand ist allgemein menschlich geworden und gilt als Symbol für eine Lebensstufe,
die wir alle durchmachen.
Ein solches Bild ist ewig, weil es in die frühesten Zeiten der Menschheit zurück- und in die künftigsten
vorwärts greift."

Ich habe nun, fuhrt Goethe fort, der deutschen Malerei über funfzig Jahre zugesehen, ja nicht bloß
zugesehen, sondern auch von meiner Seite einzuwirken gesucht, und kann jetzt so viel sagen, daß, so
wie alles jetzt steht, wenig zu erwarten ist.
Es muß ein großes Talent kommen, welches sich alles Gute der Zeit sogleich aneignet und dadurch
alles übertrifft.
Die Mittel sind alle da, und die Wege gezeigt und gebahnt.
Haben wir doch jetzt sogar auch die Phidiasse vor Augen, woran in unserer Jugend nicht zu denken war.
Es fehlt jetzt, wie gesagt, weiter nichts als ein großes Talent, und dieses, hoffe ich, wird kommen;
es liegt vielleicht schon in der Wiege und Sie können seinen Glanz noch erleben."
Mittwoch den 20.Dezember 1826
Die Berliner Zeitungen wurden gebracht und Goethe setzte sich, sie zu lesen.
Er reichte auch mir ein Blatt, und ich fand in den Theaternachrichten: daß man dort im Opernhause
und Königlichen Theater eben so schlechte Stücke gebe als hier.
"Wie soll dies auch anders sein, sagte Goethe,
Es ist freilich keine Frage, daß man nicht mit Hülfe der guten englischen, französischen und
spanischen Stücke ein so gutes Repertoir zusammen bringen sollte, um jeden Abend ein gutes Stück
geben zu können.
Allein wo ist das Bedürfnis in der Nation, immer ein gutes Stück zu sehen?
Die Zeit in welcher Aeschylus, Sophocles und Euripides schrieben, war freilich eine ganz andere:
sie hatte den Geist hinter sich und wollte nur immer das wirklich Größte und Beste.
Aber in unserer schlechten Zeit, wo ist denn da das Bedürfnis für das Beste?
Wo sind die Organe es aufzunehmen?"
"Und dann, fuhr Goethe fort, man will etwas Neues!
In Berlin wie in Paris, das Publikum ist überall dasselbe.
Eine Unzahl neuer Stücke wird jede Woche in Paris geschrieben und auf die Theater gebracht, und
man muß immer fünf bis sechs durchaus schlechte aushalten, ehe man durch ein gutes entschädiget
wird."

1827

Donnerstag Abend den 4.Januar 1827
Ich lobe an den Franzosen, sagte ich, daß ihre Poesie nie den festen Boden der Realität verläßt.
Man kann die Gedichte in Prosa übersetzen und ihr Wesentliches wird bleiben.
"Das kommt daher, sagte Goethe, die französischen Dichter haben Kenntnisse; dagegen denken die
deutschen Narren, sie verlören ihr Talent, wenn sie sich um Kenntnisse bemühen, obgleich jedes Talent
sich durch Kenntnisse nähren muß und nur dadurch erst zum Gebrauch seiner Kräfte gelangt.
Doch wir wollen sie gehen lassen, man hilft ihnen doch nicht, und das wahrhafte Talent findet schon
seinen Weg.
Die vielen jungen Dichter, die jetzt ihr Wesen treiben, sind gar keine rechten Talente; sie beurkunden
weiter nichts als ein Unvermögen, das durch die Höhe der deutschen Literatur zur Produktivität
angereizt worden."

"Raphael und seine Zeitgenossen waren aus einer beschränkten Manier zur Natur und Freiheit durchgebrochen.
Und statt daß jetzige Künstler Gott danken und diese Avantagen benutzen und auf dem trefflichen Wege
fortgehen sollten, kehren sie wieder zur Beschränktheit zurück.
Es ist zu arg und man kann diese Verfinsterung der Köpfe kaum begreifen.
Und weil sie nun auf diesem Wege in der Kunst selbst keine Stütze haben, so suchen sie solche in der
Religion und Partei; denn ohne beides würden sie in ihrer Schwäche gar nicht bestehen können."
"Es geht, fuhr Goethe fort, durch die ganze Kunst eine Filiation.
Sieht man einen großen Meister, so findet man immer, daß er das Gute seiner Vorgänger benutzte und
daß eben dieses ihn groß machte.
Männer wie Raphael wachsen nicht aus dem Boden.
Sie fußten auf der Antike und dem Besten was vor ihnen gemacht worden.
Hätten Sie die Avantagen ihrer Zeit nicht benutzt, so würde wenig von ihnen zu sagen sein."
Das Gespräch lenkte sich auf die altdeutsche Poesie; ich erinnerte an Flemming.
"Flemming, sagt Goethe, ist ein recht hübsches Talent, ein wenig prosaisch, bürgerlich; er kann
jetzt nichts mehr helfen.
Es ist eigen, fuhr er fort, ich habe doch so mancherlei gemacht und doch ist keins von allen
meinen Gedichten, das im lutherischen Gesangbuch stehen könnte."
Ich lachte und gab ihm Recht, indem ich mir sagte, daß in dieser wunderlichen Äußerung mehr liege
als es den Anschein habe.
Sonntag Abend den 12.Januar 1827
Zum Schluß des schönen Abends sang Madam Eberwein auf Goethes Wunsch einige Lieder des Divans, nach den
bekannten Kompositionen ihres Gatten.

Nachdem die Gesellschaft gegangen, blieb ich noch einige Augenblicke mit Goethe allein.
"Ich habe, sagte er, diesen Abend die Bemerkung gemacht, daß diese Lieder des Divans gar kein Verhältnis
mehr zu mir haben.
Sowohl was darin orientalisch als was darin leidenschaftlich ist, hat aufgehört in mir fortzuleben; es ist
wie eine abgestreifte Schlangenhaut am Wege liegen geblieben.
Dagegen das Lied: Um Mitternacht hat sein Verhältnis zu mir nicht verloren, es ist von mir noch ein
lebendiger Teil und lebt mit mir fort."
"Es geht mir übrigens öfter mit meinen Sachen so, daß sie mir gänzlich fremd werden.
Ich las dieser Tage etwas Französisches und dachte im Lesen: der Mann spricht gescheit genug, du
würdest es selbst nicht anders sagen.
Und als ich es genau besehe, ist es eine übersetzte Stelle aus meinen eigenen Schriften."
Montag Abend den 15. Januar 1827
Ich brachte das Gespräch auf den zweiten Teil des Faust, insbesondere auf die klassische Walpurgisnacht,
die nur noch in der Skizze dalag, und wovon Goethe mir vor einiger Zeit gesagt hatte, daß er sie als
Skizze wolle drucken lassen.
Nun hatte ich mir vorgenommen, Goethe zu raten, dieses nicht zu tun, denn ich fürchtete, sie möchte,
einmal gedruckt, für immer unausgeführt bleiben.
Goethe mußte in der Zwischenzeit das bedacht haben, denn er kam mir sogleich entgegen, indem er sagte,
daß er entschlossen sei, jene Skizze nicht drucken zu lassen.
Das ist mir sehr lieb, sagte ich, denn nun habe ich doch die Hoffnung daß Sie sie ausführen werden.
"In einem Vierteljahre, sagte er, wäre es getan, allein woher will die Ruhe kommen!
Der Tag macht gar zu viele Ansprüche an mich; es hält schwer, mich so sehr abzusondern und zu isolieren.
Diesen Morgen war der Erbgroßherzog bei mir, auf morgen Mittag hat sich die Großherzogin melden lassen.
Ich habe solche Besuche als eine hohe Gnade zu schätzen, sie verschönern mein Leben; allein sie
nehmen doch mein Inneres in Anspruch, ich muß doch bedenken, was ich diesen hohen Personen immer
Neues vorlegen und wie ich sie würdig unterhalten will."
Und doch, sagte ich, haben Sie vorigen Winter die Helena vollendet, und Sie waren doch nicht weniger
gestört als jetzt.
"Freilich, sagte Goethe, es geht auch, und muß auch gehen, allein es ist schwer."
Mittwoch den 17. Januar 1827
Die trefflichsten, reifsten Stücke von Schiller und Anderen können gegeben werden und man sieht von jungen
Leuten und Studierenden wenige oder gar keine im Theater; aber man gebe Schillers Räuber oder Schillers
Fiesko und das Haus ist fast allein von Studenten gefüllt.
"Das war, versetzte Goethe, vor funfzig Jahren wie jetzt und wird auch wahrscheinlich nach funfzig Jahren
nicht anders sein.
Was ein junger Mensch geschrieben hat, wird auch wieder am besten von jungen Leuten genossen werden.
Und dann denke man nicht, daß die Welt so sehr in der Kultur und gutem Geschmack vorschritte, daß selbst
die Jugend schon über eine solche rohere Epoche hinaus wäre!
Wenn auch die Welt im Ganzen vorschreitet, die Jugend muß doch immer wieder von vorne anfangen und
als Individuum die Epochen der Welt-Kultur durchmachen.
Mich irritiert das nicht mehr und ich habe längst einen Vers darauf gemacht, der so lautet:
Johannisfeuer sei unverwehrt,
Die Freude nie verloren!
Besen werden immer stumpf gekehrt
Und Jungens immer geboren.
Ich brauch nur zum Fenster hinauszusehen, um in straßenkehrenden Besen und herumlaufenden Kindern die
Symbole der sich ewig abnutzenden und immer sich verjüngenden Welt beständig vor Augen zu haben.
Kinderspiele und Jugend-Vergnügungen erhalten sich daher und pflanzen sich von Jahrhundert zu
Jahrhundert fort; denn so absurd sie auch einem reiferen Alter erscheinen mögen, Kinder bleiben doch
immer Kinder und sind sich zu allen Zeiten ähnlich.
Deshalb soll man auch die Johannisfeuer nicht verbieten und den lieben Kindern die Freude daran nicht
verderben."
Donnerstag Abend den 18.Januar 1827
Auf diesen Abend hatte Goethe mir den Schluß der Novelle versprochen.
Ich ging halb sieben Uhr zu ihm und fand ihn in seiner traulichen Arbeitsstube allein.
Ich setzte mich zu ihm an den Tisch und nachdem wir die nächsten Tagesereignisse besprochen hatten, stand
Goethe auf und gab mir die erwünschten letzten Bogen.
"Da lesen Sie den Schluß", sagte er.
Ich begann.
Goethe ging derweile im Zimmer auf und ab und stand abwechselnd am Ofen.
Ich las wie gewöhnlich leise für mich.

"Um für den Gang dieser Novelle ein Gleichnis zu haben, fuhr Goethe fort, so denken Sie sich aus der Wurzel
hervorschießend ein grünes Gewächs, das eine Weile aus einem starken Stengel kräftige grüne Blätter nach
den Seiten austreibt und zuletzt mit einer Blume endet.
Die Blume war unerwartet, überraschend, aber sie mußte kommen; ja das grüne Blätterwerk war nur für sie da
und wäre ohne sie nicht der Mühe Wert gewesen."
Bei diesen Worten atmete ich leicht auf, es fiel mir wie Schuppen vom Auge, und eine Ahndung von der
Trefflichkeit dieser wunderbaren Komposition fing an sich in mir zu regen.
Goethe fuhr fort:
"Zu zeigen, wie das Unbändige, Unüberwindliche oft besser durch Liebe und Frömmigkeit als durch Gewalt
bezwungen werde, war die Aufgabe dieser Novelle, und dieses schöne Ziel, welches sich im Kinde und
Löwen darstellt, reizte mich zur Ausführung.
Dies ist das Ideelle, dies die Blume.
Und das grüne Blätterwerk der durchaus realen Exposition ist nur dieserwegen da und nur dieserwegen etwas
wert.
Denn was soll das Reale an sich?
Wir haben Freude daran, wenn es mit Wahrheit dargestellt ist, ja es kann uns auch von gewissen Dingen eine
deutlichere Erkenntnis geben; aber der eigentliche Gewinn für unsere höhere Natur liegt doch allein im Idealen,
das aus dem Herzen des Dichters hervorging."
Wie sehr Goethe Recht hatte, empfand ich lebhaft, da der Schluß seiner Novelle noch in mir fortwirkte und
eine Stimmung von Frömmigkeit in mir hervorgebracht hatte, wie ich sie lange nicht in dem Grade
empfunden.
Wie rein und innig, dachte ich bei mir selbst, müssen doch in einem so hohen Alter noch die Gefühle des
Dichters sein, daß er etwas so Schönes hat machen können!
Ich enthielt mich nicht, mich darüber gegen Goethe auszusprechen, so wie überhaupt mich zu freuen, daß diese
in ihrer Art einzige Produktion doch nun existiere.
"Es ist mir lieb, sagte Goethe, wenn Sie zufrieden sind, und ich freue mich nun selbst, daß ich einen
Gegenstand, den ich seit dreißig Jahren in mir herumgetragen, nun endlich los bin.
Schiller und Humboldt, denen ich damals mein Vorhaben mitteilte, rieten mir ab, weil sie nicht wissen
konnten, was in der Sache lag, und weil nur der Dichter allein weiß, welche Reize er seinem Gegenstande
zu geben fähig ist.
Man sollte daher nie jemanden fragen, wenn man etwas schreiben will."

Die übrigen einzelnen Erzählungen und Novellen der Wanderjahre kamen zur Sprache und es ward bemerkt, daß jede
sich von der andern durch einen besonderen Charakter und Ton unterscheide.
"Woher dieses entstanden, sagte Goethe, will ich Ihnen erklären.
Ich ging dabei zu Werke wie ein Maler, der bei gewissen Gegenständen gewisse Farben vermeidet und gewisse
andere dagegen vorwalten läßt.
Er wird z.B. bei einer Morgenlandschaft viel Blau auf seine Palette setzen, aber wenig Gelb.
Malt er dagegen einen Abend, so wird er viel Gelb nehmen und die blaue Farbe fast ganz fehlen lassen.
Auf eine ähnliche Weise verfuhr ich bei meinen verschiedenartigen schriftstellerischen Produktionen und wenn
man ihnen einen verschiedenen Charakter zugesteht, so mag es daher rühren."
Ich dacht bei mir, daß dies eine höchst kluge Maxime sei und freute mich, daß Goethe sie ausgesprochen.

"Ich habe, sagte Goethe, niemals die Natur poetischer Zwecke wegen betrachtet.
Aber weil mein früheres Landschaftszeichnen und dann mein späteres Naturforschen mich zu einem beständigen
genauen Ansehen der natürlichen Gegenstände trieb, so habe ich die Natur bis in ihre kleinsten Details nach
und nach auswendig gelernt, dergestalt, daß, wenn ich als Poet etwas brauche, es mir zu Gebote steht und
ich nicht leicht gegen die Wahrheit fehle.
In Schillern lag dieses Naturbetrachten nicht.
Was in seinem Tell von Schweizerlokalität ist, habe ich ihm alles erzählt; aber er war ein so
bewundernswürdiger Geist, daß er selbst nach solchen Erzählungen etwas machen konnte, das Realität
hatte."
Das Gespräch lenkte sich nun ganz auf Schiller, und Goethe fuhr folgendermaßen fort:
"Schillers eigentliche Produktivität lag im Idealen, und es läßt sich sagen, daß er so wenig in der deutschen
als einer andern Literatur seines Gleichen hat."

"Durch Schillers alle Werke, fuhr Goethe fort, geht die Idee von Freiheit, und diese Idee nahm eine andere
Gestalt an, so wie Schiller in seiner Kultur weiter ging und selbst ein Anderer wurde.
In seiner Jugend war es die physische Freiheit, die ihm zu schaffen machte und die in seine Dichtungen
überging; in seinem spätern Leben die ideelle."
"Es ist mit der Freiheit ein wunderliches Ding und jeder hat leicht genug, wenn er sich nur zu begnügen
und zu finden weiß.
Und was hilft uns ein Überfluß von Freiheit, die wir nicht gebrauchen können!
Sehen Sie dieses Zimmer und diese angrenzende Kammer, in der Sie durch die offene Tür mein Bette sehen,
beide sind nicht groß, sie sind ohnedies durch vielerlei Bedarf, Bücher, Manuskripte und Kunstsachen
eingeengt, aber sie sind mir genug, ich habe den ganzen Winter darin gewohnt und meine vorderen Zimmer
fast nicht betreten.
Was habe ich nun von meinem geräumigen Hause gehabt und von der Freiheit von einem Zimmer ins andere zu
gehen, da ich nicht das Bedürfnis hatte, sie zu benutzen!"
"Hat einer nur soviel Freiheit, um gesund zu leben und sein Gewerbe zu treiben, so hat er genug, und so viel
hat leicht ein jeder.
Und dann sind wir alle nur frei unter gewissen Bedingungen, die wir erfüllen müssen.
Der Bürger ist so frei wie der Adeliche, sobald er sich in den Grenzen hält, die ihm von Gott durch seinen
Stand, worin er geboren, angewiesen.
Der Adeliche ist so frei wie der Fürst; denn wenn er bei Hofe nur das wenige Zeremoniell beobachtet, so darf
er sich als seines Gleichen fühlen.
Nicht das macht frei, daß wir nichts über uns anerkennen wollen, sondern eben daß wir etwas verehren, das über
uns ist.
Denn indem wir es verehren, heben wir uns zu ihm hinauf und legen durch unsere Anerkennung an den Tag, daß wir
selber das Höhere in uns tragen und wert sind seines Gleichen zu sein.
Ich bin bei meinen Reisen oft auf norddeutsche Kaufleute gestoßen, welche glaubten meines Gleichen zu sein,
wenn sie sich roh zu mir an den Tisch setzten.
Dadurch waren sie es nicht, allein sie wären es gewesen, wenn sie mich hätten zu schätzen und zu
behandeln gewußt."
"Daß nun diese physische Freiheit Schillern in seiner Jugend so viel zu schaffen machte, lag zwar teils in
der Natur seines Geistes, größern Teils aber schrieb es sich von dem Drucke her, den er in der Militärschule
hatte leiden müssen."
"Dann aber in seinem reiferen Leben, wo er der physischen Freiheit genug hatte, ging er zur ideellen über,
und ich möchte fast sagen, daß diese Idee ihn getötet hat; denn er machte dadurch Anforderungen an seine
physische Natur, die für seine Kräfte zu gewaltsam waren."
"Der Großherzog bestimmte Schillern bei seiner Hieherkunft einen Gehalt von jährlich tausend Talern und
erbot sich, ihm das Doppelte zu geben, im Fall er durch Krankheit verhindert sein sollte zu arbeiten.
Schiller lehnte dieses letzte Anerbieten ab und machte nie davon Gebrauch.
'Ich habe das Talent, sagte er, und muß mir selber helfen können.'
Nun aber, bei seiner vergrößerten Familie in den letzten Jahren, mußte er der Existenz wegen jährlich zwei
Stücke schreiben, und um dieses zu vollbringen trieb er sich, auch an solchen Tagen und Wochen zu arbeiten,
in denen er nicht wohl war; sein Talent sollte ihm zu jeder Stunde gehorchen und zu Gebote stehen."
"Schiller hat nie viel getrunken, er war sehr mäßig; aber in solchen Augenblicken körperlicher Schwäche
suchte er seine Kräfte durch etwas Liqueur oder ähnliches Spirituoses zu steigern.
Dies aber zehrte an seiner Gesundheit und war auch den Produktionen selbst schädlich."
"Denn was gescheite Köpfe an seinen Sachen aussetzen, leite ich aus diese Quelle her.
Alle solche Stellen, von denen sie sagen, daß sie nicht just sind, möchte ich pathologische Stellen nennen,
indem er sie nämlich an solchen Tagen geschrieben hat, wo es ihm an Kräften fehlte, um die rechten und
wahren Motive zu finden.
Ich habe vor dem kategorischen Imperativ allen Respekt, ich weiß, wie viel Gutes aus ihm hervorgehen kann,
allein man muß es damit nicht zu weit treiben, denn sonst führet diese Idee der ideellen Freiheit
sicher zu nichts Gutem."
Sonntag Abend den 21. Januar 1827
Das Gespräch wendete sich von der französischen Literatur auf die deutsche.
"Da will ich Ihnen doch etwas zeigen, sagte Goethe, das für Sie Interesse haben wird.
Reichen Sie mir doch einen der beiden Bände die vor Ihnen liegen.
Solger ist Ihnen bekannt."
Allerdings, sagte ich, ich habe ihn sogar lieb.
Ich besitze seine Übersetzung des Sophocles und sowohl diese als die Vorrede dazu gaben mir längst von ihm
eine hohe Meinung.

Obgleich Solger zugestand, daß das Faktum in den Wahlverwandtschaften aus der Natur aller Charaktere
hervorgehe, so tadelte er doch den Charakter des Eduard.

"Dieser Aufsatz, fuhr Goethe fort, ist schon im Jahre 1809 geschrieben und es hätte mich damals freuen können,
ein so gutes Wort über die Wahlverwandtschaften zu hören, während man in jener Zeit und später mir eben
nicht viel Angenehmes über jenen Roman erzeigte."
"Solger hat, wie ich aus diesen Briefen sehe, viel Liebe zu mir gehabt; er beklagt sich in einem derselben,
daß ich ihm auf den Sophocles, den er mir zugesendet, nicht einmal geantwortet.
Lieber Gott! -
Aber wie das bei mir geht!
Es ist nicht zu verwundern.
Ich habe große Herren gekannt, denen man viel zusendete.
Diese machten sich gewisse Formulare und Redensarten, womit sie Jedes erwiderten, und so schrieben sie Briefe
zu hunderten, die sich alle gleich und alle Phrase waren.
In mir aber lag dieses nie.
Wenn ich nicht Jemanden etwas Besonderes und Gehöriges sagen konnte, wie es in der jedesmaligen Sache lag,
so schrieb ich lieber gar nicht.
Oberflächliche Redensarten hielt ich für unwürdig, und so ist es denn gekommen, daß ich manchem wackern
Manne, dem ich gerne geschrieben hätte, nicht antworten konnte.
Sie sehen ja selbst, wie das bei mir geht und welche Zusendungen von allen Ecken und Enden täglich bei mir
einlaufen, und müssen gestehen, daß dazu mehr als ein Menschenleben gehören würde, wenn man alles nur
flüchtig erwidern wollte.
Aber um Solger tut es mir leid; er ist gar zu vortrefflich und hätte vor vielen andern etwas Freundliches
verdient."

Goethe erzählte mir sodann von einem Ausländer, der in dieser Zeit ihn hin und wieder besucht und davon
gesprochen, wie er dieses und jenes von seinen Werken übersetzen wolle.
"Es ist ein guter Mensch, sagte Goethe, doch in literarischer Hinsicht bezeigt er sich als ein wahrer
Dilettant.
Denn er kann noch kein deutsch und spricht schon von Übersetzungen, die er machen, und von Portraiten,
die er ihnen will vordrucken lassen.
Das ist aber eben das Wesen der Dilettanten, daß sie die Schwierigkeiten nicht kennen, die in einer Sache
liegen, und daß sie immer etwas unternehmen wollen, wozu sie keine Kräfte haben."
Donnerstag Abend den 29.Januar 1827
Wenn man es recht bedenkt, sagte ich, so entsteht doch eine Gedicht immer ohne Titel und ist ohne Titel
das, was es ist, so daß man also glauben sollte, der Titel gehöre gar nicht zur Sache.
"Er gehört auch nicht dazu, sagte Goethe; die alten Gedichte hatten gar keine Titel, es ist dies ein
Gebrauch der Neuern, von denen auch die Gedichte der Alten erst in einer späteren Zeit Titel erhalten haben.
Doch dieser Gebrauch ist von der Notwendigkeit herbeigeführt, bei einer ausgebreiteten Literatur die
Sachen zu nennen und von einander zu unterscheiden."
Mittwoch den 31.Januar 1827
Bei Goethe zu Tisch.
"In diesen Tagen, seit ich Sie nicht gesehen, sagte er, habe ich vieles und mancherlei gelesen, besonders
auch einen chinesischen Roman, der mich noch beschäftiget und der mir im hohen Grade merkwürdig erscheint."
Chinesischen Roman? sagte ich, der muß wohl sehr fremdartig aussehen.
"Nicht so sehr als man glauben sollte, sagte Goethe.
Die Menschen denken handeln und empfinden fast eben so wie wir und man fühlt sich sehr bald als ihres
Gleichen nur daß bei Ihnen alles klarer, reinlicher und sittlicher zugeht.
Es ist bei Ihnen alles verständig, bürgerlich, ohne große Leidenschaft und poetischen Schwung und hat
dadurch viel Ähnlichkeit mit meinem Hermann und Dorothea, so wie mit dem englischen Romanen des Richardson.
Es unterscheidet sich aber wieder dadurch daß bei ihnen die äußere Natur neben den menschlichen
Figuren immer mitlebt.
Die Goldfische in den Teichen hört man immer plätschern, die Vögel auf den Zweigen singen immerfort, der Tag
ist immer heiter und sonnig, die Nacht immer klar; vom Mond ist viel die Rede, allein er verändert die
Landschaft nicht, sein Schein ist so helle gedacht wie der Tag selber."
Und das Innere ihrer Häuser so nett und zierlich wie ihre Bilder."

"Einen höchst merkwürdigen Gegensatz zu diesem chinesischen Roman, fuhr Goethe fort, habe ich an den Liedern
von Bèranger, denen fast allen ein unsittlicher, liederlicher Stoff zum Grunde liegt und die mir im hohen
Grade zuwider sein würden, wenn nicht ein so großes Talent wie Bèranger die Gegenstände behandelt hätte,
wodurch sie denn erträglich, ja sogar anmutig werden.
Aber sagen Sie selbst, ist es nicht höchst merkwürdig, daß die Stoffe des chinesischen Dichters so
durchaus sittlich und diejenigen des jetzigen ersten Dichters von Frankreich ganz das Gegenteil sind?"
Ein solches Talent wie Bèranger, sagte ich, würde an sittlichen Stoffen nichts zu tun finden.
"Sie haben Recht, sagte Goethe, eben an den Verkehrtheiten der Zeit offenbart und entwickelt Bèranger
seine bessere Natur."
Aber, sagte ich, ist denn dieser chinesische Roman vielleicht einer ihrer vorzüglichsten?
"Keineswegs, sagte Goethe, die Chinesen haben deren zu Tausenden und hatten ihrer schon, als unsere
Vorfahren noch in den Wäldern lebten."
"Ich sehe immer mehr, fuhr Goethe fort, daß die Poesie ein Gemeingut der Menschheit ist, und daß sie
überall und zu allen Zeiten in hunderten und aber hunderten von Menschen hervortritt.
Einer macht es ein wenig besser als der andere und schwimmt ein wenig länger oben als der andere,
das ist alles.
Der Herr v. Matthisson muß daher nicht denken, er wäre es, und ich muß nicht denken, ich wäre es, sondern
jeder muß sich eben sagen, daß es mit der poetischen Gabe keine so seltene Sache sei, und daß niemand
eben besondere Ursache habe, sich viel darauf einzubilden, wenn er ein gutes Gedicht macht.
Aber freilich wenn wir Deutschen nicht aus dem engen Kreise unserer eigenen Umgebung hinausblicken,
so kommen wir gar zu leicht in diesen pedantischen Dünkel.
Ich sehe mich daher gerne bei fremden Nationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun.
National-Literatur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Welt-Literatur ist an der Zeit und jeder
muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.
Aber auch bei solcher Schätzung des Ausländischen dürfen wir nicht bei etwas Besonderem haften bleiben und
dies für musterhaft ansehen wollen.
Wir müssen nicht denken, das Chinesische wäre es, oder das Serbische, oder Calderon, oder die Nibelungen;
sondern im Bedürfnis von etwas Musterhaftem müssen wir immer zu den alten Griechen zurückgehen, in deren
Werken stets der schöne Mensch dargestellt ist.
Alles übrige müssen wir nur historisch betrachten und das Gute, so weit es gehen will, uns daraus aneignen."

"Kein Dichter hat je die historischen Charaktere gekannt, die er darstellte, hätte er sie aber gekannt,
so hätte er sie schwerlich so gebrauchen können.
Der Dichter muß wissen, welche Wirkungen er hervorbringen will und danach die Natur seiner Charaktere
einrichten."

"Und wozu wären denn die Poeten, wenn sie bloß die Geschichte eines Historikers wiederholen wollten!
Der Dichter muß weiter gehen und uns wo möglich etwas Höheres und Besseres geben.
Die Charaktere des Sophocles tragen alle etwas von der hohen Seele des großen Dichters, so wie
Charaktere des Shakspeare von der seinigen.
Und so ist es recht und so soll man es machen."
Donnerstag Abend den 1. Februar 1827
"Ich habe mich, fuhr Goethe fort, in den Naturwissenschaften ziemlich nach allen Seiten hin versucht; jedoch
gingen meine Richtungen immer nur auf solche Gegenstände, die mich irdisch umgaben und die unmittelbar durch
die Sinne wahrgenommen werden konnten; weshalb ich mich denn auch nie mit Astronomie beschäftiget habe, weil
hiebei die Sinne nicht mehr ausreichen, sondern weil man hier schon zu Instrumenten, Berechnungen und
Mechanik seine Zuflucht nehmen muß, die ein eigenes Leben erfordern und die nicht meine Sache waren."
"Wenn ich aber in denen Gegenständen, die in meinem Wege lagen, etwas geleistet, so kam mir dabei zu gute,
daß mein Leben in eine Zeit fiel, die an großen Entdeckungen in der Natur reicher war als irgend eine andere.
Schon als Kind begegnete mir Franklins Lehre von der Elektrizität, welches Gesetz er damals soeben gefunden
hatte.
Und so folgte durch mein ganzes Leben, bis zu dieser Stunde, eine große Entdeckung der andern;
wodurch ich denn nicht allein früh auf die Natur hingeleitet, sondern auch später immer fort in der
bedeutendsten Anregung erhalten wurde."

"Wenn nur die Menschen, fuhr Goethe fort, das Rechte, nachdem es gefunden, nicht wieder umkehrten und
verdüsterten, so wäre ich zufrieden; denn es täte der Menschheit ein Positives not, das man ihr von
Generation zu Generation überlieferte, und es wäre doch gut, wenn das Positive zugleich das Rechte und
Wahre wäre.
In dieser Hinsicht sollte es mich freuen, wenn man in den Naturwissenschaften aufs Reine käme, und sodann
im Rechten beharrte und nicht wider transzendierte, nachdem im Faßlichen alles getan worden.
Aber die Menschen können keine Ruhe halten und ehe man es sich versieht, ist die Verwirrung wieder oben auf."
"So rütteln sie jetzt an den fünf Büchern Moses, und wenn die vernichtende Kritik irgend schädlich ist, so
ist sie es in Religionssachen; denn hiebei beruhet alles auf dem Glauben, zu welchem man nicht zurückkehren
kann, wenn man ihn einmal verloren hat."
"In der Poesie ist die vernichtende Kritik nicht so schädlich.
Wolf hat den Homer zerstört, doch dem Gedicht hat er nichts anhaben können; denn dieses Gedicht hat die
Wunderkraft wie die Helden Walhallas, die sich des Morgens in Stücke hauen und Mittags sich wieder
mit heilen Gliedern zu Tische setzen."
Mittwoch, den 28.März 1827 (Dritter Teil)
"Ich dächte wir hätten genug! -
Was sollen erst die Engländer und Franzosen von der Sprache unserer Philosophen denken, wenn wir Deutschen
sie selber nicht verstehen."
Sonntag, den 1.April 1827 (Dritter Teil)
Das Gespräch lenkte sich auf die Antigone von Sophokles, auf die darin waltende hohe Sittlichkeit,
und endlich auf die Frage: wie das Sittliche in die Welt gekommen?
"Durch Gott selber, erwiderte Goethe, wie alles andere Gute.
Es ist kein Produkt menschlicher Reflektion, sondern es ist angeschaffene und angeborene schöne
Natur.
Es ist mehr oder weniger den Menschen im Allgemeinen angeschaffen, im hohen Grade aber einzelnen,
ganz vorzüglich begabten Gemütern.
Diese haben durch große Taten oder Lehren ihr göttliches Innere offenbaret, welches sodann durch
die Schönheit seiner Erscheinung die Liebe der Menschen ergriff und zur Verehrung und Nacheiferung
gewaltig fortzog."
"Der Wert des Sittlich-Schönen und Guten aber konnte durch Erfahrung und Weisheit zum Bewußtsein
gelangen, indem das Schlechte sich in seinen Folgen als ein Solches erwies, welches das Glück
des Einzelnen wie des Ganzen zerstörte, dagegen das Edle und Rechte als ein Solches, welches
das besondere und allgemeine Glück herbeiführte und befestigte.
So konnte das Sittlich-Schöne zur Lehre werden und sich als ein Ausgesprochenes über ganze
Völkerschaften verbreiten."

Das Gespräch wendete sich auf dramatische Schriftsteller im Allgemeinen, und welche bedeutende Wirkung
auf die große Masse des Volkes von ihnen ausgehe und ausgehen könne.
"Ein großer dramatischer Dichter, sagte Goethe, wenn er zugleich produktiv ist und ihm eine mächtige edle
Gesinnung beiwohnt, die alle seine Werke durchdringt, kann erreichen, daß die Seele seiner Stücke zur
Seele des Volkes wird.
Ich dächte das wäre etwas, das wohl der Mühe wert wäre.
Von Corneille ging eine Wirkung aus, die fähig war, Heldenseelen zu bilden.
Das war etwas für Napoleon, der ein Heldenvolk nötig hatte; weshalb er denn von Corneille sagte, daß, wenn er
noch lebte, er ihn zum Fürsten machen würde.
Ein dramatischer Dichter, der seine Bestimmung kennt, soll daher unablässig an seiner höheren Entwickelung
arbeiten, damit die Wirkung, die von ihm auf das Volk ausgeht, eine wohltätige und edle sei."
"Man studiere nicht die Mitgeborenen und Mitstrebenden, sondern große Menschen der Vorzeit, deren Werke
seit Jahrhunderten gleichen Wert und gleiches Ansehen behalten haben.
Ein wirklich hochbegabter Mensch wird das Bedürfnis dazu ohnedies in sich fühlen, und gerade dieses
Bedürfnis des Umgangs mit großen Vorgängern ist das Zeichen einer höheren Anlage.
Man studiere Molière, man studiere Shakespeare, aber vor allen Dingen die alten Griechen und immer die
Griechen."

"Allein ein edler Mensch, in dessen Seele Gott die Fähigkeit künftiger Charaktergröße und Geisteshoheit
gelegt, wird durch die Bekanntschaft und den vertraulichen Umgang mit den erhabenen Naturen griechischer
und römischer Vorzeit sich auf das Herrlichste entwickeln und mit jedem Tage zusehends zu ähnlicher Größe
heranwachsen."
Mittwoch den 11. April 1827
"Ich habe in diesen Tagen eine wunderliche Lektüre gehabt, nämlich die Briefe Jacobis und seiner Freunde.
Dies ist ein höchst merkwürdiges Buch und Sie müssen es lesen, nicht um etwas daraus zu lernen, sondern um
in den Zustand damaliger Kultur und Literatur hineinzublicken, von dem man keinen Begriff hat.
Man sieht lauter gewissermaßen bedeutende Menschen, aber keine Spur von gleicher Richtung und
gemeinsamen Interesse, sondern jeder rund abgeschlossen für sich und seinen eigenen Weg gehend,
ohne im geringsten an den Bestrebungen des Andern Teil zu nehmen.
Sie sind mir vorgekommen wie die Billardkugeln, die auf der grünen Decke blind durch einander laufen ohne
von einander zu wissen und die, sobald sie sich berühren, nur desto weiter auseinander fahren."

"Jacobi war eigentlich ein geborener Diplomat, ein schöner Mann von schlankem Wuchs, feinen vornehmen
Wesens, der als Gesandter ganz an seinem Platze gewesen wäre.
Zum Poeten und Philosophen fehlte ihm etwas, um beides zu sein."
"Sein Verhältnis zu mir war eigener Art.
Er hatte mich persönlich lieb, ohne an meinen Bestrebungen Teil zu nehmen oder sie wohl gar zu billigen.
Es bedurfte daher der Freundschaft, um uns an einander zu halten.
Dagegen war mein Verhältnis mit Schiller so einzig, weil wir das herrlichste Bindungsmittel in unsern
gemeinsamen Bestrebungen fanden und es für uns keiner sogenannten besondern Freundschaft weiter
bedurfte."
Ich fragte nach Lessing, ob auch dieser in den Briefen vorkomme.
"Nein, sagte Goethe, aber Herder und Wieland."
"Herdern war es nicht wohl bei diesen Verbindungen; er stand zu hoch als daß ihm das hohle Wesen auf die
Länge nicht hätte lästig werden sollen, so wie auch Hamann diese Leute mit überlegenem Geiste behandelte."
"Wieland, wie immer, erscheint auch in diesen Briefen durchaus heiter und wie zu Hause.
An keiner besonderen Meinung hängend, war er gewandt genug, um in alles einzugehen.
Er war einem Rohre ähnlich, das der Wind der Meinungen hin und her bewegte, das aber auf seinem Wurzelchen
immer feste blieb."
"Mein persönliches Verhältnis zu Wieland war immer sehr gut, besonders in der früheren Zeit, wo er mir
allein gehörte.
Seine kleinen Erzählungen hat er auf meine Anregung geschrieben.
Als aber Herder nach Weimar kam, wurde Wieland mir ungetreu; Herder nahm ihn mir weg, denn dieses Mannes
persönliche Anziehungskraft war sehr groß."

"Ich will Ihnen etwas sagen, woran Sie sich im Leben halten mögen.
Es gibt in der Natur ein Zugängliches und ein Unzugängliches.
Dieses unterscheide und bedenke man wohl und habe Respekt.
Es ist uns schon geholfen, wenn wir es überall nur wissen, wiewohl es immer sehr schwer bleibt zu sehen,
wo das Eine aufhört und das Andere beginnt.
Wer es nicht weiß, quält sich vielleicht lebenslänglich am Unzugänglichen ab, ohne je der Wahrheit
nahe zu kommen.
Wer es aber weiß und klug ist, wird sich am Zugänglichen halten, und indem er in dieser Region nach allen
Seiten geht und sich befestiget, wird er sogar auf diesem Wege dem Unzugänglichen etwas abgewinnen
können, wiewohl er hier doch zuletzt gestehen wird, daß manchen Dingen nur bis zu einem gewissen
Grade beizukommen ist, und die Natur immer etwas Problematisches hinter sich behalte, welches zu
ergründen die menschlichen Fähigkeiten nicht hinreichen."

Wir waren zu früh zurückgekehrt, um sogleich an Tisch zu gehen, und Goethe zeigte mir vorher noch eine
Landschaft von Rubens und zwar einen Sommer-Abend.

Das Ganze schien mir mit solcher Wahrheit zusammen zu hängen und das Einzelne lag mir mit solcher Treue
vor Augen, daß ich die Meinung äußerte: Rubens habe dieses Bild wohl ganz nach der Natur abgeschrieben.
"Keineswegs, sagte Goethe; ein so vollkommenes Bild ist niemals in der Natur gesehen worden, sondern
wir verdanken diese Komposition dem poetischen Geiste des Malers.
Aber der große Rubens hatte ein so außerordentliches Gedächtnis, daß er die ganze Natur im Kopfe trug
und sie ihm in ihren Einzelheiten immer zu Befehl war.
Daher kommt diese Wahrheit des Ganzen und Einzelnen, so daß wir glauben, alles sei eine reine Kopie nach
der Natur.
Jetzt wird eine solche Landschaft gar nicht mehr gemacht, diese Art zu empfinden und die Natur zu sehen,
ist ganz verschwunden, es mangelt unsern Malern an Poesie."
"Und dann sind unsere jungen Talente sich selber überlassen, er fehlen die lebendigen Meister, die sie in
die Geheimnisse der Kunst einführen.
Zwar ist auch von den Toten etwas zu lernen, allein dieses ist, wie es sich zeigt, mehr ein Absehen von
Einzelheiten als ein Eindringen in eines Meisters tiefere Art zu denken und zu verfahren."

Bald aber waren wir wieder auf ernstere Dinge geraten und wir sahen uns in einem Gespräch über Religionslehren
in England tief befangen.
"Ihr müßtet wie ich, sagte Goethe, seit funfzig Jahren die Kirchengeschichte studiert haben, um zu begreifen,
wie das alles zusammenhängt.
Dagegen ist es höchst merkwürdig, mit welchen Lehren die Mohamedaner ihre Erziehung beginnen.
Als Grundlage in der Religion befestigen sie ihre Jugend zunächst in der Überzeugung, daß dem Menschen
nichts begegnen könne, als was ihm von einer alles leitenden Gottheit längst bestimmt worden;
und somit sind sie denn für ihr ganzes Leben ausgerüstet und beruhigt und bedürfen kaum eines Weiteren."
"Ich will nicht untersuchen, was an dieser Lehre Wahres oder Falsches, Nützliches oder Schädliches sein mag;
aber im Grunde liegt von diesem Glauben doch etwas in uns Allen, auch ohne daß es uns gelehrt worden.
Die Kugel, auf der mein Name nicht geschrieben steht, wird mich nicht treffen, sagt der Soldat in der
Schlacht, und wie sollte er ohne diese Zuversicht in den dringendsten Gefahren Mut und Heiterkeit behalten!
Die Lehre des christlichen Glaubens: kein Sperling fällt vom Dache ohne den Willen eures Vaters, ist aus
derselbigen Quelle hervorgegangen, und deutet auf eine Vorsehung, die das Kleinste im Auge hält und
ohne deren Willen und Zulassen nichts geschehen kann."
"Sodann ihren Unterricht in der Philosophie beginnen die Mohamedaner mit der Lehre: daß nichts existiere,
wovon sich nicht das Gegenteil sagen lasse; und so üben sie den Geist der Jugend, indem sie ihre Aufgaben
darin bestehen lassen, von jeder aufgestellten Behauptung die entgegengesetzte Meinung zu finden und
auszusprechen, woraus eine große Gewandtheit im Denken und Reden hervorgehen muß."
"Nun aber, nachdem von jedem aufgestellten Satze das Gegenteil behauptet worden, entsteht der Zweifel welches
denn von Beiden das eigentlich Wahre sei.
Im Zweifel aber ist kein Verharren, sondern er treibt den Geist zu näherer Untersuchung und Prüfung,
woraus denn, wenn diese auf eine vollkommene Weise geschieht, die Gewißheit hervorgeht, welches
das Ziel ist, worin der Mensch seine völlige Beruhigung findet."
"Sie sehen, daß dieser Lehre nichts fehlt und daß wir mit allen unsern Systemen nicht weiter sind und
daß überhaupt niemand weiter gelangen kann."
Ich werde dadurch, sagte ich, an die Griechen erinnert, deren philosophische Erziehungsweise eine
ähnliche gewesen sein muß, wie uns dieses ihre Tragödie beweiset, deren Wesen im Verlaufe der Handlung auch
ganz und gar auf dem Widerspruch beruhet, indem niemand der redenden Personen etwas behaupten kann, wovon
der Andere nicht eben so klug das Gegenteil zu sagen wüßte.
"Sie haben vollkommen Recht, sagte Goethe; auch fehlt der Zweifel nicht, welcher im Zuschauer oder Leser
erweckt wird; so wie wir denn am Schluß durch das Schicksal zur Gewißheit gelangen, welches sich an das
Sittliche anschließt und dessen Partei führt."

"Jenes philosophische System der Mohamedaner ist ein artiger Maßstab, den man an sich und Andere anlegen kann,
um zu erfahren, auf welcher Stufe geistiger Tugend man denn eigentlich stehe."
"Lessing hält sich, seiner polemischen Natur nach, am liebsten in der Region der Widersprüche und Zweifel
auf; das Unterscheiden ist seine Sache, und dabei kam ihm sein großer Verstand auf das Herrlichste
zu statten.
Mich selbst werden Sie dagegen ganz anders finden; ich habe mich nie auf Widersprüche eingelassen, die
Zweifel habe ich in meinem Innern auszugleichen gesucht und nur die gefundenen Resultate habe ich
ausgesprochen."
Ich fragte Goethe, welchen der neueren Philosophen er für den vorzüglichsten halte.
"Kant, sagt er, ist der vorzüglichste, ohne allen Zweifel.
Er ist auch derjenige, dessen Lehre sich fortwirkend erwiesen hat, und die in unsere deutsche Kultur
am tiefsten eingedrungen ist.
Er hat auch auf Sie gewirkt, ohne daß Sie ihn gelesen haben.
Jetzt brauchen Sie ihn nicht mehr, denn was er Ihnen geben konnte, besitzen Sie schon.
Wenn Sie einmal später etwas von ihm lesen wollen, so empfehle ich Ihnen seine Kritik der Urteilskraft, worin
er die Rhetorik vortrefflich, die Poesie leidlich, die bildende Kunst aber unzulänglich behandelt hat."
Haben Eure Exzellenz je zu Kant ein persönliches Verhältnis gehabt? fragte ich.
"Nein, sagte Goethe.
Kant hat nie von mir Notiz genommen, wiewohl ich aus eigener Natur einen ähnlichen Weg ging als er. "

"Schiller pflegte mir immer das Studium der Kantischen Philosophie zu widerraten.
Er sagte gewöhnlich, Kant könne mir nichts geben.
Er selbst studierte ihn dagegen eifrig, und ich habe ihn auch studiert und zwar nicht ohne Gewinn."
Mittwoch, den 18.April 1827 (Dritter Teil)
"Ich muß über die Ästhetiker lachen, sagte Goethe, welche sich abquälen, dasjenige Unaussprechliche, wofür
wir den Ausdruck schön gebrauchen durch einige abstrakte Worte in einen Begriff zu bringen.
Das Schöne ist ein Urphänomen, das zwar selber zur Erscheinung kommt, dessen Abglanz aber in tausend
verschiednen Äußerungen des schaffenden Geistes sichtbar wird, und so mannigfaltig und so verschiedenartig
ist, als die Natur selber."

Darauf bei Tisch, waren wir sehr heiter.
Der junge Goethe hatte die Helena seines Vaters gelesen und sprach darüber mit vieler Einsicht eines
natürlichen Verstandes.
Über den im antiken Sinne gedichteten Teil ließ er eine entschiedene Freude blicken, während ihm die
opernartige romantische Hälfte, wie man merken konnte, beim Lesen nicht lebendig geworden.
"Du hast im Grunde recht, und es ist ein eigenes Ding, sagte Goethe.
Man kann zwar nicht sagen, daß das Vernünftige immer schön sei; allein das Schöne ist doch immer
vernünftig, oder wenigstens es sollte so sein.
Der antike Teil gefällt dir aus dem Grund, weil er faßlich ist, weil du die einzelnen Teile übersehen
und du meiner Vernunft mit der deinigen beikommen kannst.
In der zweiten Hälfte ist zwar auch allerlei Verstand und Vernunft gebraucht und verarbeitet worden;
allein es ist schwer und erfordert einiges Studium, ehe man den Dingen beikommt und ehe man mit
eigener Vernunft die Vernunft des Autors wieder herausfindet."
Donnerstag, den 3. Mai 1827 (Dritter Teil)
Die höchst gelungene Übersetzung der dramatischen Werke Goethes von Stapfer hat in dem zu Paris erscheinenden
Globe des vorigen Jahres durch Herrn. J.J. Ampère eine Beurteilung gefunden, die nicht weniger vortrefflich
ist, und die Goethen so angenehm berührte, daß er sehr oft darauf zurückkam und sich oft mit großer Anerkennung
darüber ausließ.
"Der Standpunkt des Herrn Ampère, sagte er, ist ein sehr hoher.
Wenn deutsche Rezensenten bei ähnlichen Anlässen gern von der Philosophie ausgehen und bei Betrachtung und
Besprechung eines dichterischen Erzeugnisses auf eine Weise verfahren, daß dasjenige, was sie zu dessen
Aufklärung beibringen, nur Philosophen ihrer eigenen Schule zugänglich, für andere Leute aber weit
dunkler ist als das Werk, das sie erläutern wollen, selber, so benimmt sich dagegen Herr Ampère durchaus
praktisch und menschlich. -
Als Einer, der das Metier aus dem Grunde kennt, zeigt er die Verwandtschaft des Erzeugten mit dem Erzeuger,
und beurteilt die verschiedenen poetischen Produktionen als verschiedene Früchte verschiedener Lebensepochen
des Dichters."
"Er hat den abwechselnden Gang meiner irdischen Laufbahn und meiner Seelenzustände im Tiefsten studiert und
sogar die Fähigkeit gehabt, das zu sehen, was ich nicht ausgesprochen und was, so zu sagen, nur zwischen den
Zeilen zu lesen war.
Wie richtig hat er bemerkt, daß ich in den ersten zehn Jahren meines Weimarschen Dienst- und Hoflebens so gut
wie gar nichts gemacht, daß die Verzweiflung mich nach Italien getrieben, und daß ich dort, mit neuer Lust
zum Schaffen, die Geschichte des Tasso ergriffen, um mich in Behandlung dieses angemessenen Stoffes von
demjenigen frei zu machen, was mir noch aus meinen Weimarschen Eindrücken und Erinnerungen Schmerzliches
und Lästiges anklebte.
Sehr treffend nennt er daher auch den Tasso einen gesteigerten Werther."
"Sodann über den Faust äußerte er sich nicht weniger geistreich, indem er nicht bloß das düstere, unbefriedigte
Streben der Hauptfigur, sondern auch den Hohn und die herbe Ironie des Mephistopheles als Teil meines eigenen
Wesen bezeichnet."

"Ihnen in ihrer Heide, erwiderte Goethe, ist es freilich nicht so leicht geworden, und auch wir Andern im
mittleren Deutschland haben unser Bißchen Weisheit schwer genug erkaufen müssen.
Denn wir führen doch im Grunde Alle ein isoliertes armseliges Leben!
Aus dem eigentlichen Volke kommt uns sehr wenig Kultur entgegen und unsere sämtlichen Talente und guten
Köpfe sind über ganz Deutschland ausgesäet.
Da sitzt Einer in Wien, ein Anderer in Berlin, ein Anderer in Königsberg, ein Anderer in Bonn oder
Düsseldorf.
Alle durch fünfzig bis hundert Meilen von einander getrennt, so daß persönliche Berührungen und ein
persönlicher Austausch von Gedanken zu den Seltenheiten gehört.
Was dies aber wäre, empfinde ich, wenn Männer wie Alexander von Humboldt hier durchkommen und mich in dem,
was ich suche, und mir zu wissen nötig, in einem einzigen Tage weiter bringen, als ich sonst auf meinem
einsamen Wege in Jahren nicht erreicht hätte."

"Es ist wahr, Schiller war recht jung, als er seine Räuber, seine Kabale und Liebe und seinen Fiesco schrieb.
Allein, wenn wir aufrichtig sein wollen, so sind doch alle diese Stücke mehr Äußerungen eines außergewöhnlichen
Talents, als daß sie von großer Bildungsreife des Autors zeugten.
Daran ist aber nicht Schiller Schuld, sondern der Kulturzustand seiner Nation und die große Schwierigkeit,
die wir Alle erfahren, uns auf einsamem Wege durchzuhelfen."

"Also, mein Guter, ich wiederhole: es kommt darauf an, daß in einer Nation viel Geist und tüchtige Bildung
in Cours sei, wenn ein Talent sich schnell und freudig entwickeln soll."
"Wir bewundern die Tragödien der alten Griechen; allein, recht besehen, sollten wir mehr die Zeit und die
Nation bewundern, in der sie möglich waren, als die einzelnen Verfasser. -
Denn wenn auch diese Stücke unter sich ein wenig verschieden, und wenn auch der eine dieser Poeten ein
wenig größer und vollendeter erscheint als der andere, so trägt doch, im Groben und Ganzen betrachtet,
Alles nur einen einzigen durchgehenden Charakter.
Dies ist der Charakter des Großartigen, des Tüchtigen, des Gesunden, des Menschlich-Vollendeten, der hohen
Lebensweisheit, der erhabenen Denkungsweise, der reinkräftigen Anschauung, und welche Eigenschaften man noch
sonst aufzählen könnte. -
Finden sich nun aber alle diese Eigenschaften nicht bloß in den auf uns gekommenen dramatischen, sondern auch
in den lyrischen und epischen Werken; finden wir sie ferner bei den Philosophen, Rhetoren und
Geschichtsschreibern, und in gleich hohem Grade in den auf uns gekommenen Werken der bildenden Kunst,
so muß man sich wohl überzeugen, daß solche Eigenschaften nicht bloß einzelnen Personen anhaften, sondern
daß sie der Nation und der ganzen Zeit angehörten und in ihr in Cours waren."

"Wie ärmlich sieht es dagegen bei uns Deutschen aus! -
Was lebte denn in meiner Jugend von unsern nicht weniger bedeutenden alten Liedern im eigentlichen Volke? -
Herder und seine Nachfolger mußten erst anfangen, sie zu sammeln und der Vergessenheit zu entreißen;
dann hatte man sie doch wenigstens gedruckt in Bibliotheken. -
Und später, was haben nicht Bürger und Voß für Lieder gedichtet!
Wer wollte sagen, daß sie geringer und weniger volkstümlich wären, als die des vortrefflichen Burns!
Allein, was ist davon lebendig geworden, so daß es uns aus dem Volke wieder entgegenklänge? -
Sie sind geschrieben und gedruckt worden und stehen in Bibliotheken, ganz gemäß dem allgemeinen Lose
deutscher Dichter. -
Von meinen eigenen Liedern, was lebt denn?
Es wird wohl eins und das andere einmal von einem hübschen Mädchen am Klavier gesungen, allein im eigentlichen
Volke ist Alles stille.
Mit welchen Empfindungen muß ich der Zeit gedenken, wo italienische Fischer mir Stellen des Tasso sangen!" -
"Wir Deutschen sind von gestern.
Wir haben zwar seit einem Jahrhundert ganz tüchtig kultiviert; allein es können noch ein paar Jahrhunderte
hingehen, ehe bei unseren Landsleuten so viel Geist und höhere Kultur eindringe und allgemein werde,
daß sie gleich den Griechen der Schönheit huldigen, daß sie sich für ein hübsches Lied begeistern, und daß
man von ihnen wird sagen können, es sei lange her, daß sie Barbaren gewesen."
Sonntag, den 6. Mai 1827 (Dritter Teil)
Goethe erzählte uns darauf, wie er im Jahre 1797 den Plan gehabt, die Sage vom Tell als episches Gedicht
in Hexametern zu behandeln.

"Von allem diesen erzählte ich Schillern, in dessen Seele sich meine Landschaften und meine handelnden
Figuren zu einem Drama bildeten.
Und da ich andere Dinge zu tun hatte und die Ausführung meines Vorsatzes sich immer weiter verschob,
so trat ich meinen Gegenstand Schillern völlig ab, der denn darauf sein bewundernswürdiges Gedicht
schrieb."

Das Gespräch wendete sich auf den Tasso, und welche Idee Goethe darin zur Anschauung zu bringen gesucht.
"Idee? sagte Goethe, - daß ich nicht wüßte!
Ich hatte das Leben Tassos, ich hatte mein eigenes Leben, und indem ich zwei so wunderliche Figuren
mit ihren Eigenheiten zusammenwarf, entstand in mir das Bild des Tasso, dem ich, als prosaischen
Kontrast, den Antonio entgegenstellte, wozu es mir auch nicht an Vorbildern fehlte.
Die weiteren Hof- Lebens- und Liebesverhältnisse waren übrigens in Weimar wie in Ferrara, und ich kann
mit Recht von meiner Darstellung sagen: sie ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch."
"Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! -
Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen,
das Leben schwerer, als billig. -
Ei! so habt doch endlich einmal die Courage, Euch den Eindrücken hinzugeben, Euch ergötzen zu lassen,
Euch rühren zu lassen, Euch erheben zu lassen, ja Euch belehren und zu etwas Großem entflammen und
ermutigen zu lassen; aber denkt nur nicht immer, es wäre Alles eitel, wenn es nicht irgend abstrakter
Gedanke und Idee wäre!"
"Da kommen sie und fragen: welche Idee ich in meinem Faust zu verkörpern gesucht? -
Als ob ich das selber wüßte und aussprechen könnte! -
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle, das wäre zur Not etwas; aber das ist keine Idee, sondern Gang der
Handlung.
Und ferner, daß der Teufel die Wette verliert, und daß ein aus schweren Verirrungen immerfort zum
Besseren aufstrebender Mensch zu erlösen sei, das ist zwar ein wirksamer, Manches erklärender guter
Gedanke, aber es ist keine Idee, die dem Ganzen und jeder einzelnen Szene im Besonderen zu Grunde
liege.
Es hätte auch in der Tat ein schönes Ding werden müssen, wenn ich ein so reiches, buntes und so
mannigfaltiges Leben, wie ich es im Faust zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen
durchgehenden Idee hätte reihen wollen!"
"Es war im Ganzen, fuhr Goethe fort, nicht meine Art, als Poet nach Verkörperung von etwas Abstrakten
zu streben.
Ich empfing in meinem Innern Eindrücke, und zwar Eindrücke sinnlicher, lebensvoller, lieblicher, bunter,
hundertfältiger Art, wie eine rege Einbildungskraft es mir darbot; und ich hatte als Poet weiter nichts
zu tun, als solche Anschauungen und Eindrücke in mir künstlerisch zu runden und auszubilden und durch eine
lebendige Darstellung so zum Vorschein zu bringen, daß Andere dieselbigen Eindrücke erhielten, wenn sie
mein Dargestelltes hörten oder lasen."
"Wollte ich jedoch einmal als Poet irgend eine Idee darstellen, so tat ich es in kleinen Gedichten, wo
eine entschiedene Einheit herrschen konnte und welches zu übersehen war, wie z.B. die Metamorphose der
Tiere, die der Pflanze, das Gedicht Vermächtnis, und viele anderen.
Das einzige Produkt von größerem Umfang, wo ich mir bewußt bin, nach Darstellung einer druchgreifenden
Idee gearbeitet zu haben, wären etwa meine Wahlverwandtschaften.
Der Roman ist dadurch für den Verstand faßlich geworden; aber ich will nicht sagen, daß er dadurch
besser geworden wäre!
Vielmehr bin ich der Meinung: je inkommensurabeler und für den Verstand unfaßlicher eine poetische
Produktion, desto besser."
Mittwoch den 20.Juni 1827
Die Gespräche wechselten heiter und mannigfaltig, besonders aber waren die Frömmler einiger norddeutschen
Städte ein oft wiederkehrender Gegenstand.
Es ward bemerkt, daß diese pietistischen Absonderungen ganze Familien mit einander uneins gemacht und
zersprengt hätten.
Ich konnte einen ähnlichen Fall erzählen, wo ich fast einen trefflichen Freund verloren, weil es ihm nicht
gelingen wollen, mich zu seiner Meinung zu bekehren.
Dieser, sagte ich, war ganz von dem Glauben durchdrungen, daß alles Verdienst und alle gute Werke nichts
seien, und daß der Mensch bloß durch die Gnade Christi ein gutes Verhältnis zur Gottheit gewinnen könne.

"So wie alle diese Dinge, sagte Goethe, heutigen Tages in der Welt in Cours und Gespräch sind, ist es nichts
als ein Mantsch und vielleicht niemand von euch weiß, wo es herkommt.
Ich will es euch sagen.
Die Lehre von den guten Werken, daß nämlich der Mensch durch Gutestun, Vermächtnisse und milde Stiftungen
eine Sünde abverdienen und sich überhaupt in der Gnade Gottes dadurch heben könne, ist katholisch.
Die Reformatoren aber, aus Opposition, verwarfen diese Lehre, und setzten dafür an die Stelle, daß der
Mensch einzig und allein trachten müsse, die Verdienste Christi zu erkennen und sich seiner Gnaden
teilhaftig zu machen, welches denn freilich auch zu guten Werken führe.
So ist es; aber heutiges Tags wird alles durcheinander gemengt und verwechselt und niemand weiß, woher
die Dinge kommen."
Donnerstag den 5.Juli 1827
Als der Kanzler und Coudray gingen, bat Goethe mich, noch ein wenig bei ihm zu bleiben.
"Da ich in Jahrtausenden lebe, sagte er, so kommt es mir immer wunderlich vor, wenn ich von Statuen und
Monumenten höre.
Ich kann nicht an eine Bildsäule denken, die einem verdienten Manne gesetzt wird, ohne sie im Geiste schon
von künftigen Kriegern umgeworfen und zerschlagen zu sehen.
Coudray's Eisenstäbe um das Wielandische Grab sehe ich schon als Hufeisen unter den Pferdefüßen einer
künftigen Kavallerie blinken, und ich kann noch dazu sagen, daß ich bereits einen ähnlichen Fall in
Frankfurt erlebt habe."

Wir scherzten mit gutem Humor über die entsetzliche Unbeständigkeit der irdischen Dinge und nahmen sodann
Coudrays Zeichnung wieder zur Hand und freuten uns an den zarten und kräftigen Zügen der englischen
Bleifeder, die dem Zeichner so zu Willen gewesen war, daß der Gedanke unmittelbar ohne den geringsten Verlust
auf dem Papiere stand.
Dies führte das Gespräch auf Handzeichnungen, und Goethe zeigte mir eine ganze vortreffliche eines
italienischen Meisters, den Knaben Jesus darstellend im Tempel unter den Schriftgelehrten.
Daneben zeigt er mir einen Kupferstich, der nach dem ausgeführten Bilde gemacht war und man konnte
viele Betrachtungen anstellen, die alle zu Gunsten der Handzeichnung hinausliefen.
"Ich bin in dieser Zeit so glücklich gewesen, sagte Goethe, viele treffliche Handzeichnungen berühmter
Meister um ein Billiges zu kaufen.
Solche Zeichnungen sind unschätzbar, nicht allein, weil sie die rein geistige Intention des Künstlers geben,
sondern auch, weil sie uns unmittelbar in die Stimmung versetzen, in welcher der Künstler sich
in dem Augenblick des Schaffens befand.
Aus dieser Zeichnung des Jesusknaben im Tempel blickt aus allen Zügen große Klarheit und heitere stille
Entschiedenheit im Gemüte des Künstlers, welche wohltätige Stimmung in uns übergeht, so wie wir das Bild
betrachten.
Zudem hat die bildende Kunst den großen Vorteil, daß sie rein objektiver Natur ist, und uns zu sich
herannötiget, ohne unsere Empfindungen heftig anzuregen.
Ein solches Werk steht da und spricht entweder gar nicht, oder auf eine ganz entschiedene Weise.
Ein Gedicht dagegen macht einen weit vageren Eindruck, es erregt die Empfindungen und bei Jedem andere, nach
der Natur und Fähigkeit des Hörers."

"Unsere deutschen Ästhetiker, sagte Goethe, reden zwar viel von poetischen und unpoetischen Gegenständen, und
sie mögen auch in gewisser Hinsicht nicht ganz Unrecht haben; allein im Grunde bleibt kein realer
Gegenstand unpoetisch, sobald der Dichter ihn gehörig zu gebrauchen weiß."
Montag Abend den 9. Juli 1827
Nachdem wir uns an dieser heiteren Anekdote ergötzt hatten, brachte der Kanzler das Gespräch auf die neuesten
Zustände zwischen der Oppositions- und der Ministeriellen Partei zu Paris, indem er eine kräftige Rede
fast wörtlich rezitierte, die ein äußerst kühner Demokrat zu seiner Verteidigung vor Gericht gegen
die Minister gehalten.

Über jene Angelegenheit und besonders das einschränkende Preß-Gesetz ward zwischen Goethe und dem Kanzler
viel hin und wider gesprochen; es war ein reichhaltiges Thema, wobei sich Goethe wie immer als milder
Aristokrat erwies, jener Freund aber wie bisher scheinbar auf der Seite des Volkes festhielt.
"Mir ist für die Franzosen in keiner Hinsicht bange, sagte Goethe; sie stehen auf einer solchen Höhe
welthistorischer Ansicht, daß der Geist auf keine Weise mehr zu unterdrücken ist.
Das einschränkende Gesetz wird nur wohltätig wirken, zumal die Einschränkungen nichts Wesentliches
betreffen, sondern nur gegen Persönlichkeiten gehen.
Eine Opposition, die keine Grenzen hat, wird platt.
Die Einschränkung aber nötig sie geistreich zu sein, und dies ist ein sehr großer Vorteil.
Direkt und grob seine Meinung herauszusagen mag nur entschuldigt werden können und gut sein, wenn man
durchaus Recht hat.
Eine Partei aber hat nicht durchaus Recht, eben weil sie Partei ist, und ihr steht daher die indirekte
Weise wohl, worin die Franzosen von je große Muster waren."

Es war ein schöner Abend und wir sprachen im Gehen viel über Goethe.
Besonder aber wiederholten wir uns gerne jenes Wort, daß eine Opposition ohne Einschränkung platt werde.
Montag den 23. Juli 1827
Goethe schien sich meiner Annäherung zu freuen und winkte mir, neben ihm Platz zu nehmen.
Wir hatte kaum die ersten flüchtigen Reden des Zusammentreffens abgetan, als das Gespräch sich wieder auf
Manzoni wendete.

"Manzoni ist ein geborener Poet, so wie Schiller einer war.
Doch unsere Zeit ist so schlecht, daß dem Dichter im ungebenden menschlichen Leben keine brauchbare
Natur mehr begegnet.
Um sich nun aufzuerbauen, griff Schiller zu zwei großen Dingen: zur Philosophie und Geschichte;
Manzoni zur Geschichte allein.
Schillers Wallenstein ist so groß, daß in seiner Art zum zweiten Mal nicht etwas Ähnliches vorhanden ist;
aber Sie werden finden, daß eben diese beiden gewaltigen Hülfen, die Geschichte und Philosophie, dem Werke
an verschiedenen Teilen im Wege sind und seinen reinen poetischen Sukzeß hindern.
So leidet Manzoni durch ein Übergewicht der Geschichte."
Montag den 24. September 1827
Ein bekannter deutscher Dichter war dieser Tage durch Weimar gegangen und hatte Goethen sein Stammbuch
gegeben.
"Was darin für schwaches Zeug steht, glauben Sie nicht, sagte Goethe.
Die Poeten schreiben alle, als wären sie krank und die ganze Welt ein Lazarett.
Alle sprechen sie von dem Leiden und dem Jammer der Erde und von den Freuden des Jenseits, und unzufrieden,
wie schon alle sind, hetzt einer den andern in noch größere Unzufriedenheit hinein.
Das ist ein wahrer Mißbrauch der Poesie, die uns doch eigentlich dazu gegeben ist, um die kleinen Zwiste
des Lebens auszugleichen und den Menschen mit der Welt und seinem Zustand zufrieden zu machen.
Aber die jetzige Generation fürchtet sich vor aller echten Kraft und nur bei der Schwäche ist es ihr
gemütlich und poetisch zu Sinne."
"Ich habe ein gutes Wort gefunden, fuhr Goethe fort, um diese Herren zu ärgern.
Ich will ihre Poesie die Lazarett-Poesie nennen; dagegen die echt Tyrtäische diejenige, die nicht bloß
Schlachtlieder singt, sondern auch den Menschen mit Mut ausrüstet, die Kämpfe des Lebens zu bestehen."

Im Wagen zu unseren Füßen lag ein aus Binsen geflochtener Korb mit zwei Handgriffen, der meine
Aufmerksamkeit erregte.

Er sieht sehr malerisch und sogar antik aus, sagte ich.
"Sie haben Recht, sagte Goethe, er kommt der Antike nahe, denn er ist nicht allein so vernünftig und
zweckmäßig als möglich, sondern er hat auch dabei die einfachste, gefälligste Form, so daß man
also sagen kann: er steht auf dem höchsten Punkt der Vollendung."
Mittwoch, den 26.September 1827 (Dritter Teil)
"Ich will nun just eben nicht damit prahlen; aber es war so und lag tief in meiner Natur.
Ich hatte vor der bloßen Fürstlichkeit, als solcher, wenn nicht zugleich eine tüchtige Menschennatur
und ein tüchtiger Menschenwert dahinter steckte, nie viel Respekt. -
Ja es war mir selber so wohl in meiner Haut und ich fühlte mich selber so vornehm, daß, wenn man mich
zum Fürsten gemacht hätte, ich es nicht eben sonderlich merkwürdig gefunden haben würde.
Als man mir das Adelsdiplom gab, glaubten Viele, wie ich mich dadurch möchte erhoben fühlen.
Allein, unter uns, es war mir nichts, gar nichts!
Wir Frankfurter Patrizier hielten uns immer dem Adel gleich, und als ich das Diplom in den Händen hielt,
hatte ich in meinen Gedanken eben nichts weiter, als was ich längst besessen."
Sonntag, den 7.Oktober 1827 (Dritter Teil)
Ich erzählte Goethen einen merkwürdigen Traum aus meinen Knabenjahren, der am anderen Morgen buchstäblic
in Erfüllung ging.
"Dieses Ihr Knabenereignis, sagte Goethe, ist allerdings höchst merkwürdig.
Aber dergleichen liegt sehr wohl in der Natur, wenn wir auch dazu noch nicht den rechten Schlüssel
haben.
Wir wandeln Alle in Geheimnissen.
Wir sind von einer Atmosphäre umgeben, von der wir noch gar nicht wissen, was sich Alles in ihr regt
und wie es mit unserm Geiste in Verbindung steht.
So viel ist wohl gewiß, daß in besondern Zuständen die Fühlfäden unserer Seele über ihre körperlichen
Grenzen hinausreichen können, und ihr ein Vorgefühl, ja auch ein wirklicher Blick in die nächste
Zukunft gestattet ist."

"Wie gesagt, wir tappen Alle in Geheimnissen und Wundern.
Auch kann eine Seele auf die andere durch bloße stille Gegenwart entschieden einwirken, wovon ich mehrere
Beispiele erzählen könnte.
Es ist mir sehr oft passiert, daß wenn ich mit einem guten Bekannten ging und lebhaft an etwas dachte,
dieser über das, was ich im Sinne hatte, sogleich an zu reden fing.
So habe ich einen Mann gekannt, der, ohne ein Wort zu sagen, durch bloße Geistesgewalt eine in heitern
Gesprächen begriffene Gesellschaft plötzlich stille zu machen im Stande war.
Ja er konnte auch eine Verstimmung hineinbringen, so daß es Allen unheimlich wurde."
Jena, Montag, den 8. Oktober 1827 (Dritter Teil)
Ich hatte im vorigen Sommer in der Nähe von Tiefurt zwei junge Zaunkönige gefangen, die wahrscheinlich erst
ganz kürzlich ihr Nest verlassen hatten; denn sie saßen in einem Busch auf einem Zweig nebst sieben
Geschwistern in einer Reihe und ließen sich von ihren Alten füttern.

Als ich aber das Tuch öffnete, entschlüpften sie mir beide und waren sogleich im Gebüsch und Grase
verschwunden, so daß mein Suchen nach ihnen vergebens war.
Am dritten Tage kam ich zufällig wieder an dieselbige Stelle, und da ich die Locktöne eines Rotkehlchens
hörte, so vermutete ich ein Nest in der Nähe, welches ich nach einigem Umherspähen auch wirklich fand.
Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich in diesem Nest, neben beinahe flüggen jungen Rotkehlchen, auch
meine beiden jungen Zaunkönige fand, die sich hier ganz gemütlich untergetan hatten und sich von den
alten Rotkehlchen füttern ließen.

"Das ist eine der besten ornithologischen Geschichten, die mir je zu Ohren gekommen, sagte Goethe."

"Wer das hört und nicht an Gott glaubt, dem helfen nicht Moses und die Propheten.
Das ist nun, was ich die Allgegenwart Gottes nenne, der einen Teil seiner unendlichen Liebe überall verbreitet
und eingepflanzt hat, und schon im Tiere dasjenige als Knospe andeutet, was im edlen Menschen zur
schönsten Blüte kommt.
Fahren Sie ja in Ihren Studien und Ihren Beobachtungen fort! Sie scheinen darin ein besonderes Glück zu haben
und können noch ferner zu ganz unschätzbaren Resultaten kommen."

1828

Dienstag, den 11. März 1828 (Dritter Teil)
"Was wollt Ihr! erwiderte Goethe.
Ich habe auch meine Liebeslieder und meinen Werther nicht zum zweitenmal gemacht.
Jene göttliche Erleuchtung, wodurch das Außerordentliche entsteht, werden wir immer mit der Jugend
und der Produktivität im Bunde finden, wie denn Napoleon einer der produktivsten Menschen war, die
je gelebt haben."
"Ja, ja, mein Guter, man braucht nicht bloß Gedichte und Schauspiele zu machen, um produktiv zu sein,
es gibt auch eine Produktivität der Taten, und die in manchen Fällen noch um ein Bedeutendes höher
steht. -
Selbst der Arzt muß produktiv sein, wenn er wahrhaft heilen will; ist er es nicht, so wird ihm nur hin
und wieder, wie durch Zufall, etwas gelingen, im Ganzen aber wird er nur Pfuscherei machen."
Sie scheinen, versetzte ich, in diesem Fall Produktivität zu nennen, was man sonst Genie nannte.
"Beides sind auch sehr nahe liegende Dinge, erwiderte Goethe.
Denn was ist Genie anders, als jene produktive Kraft, wodurch Taten entstehen, die vor Gott und der Natur
sich zeigen können, und die eben deswegen Folge haben und von Dauer sind."

"Dagegen haben wir in der Literatur andere und zwar bedeutende Namen, die, als sie lebten, für große
Genies gehalten wurden, deren Wirken aber mit ihrem Leben endete, und die also weniger waren, als sie
und Andere dachten.
Denn, wie gesagt, es gibt kein Genie ohne produktiv fortwirkende Kraft, und ferner: es kommt dabei gar nicht
auf das Geschäft, die Kunst und das Metier an, das Einer treibt, es ist Alles dasselbige."

"Und dann muß ich noch sagen: nicht die Masse der Erzeugnisse und Taten, die von Jemandem ausgehen, deuten
auf einen produktiven Menschen.
Wir haben in der Literatur Poeten, die für sehr produktiv gehalten werden, weil von ihnen ein Band Gedichte
nach dem andern erschienen ist.
Nach meinem Begriff aber sind diese Leute durchaus unproduktiv zu nennen, denn, was sie machten, ist ohne
Leben und Dauer."

Ich konnte nicht umhin, einige hochstehende deutsche Männer zu erwähnen, denen im hohen Alter die nötige
Energie und jugendliche Beweglichkeit zum Betrieb der bedeutendsten und mannigfaltigsten Geschäfte doch
keineswegs zu fehlen scheine.
"Solche Männer und ihres Gleichen, erwiderte Goethe, sind geniale Naturen, mit denen es eine eigene Bewandtnis
hat; sie erleben eine wiederholte Pubertät, während andere Leute nur einmal jung sind."
"Jede Entelechie nämlich ist ein Stück Ewigkeit, und die paar Jahre, die sie mit dem irdischen Körper verbunden
ist, machen sie nicht alt. -
Ist diese Entelechie geringer Art, so wird sie während ihrer körperlichen Verdüsterung wenig Herrschaft ausüben,
vielmehr wird der Körper vorherrschen, und wie er altert, wird sie ihn nicht halten und hindern.
Ist aber die Entelechie mächtiger Art, wie es bei allen genialen Naturen der Fall ist, so wird sie, bei ihrer
belebenden Durchdringung des Körpers, nicht allein auf dessen Organisation kräftigend und veredelnd einwirken,
sondern sie wird auch, bei ihrer geistigen Übermacht, ihr Vorrecht einer ewigen Jugend fortwährend gelten zu
machen suchen.
Daher kommt es denn, daß wir bei vorzüglich begabten Menschen, auch während ihres Alters, immer noch frische
Epochen besonderer Produktivität wahrnehmen; es scheint bei ihnen immer einmal wieder eine temporäre
Verjüngung einzutreten, und das ist, was ich eine wiederholte Pubertät nennen möchte."
"Aber jung ist jung, und wie mächtig auch eine Entelechie sich erweise, sie wird doch über das Körperliche
nie ganz Herr werden, und es ist ein gewaltiger Unterschied, ob sie an ihm einen Alliierten oder einen
Gegner findet."
"Ich hatte in meinem Leben eine Zeit, wo ich täglich einen gedruckten Bogen von mir fordern konnte, und es
gelang mir mit Leichtigkeit.
Meine Geschwister habe ich in drei Tagen geschrieben.
Meinen Clavigo, wie Sie wissen, in acht. -
Jetzt soll ich dergleichen wohl bleiben lassen; und doch kann ich über Mangel an Produktivität, selbst in
meinem hohen Alter, mich keineswegs beklagen.
Was mir aber in meinen jungen Jahren täglich und unter allen Umständen gelang, gelingt mir jetzt nur
periodenweise und unter gewissen günstigen Bedingungen. -
Als mich vor zehn zwölf Jahren, in der glücklichen Zeit nach dem Befreiungskriege, die Gedichte des Divan
in ihrer Gewalt hatten, war ich produktiv genug, um oft in einem Tage zwei bis drei zu machen; und auf freiem
Felde, im Wagen oder im Gasthof, es war mir Alles gleich.
Jetzt, am zweiten Teil meines Faust, kann ich nur in den frühen Stunden des Tages arbeiten, wo ich mich vom
Schlaf erquickt und gestärkt fühle und die Fratzen des täglichen Lebens mich noch nicht verwirrt haben.
Und doch, was ist es, das ich ausführe!
Im allerglücklichsten Fall eine geschriebene Seite; in der Regel aber nur so viel, als man auf den Raum
einer Handbreit schreiben könnte, und oft, bei unproduktiver Stimmung, noch weniger."
Gibt es denn im Allgemeinen, sagte ich, kein Mittel, um eine produktive Stimmung hervorzubringen, oder, wenn
sie nicht mächtig genug wäre, sie zu steigern?
"Um diesen Punkt, erwiderte Goethe, steht es gar wunderlich, und wäre darüber allerlei zu denken und zu
sagen."
"Jede Produktivität höchster Art, jedes bedeutende Apercu, jede Erfindung, jeder große Gedanke der Früchte
bringt und Folge hat, steht in Niemandes Gewalt und ist über aller irdischen Macht erhaben.
Dergleichen hat der Mensch als unverhoffte Geschenke von oben, als reine Kinder Gottes, zu betrachten, die
er mit freudigem Dank zu empfangen und zu verehren hat.
Es ist dem Dämonischen verwandt, das übermächtig mit ihm tut wie es beliebt und dem er sich bewußtlos hingibt,
während er glaubt, er handele aus eigenem Antriebe.
In solchen Fällen ist der Mensch oftmals als ein Werkzeug einer höheren Weltregierung zu betrachten, als ein
würdig befundenes Gefäß zur Aufnahme eines göttlichen Einflusses. -
Ich sage dies, indem ich erwäge, wie oft ein einziger Gedanke ganzen Jahrhunderten eine andere Gestalt gab,
und wie einzelne Menschen durch das, was von ihnen ausging, ihrem Zeitalter ein Gepräge aufdrückten, das
noch in nachfolgenden Geschlechtern kenntlich blieb und wohltätig fortwirkte."
"Sodann aber gibt es eine Produktivität anderer Art, die schon eher irdischen Einflüssen unterworfen ist und
die der Mensch schon mehr in seiner Gewalt hat, obgleich er auch hier immer noch sich vor etwas Göttlichem
zu beugen Ursache hat.
In diese Region zähle ich alles zur Ausführung eines Planes Gehörige, alle Mittelglieder einer Gedankenkette,
deren Endpunkte bereits leuchtend dastehen; ich zähle dahin alles dasjenige, was den sichtbaren Leib und
Körper eines Kunstwerkes ausmacht."

"Gesetzt aber, eines dramatischen Dichters körperliche Konstitution wäre nicht so fest und vortrefflich, und
er wäre vielmehr häufigen Kränklichkeiten und Schwächlichkeiten unterworfen, so würde die zur täglichen
Ausführung seiner Szenen nötige Produktivität sicher sehr häufig stocken und oft wohl Tage lang gänzlich
mangeln.
Wollte er nun, etwa durch geistige Getränke, die mangelnde Produktivität herbeinötigen und die unzulängliche
dadurch steigern, so würde das allenfalls auch wohl angehen, allein man würde es allen Szenen, die er auf
solche Weise gewissermaßen forciert hätte, zu ihrem großen Nachteil anmerken."
"Mein Rat ist daher, nichts zu forcieren und alle unproduktiven Tage und Stunden lieber zu vertändeln und zu
verschlafen, als in solchen Tagen etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat."
Sie sprechen, erwiderte ich, etwas aus, was ich selber sehr oft erfahren und empfunden und was man sicher als
durchaus wahr und richtig zu verehren hat. -
Aber doch will mir scheinen, als ob wohl Jemand durch natürliche Mittel seine produktive Stimmung steigern
könnte, ohne sie gerade zu forcieren.
Ich war in meinem Leben sehr oft in dem Fall, bei gewissen komplizierten Zuständen zu keinem rechten Entschluß
kommen zu können.
Trank ich aber in solchen Fällen einige Gläser Wein, so war es mir sogleich klar, was zu tun sei, und ich
war auf der Stelle entschieden. -
Das Fassen eines Entschlusses ist aber doch auch eine Art Produktivität, und wenn nun einige Gläser Wein diese
Tugend bewirkten, so dürfte ein solches Mittel doch nicht ganz zu verwerfen sein.
"Ihrer Bemerkung, erwiderte Goethe, will ich nicht widersprechen; was ich aber vorhin sagte,
hat auch seine Richtigkeit, woraus wir denn sehen, daß die Wahrheit wohl einem Diamant zu vergleichen wäre,
dessen Strahlen nicht nach einer Seite gehen, sondern nach vielen. -
Da Sie übrigens meinen Divan so gut kennen, so wissen Sie, daß ich selber gesagt habe
Wenn man getrunken hat,
Weiß man das Rechte,
und daß ich Ihnen also vollkommen beistimme. -
Es liegen im Wein allerdings produktivmachende Kräfte sehr bedeutender Art; aber es kommt dabei Alles auf
Zustände und Zeit und Stunde an, und was dem Einen nützet, schadet dem Andern.
Es liegen ferner produktivmachende Kräfte in der Ruhe und im Schlaf; sie liegen aber auch in der Bewegung.
Es liegen solche Kräfte im Wasser, und ganz besonders in der Atmosphäre. -
Die frische Luft des freien Feldes ist der eigentliche Ort wo wir hingehören; es ist als ob der Geist Gottes
dort den Menschen unmittelbar anwehete und eine göttliche Kraft ihren Einfluß ausübte."
Mittwoch, den 12. März 1828 (Dritter Teil)
"Es liegen in der menschlichen Natur wunderbare Kräfte, erwiderte Goethe, und eben wenn wir es am wenigsten
hoffen hat sie etwas Gutes für uns in Bereitschaft.
Ich habe in meinem Leben Zeiten gehabt, so ich mit Tränen einschlief; aber in meinen Träumen kamen nun die
lieblichsten Gestalten, mich zu trösten und zu beglücken, und ich stand am andern Morgen wieder frisch und
froh auf den Füßen."
"Es geht uns alten Europäern übrigens mehr oder weniger allen herzlich schlecht; unsere Zustände sind viel zu
künstlich und kompliziert, unsere Nahrung und Lebensweise ist ohne die rechte Natur, und unser geselliger
Verkehr ohne eigentliche Liebe und Wohlwollen. -
Jedermann ist fein und höflich, aber Niemand hat den Mut, gemütlich und wahr zu sein, so daß ein redlicher
Mensch mit natürlicher Neigung und Gesinnung einen recht bösen Stand hat.
Man sollte oft wünschen, auf einer der Südsee-Inseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das
menschliche Dasein, ohne falschen Beigeschmack, durchaus rein zu genießen."
"Denkt man sich bei deprimierter Stimmung recht tief in das Elend unserer Zeit hinein, so kommt es Einem oft
vor, als wäre die Welt nach und nach zum jüngsten Tage reif.
Und das Übel häuft sich von Generation zu Generation!
Denn nicht genug, daß wir an den Sünden unserer Väter zu leiden haben, sondern wir überliefern auch diese
geerbten Gebrechen, mit unseren eigenen vermehrt, unseren Nachkommen."

"Unser Landvolk, erwiderte Goethe, hat sich freilich fortwährend in guter Kraft erhalten, und wird
hoffentlich noch lange im Stande sein, uns nicht allein tüchtige Reiter zu liefern, sondern uns auch vor
gänzlichem Verfall und Verderben zu sichern.
Es ist als ein Depot zu betrachten, aus dem sich die Kräfte der sinkenden Menschheit immer wieder ergänzen und
anfrischen.
Aber gehen Sie einmal in unsere großen Städte, und es wird Ihnen anders zu Mute werden.
Halten Sie einmal einen Umgang an der Seite eines zweiten hinkenden Teufels, oder eines Arztes von ausgedehnter
Praxis, und er wird Ihnen Geschichten zuflüstern, daß Sie über das Elend erschrecken und über die Gebrechen
erstaunen, von denen die menschliche Natur heimgesucht ist und an denen die Gesellschaft leidet."
"Doch wir wollen uns der hypochondrischen Gedanken entschlagen.
Wie geht es Ihnen?
Was machen Sie?
Wie haben Sie sonst heute gelebt?
Erzählen Sie mir und geben Sie mir gute Gedanken."

"Ich brauche nur in unserm lieben Weimar zum Fenster hinauszusehen, um gewahr zu werden, wie es bei uns
steht.
Als neulich der Schnee lag und meine Nachbarskinder ihre kleinen Schlitten auf der Straße
probieren wollten, sogleich war ein Polizeidiener nahe, und ich sah die armen Dingerchen fliehen, so
schnell sie konnten.
Jetzt, wo die Frühlingssonne sie aus den Häusern lockt und sie mit ihres Gleichen vor ihren Türen
gerne ein Spielchen machten, sehe ich sie immer geniert, als wären sie nicht sicher und als fürchteten
sie das Herannahen irgend eines polizeilichen Machthabers.
Es darf kein Bube mit der Peitsche knallen, oder singen, oder rufen, sogleich ist die Polizei da, es
ihm zu verbieten.
Es geht bei uns Alles dahin, die liebe Jugend frühzeitig zahm zu machen und alle Natur, alle Originalität
und alle Wildheit auszutreiben, so daß am Ende nichts übrig bleibt, als der Philister."
"Sie wissen, es vergeht bei mir kaum ein Tag, wo ich nicht von durchreisenden Fremden besucht werde.
Wenn ich aber sagen sollte, daß ich an den persönlichen Erscheinungen, besonders junger deutscher Gelehrten
aus einer gewissen nordöstlichen Richtung, große Freude hätte, so müßte ich lügen. -
Kurzsichtig, blaß, mit eingefallener Brust, jung ohne Jugend, das ist das Bild der Meisten, wie sie sich mir
darstellen.
Und wie ich mit ihnen mich in ein Gespräch einlasse, habe ich sogleich zu bemerken, daß ihnen dasjenige,
woran unsereiner Freude hat, nichtig und trivial erscheint, daß sie ganz in der Idee stecken und nur die
höchsten Probleme der Spekulation sie zu interessieren geeignet sind.
Von gesunden Sinnen und Freude am Sinnlichen ist bei Ihnen keine Spur, alles Jugendgefühl und alle
Jugendlust ist bei ihnen ausgetrieben, und zwar unwiederbringlich; denn wenn Einer in seinem zwanzigsten
Jahre nicht jung ist, wie soll er es in seinem vierzigsten sein!"
Goethe seufzte und schwieg.
Ich dachte an die glückliche Zeit des vorigen Jahrhunderts, in welche Goethes Jugend fiel; es trat mir die
Sommerluft von Seesenheim vor die Seele und ich erinnerte ihn an die Verse:
Nachmittags saßen wir
Junges Volk im Kühlen.
"Ach! seufzte Goethe, das waren freilich schöne Zeiten! -
Doch wir wollen sie uns aus dem Sinne schlagen, damit uns die grauen Nebeltage der Gegenwart nicht ganz
unerträglich werden."
Es täte Not, sagte ich, daß ein zweiter Erlöser käme, um den Ernst, das Unbehagen und den ungeheuren Druck
der jetzigen Zustände uns abzunehmen.
"Käme er, antwortete Goethe, man würde ihn zum zweitenmale kreuzigen.
Doch wir brauchten keineswegs ein so Großes.
Könnte man nur den Deutschen, nach dem Vorbilde der Engländer, weniger Philosophie und mehr Tatkraft, weniger
Theorie und mehr Praxis beibringen, so würde uns schon ein gutes Stück Erlösung zu Teil werden,
ohne daß wir auf das Erscheinen der persönlichen Hoheit eines zweiten Christus zu warten brauchten.
Sehr viel könnte geschehen von unten, vom Volke, durch Schulen und häusliche Erziehung, sehr viel von oben
durch die Herrscher und ihre Nächsten."
"So z.B. kann ich nicht billigen, daß man von den studierenden künftigen Staatsdienern gar zu viele theoretisch-
gelehrte Kenntnisse verlangt, wodurch die jungen Leute vor der Zeit geistig wie körperlich ruiniert werden.
Treten sie nun hierauf in den praktischen Dienst, so besitzen sie zwar einen ungeheueren Vorrat an philosophischen
und gelehrten Dingen, allein er kann in dem beschränkten Kreise ihres Berufs gar nicht zur Anwendung kommen
und muß daher als unnütz wieder vergessen werden.
Dagegen aber, was sie am meisten bedurften, haben sie eingebüßt: es fehlt ihnen die nötige geistige wie
körperliche Energie, die bei einem tüchtigen Auftreten im praktischen Verkehr ganz unerläßlich ist."
"Und dann! bedarf es denn im Leben eines Staatsdieners, in Behandlung der Menschen, nicht auch der Liebe
und des Wohlwollens?
Und wie soll Einer gegen Andere Wohlwollen empfinden und ausüben, wenn es ihm selber nicht wohl ist?"
"Es ist aber den Leuten allen herzlich schlecht!
Der dritte Teil der an den Schreibtisch gefesselten Gelehrten und Staatsdiener ist körperlich anbrüchig
und dem Dämon der Hypochondrie verfallen.
Hier täte es Not, von oben her einzuwirken, um wenigstens künftige Generationen vor ähnlichem Verderben
zu schützen."
"Wir wollen indes, fügte Goethe lächelnd hinzu, hoffen und erwarten, wie es etwa in einem Jahrhundert mit
uns Deutschen aussieht, und ob wir es sodann dahin werden gebracht haben, nicht mehr abstrakte Gelehrte
und Philosophen, sondern Menschen zu sein."
Freitag, den 16.Mai 1828 (Dritter Teil *)
Mit Goethe spazieren gefahren.
Er amüsierte sich an der Erinnerung seiner Streitigkeiten mit Kotzebue und Konsorten und rezitierte einige
sehr lustige Epigramme gegen den Ersteren, die übrigens mehr spaßhaft als verletzend waren.
Ich fragte ihn: warum er sie nicht in seine Werke aufgenommen?
"Ich habe eine ganze Sammlung solcher Gedichtchen, erwiderte Goethe, die ich geheim halte und nur
gelegentlich den Vertrautesten meiner Freunde zeige.
Es war dies die einzige unschuldige Waffe, die mir gegen die Angriffe meiner Feinde zu Gebote stand.
Ich machte mir dadurch im Stillen Luft und befreiete und reinigte mich dadurch von dem fatalen Gefühl
des Mißwollens, das ich sonst gegen die öffentlichen und oft boshaften Häkeleien meiner Gegner hätte
empfinden und nähren müssen.
Durch jenen Gedichtchen habe ich mir also persönlich einen wesentlichen Dienst geleistet.
Aber ich will nicht das Publikum mit meinen Privathändeln beschäftigen oder noch lebende Personen
dadurch verletzen.
In späterer Zeit jedoch wird sich davon Dies oder Jenes ganz ohne Bedenken mitteilen lassen."
Donnerstag, den 11.September 1828
Als nun Goethe heute bei Tisch von den mannigfaltigen Geschenken erzählte, die ihm zu seinem
Geburtstag nach Dornburg gesendet worden, fragte ich ihn, was das Paket von Abeken enthalten.
"Es war eine merkwürdige Sendung, sagte Goethe, die mir viel Freude gemacht hat.
Ein liebenswürdiges Frauenzimmer, bei der Schiller den Tee getrunken, hat die Artigkeit
gehabt, seine Äußerungen niederzuschreiben.
Sie hat alles sehr hübsch aufgefaßt und treu wiedergegeben, und das lieset sich nun nach so langer
Zeit gar gut, indem man dadurch unmittelbar in einen Zustand versetzt wird, der mit tausend
anderen bedeutenden vorübergegangen ist, in diesem Fall aber glücklicherweise in seiner Lebendigkeit
auf dem Papiere gefesselt worden."
"Schiller erscheint hier, wie immer, im absoluten Besitz seiner erhabenen Natur; er ist so groß am
Teetisch, wie er es im Staatsrat gewesen sein würde.
Nichts geniert ihn, nichts engt ihn ein, nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab; was in ihm
von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus ohne Rücksicht und ohne Bedenken.
Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein! -
Wir Andern dagegen fühlen uns immer bedingt; die Personen, die Gegenstände, die uns umgeben, haben
auf uns ihren Einfluß; der Teelöffel geniert uns, wenn er von Gold ist, da er von Silber sein sollte,
und so, durch tausend Rücksichten paralysiert, kommen wir nicht dazu, was etwa Großes in unserer
Natur sein möchte, frei auszulassen.
Wir sind die Sklaven der Gegenstände, und erscheinen geringe oder bedeutend, je nachdem uns diese
zusammenziehen oder zu freier Ausdehnung Raum geben."
Goethe schwieg, das Gespräch mischte sich anders,[...].
Dienstag, den 7.Oktober 1828
Das Gespräch lenkte sich von Moses zurück auf die Sündflut, und so nahm es bald, durch den geistreichen
Naturforscher angeregt, eine naturhistorische Wendung.
"Man will, sagte Herr von Martius, auf dem Ararat ein Stück von der Arche Noahs versteinert gefunden
haben, und es sollte mich wundern, wenn man nicht auch die versteinerten Schädel der ersten
Menschen finden sollte."
Diese Äußerung gab zu ähnlichen Anlaß, und so kam die Unterhaltung auf die verschiedenen Menschenrassen,
wie sie als Schwarze, Braune, Gelbe und Weiße die Länder der Erde bewohnen; so daß man mit der Frage
schloß, ob denn wirklich anzunehmen, daß alle Menschen von dem einzigen Paare Adam und Eva abstammen?
Herr v. Martius war für die Sage der heiligen Schrift, die er als Naturforscher durch den Satz zu
bestätigen suchte, daß die Natur in ihren Produktionen höchst ökonomisch zu Werke gehe.
"Dieser Meinung, sagte Goethe, muß ich widersprechen.
Ich behaupte vielmehr, daß die Natur sich immer reichlich, ja verschwenderisch erweise, und daß es weit
mehr in ihrem Sinne sei, anzunehmen, sie habe, statt eines einzigen armseligen Paares, die Menschen
gleich zu Dutzenden, ja zu Hunderten hervorgehen lassen."
"Als nämlich die Erde bis zu einem gewissen Punkt der Reife gediehen war, die Wasser sich verlaufen hatten
und das Trockene genugsam grünete, trat die Epoche der Menschwerdung ein, und es entstanden die Menschen
durch die Allmacht Gottes überall wo der Boden es zuließ, und vielleicht auf den Höhen zuerst.
Anzunehmen, daß dieses geschehen, halte ich für vernünftig; allein darüber nachzusinnen, wie es
geschehen, halte ich für ein unnützes Geschäft, das wir denen überlassen wollen, die sich gerne mit
unauflösbaren Problemen beschäftigen, und die nichts besseres zu tun haben."
Wenn ich auch, sagte Herr v. Martius mit einiger Schalkheit, mich als Naturforscher von der Ansicht Eurer
Exzellenz gerne überzeugen ließ, so fühle ich mich doch als guter Christ in einiger Verlegenheit, zu
einer Meinung überzutreten, die mit den Aussagen der Bibel nicht wohl zu vereinigen sein möchte.
"Die heilige Schrift, erwiderte Goethe, redet allerdings nur von Einem Menschenpaare, das Gott am
sechsten Tage erschaffen.
Allein die begabten Männer, welche das Wort Gottes aufzeichneten, das uns die Bibel überliefert, hatten es
zunächst mit ihrem auserwählten Volke zu tun, und so wollen wir auch diesem die Ehre seiner Abstammung von
Adam keineswegs streitig machen.
Wir andern aber, so wie auch die Neger und Lappländer, und schlanke Menschen, die schöner sind als wir alle,
hatten gewiß auch andere Urväter; wie denn die werte Gesellschaft gewiß zugeben wird, daß wir uns von den
echten Abkömmlingen Adams auf eine gar mannigfaltige Weise unterscheiden, und daß sie, besonders was das Geld
betrifft, es uns allen zuvortun."
Wir lachten; das Gespräch mischte sich allgemein; Goethe, durch Herrn v. Martius zu Widersprüchen angeregt,
sagte noch so manches bedeutende Wort, das, den Schein des Scherzes tragend, dennoch aus dem Grund eines
tieferen Hinterhaltes hervorging.
Donnerstag, den 9.Oktober 1828
Es ward noch Verschiedenes über diesen Gegenstand gesprochen, dann aber gedachten wir des Professor
Göttling und seiner italienischen Reise.
"Ich kann es dem Guten nicht verargen, sagte Goethe, daß er von Italien mit solcher Begeisterung redet; weiß ich
doch wie mir selber zu Mute gewesen ist!
Ja ich kann sagen, daß ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. -
Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen; ich bin, mit meinem
Zustande in Rom verglichen, eigentlich nachher nie wieder froh geworden."
Sonnabend, den 11.Oktober 1828
Das gedachte Foreign Review des Herrn Fraser enthielt unter vielen bedeutenden und interessanten Gegenständen
auch einen höchst würdigen Aufsatz über Goethe von Carlyle, den ich diesen Morgen studierte.

Goethe sagte mir, daß er Carlyles Aufsatz über ihn gleichfalls diesen Morgen betrachtet, und so waren wir denn im
Stande, über die Bestrebungen der Ausländer manche Worte des Lobes gegenseitig auszutauschen.

Freilich, sagte ich, hat Carlyle den Meister studiert, und so, durchdrungen von dem Wert des Buches wie er ist,
möchte er gerne, daß es sich allgemein verbreitete, er möchte gerne, daß jeder Gebildete davon gleichen
Gewinn und Genuß hätte.
Goethe zog mich an ein Fenster, um mir zu antworten.
"Liebes Kind, sagte er, ich will Ihnen etwas vertrauen, das Sie sogleich über Vieles hinaushelfen und das
Ihnen lebenslänglich zu Gute kommen soll.
Meine Sachen können nicht popular werden; wer daran denkt und dafür strebt, ist in einem Irrtum.
Sie sind nicht für die Masse geschrieben, sondern nur für einzelne Menschen, die etwas Ähnliches wollen
und suchen, und die in ähnlichen Richtungen begriffen sind."
Montag, den 20.Oktober 1828
Nach aufgehobener Tafel traten wir in das Zimmer mit der kolossalen Büste der Juno.
Goethe zeigte den Gästen einen langen Papierstreifen mit Contouren des Frieses vom Tempel zu Phigalia.
Man betrachtete das Blatt und wollte bemerken, daß die Griechen, bei ihren Darstellungen von Tieren,
sich weniger an die Natur gehalten, als daß sie dabei nach einer gewissen Konvenienz verfahren.
Man wollte gefunden haben, daß sie in Darstellungen dieser Art hinter der Natur zurückgeblieben, und daß
Widder, Opferstiere und Pferde, wie sie auf Basreliefs vorkommen, häufig sehr steife, unförmliche und
unvollkommene Geschöpfe seien.
"Ich will darüber nicht streiten, sagte Goethe, aber vor allen Dingen muß man unterscheiden, aus welcher Zeit
und von welchem Künstler solche Werke herrühren.
Denn so ließen sich wohl Musterstücke in Menge vorlegen, wo griechische Künstler, in ihren Darstellungen
von Tieren, die Natur nicht allein erreicht, sondern sogar weit übertroffen haben.
Die Engländer, die ersten Pferdekenner der Welt, müssen doch jetzt von zwei antiken Pferdeköpfen gestehen,
daß sie in ihren Formen so vollkommen befunden werden, wie jetzt gar keine Racen mehr auf der Erde existieren.
Es sind diese Köpfe aus der besten griechischen Zeit; und wenn uns nun solche Werke in Erstaunen setzen,
so haben wir nicht sowohl anzunehmen, daß jene Künstler nach einer mehr vollkommenen Natur gearbeitet haben,
wie die jetzige ist, als vielmehr, daß sie im Fortschritte der Zeit und Kunst selber etwas geworden waren, so
daß sie sich mit persönlicher Großheit an die Natur wandten."

Euer Exzellenz, sagte ich, haben vorhin in der Äußerung, daß die Griechen sich mit persönlicher Großheit an die
Natur gewandt, ein gutes Wort gesprochen, und ich halte, dafür, daß man sich von diesem Satz nicht tief genug
durchdringen könne.
"Ja, mein Guter, sagte Goethe, hierauf kommt alles an.
Man muß etwas sein, um etwas zu machen.
Dante erscheint uns groß, aber er hatte eine Kultur von Jahrhunderten hinter sich; das Haus Rothschild ist reich,
aber es hat mehr als Ein Menschenalter gekostet, um zu solchen Schätzen zu gelangen.
Diese Dinge liegen alle tiefer, als man denkt.
Unsere guten altdeutschelnden Künstler wissen davon nichts, sie wenden sich mit persönlicher Schwäche
und künstlerischem Unvermögen zur Nachahmung der Natur, und meinen es wäre was.
Sie stehen unter der Natur.
Wer aber etwas Großes machen will, muß sein Bildung so gesteigert haben, daß er gleich den Griechen im Stande
sei, die geringere reale Natur zu der Höhe seines Geistes heranzuheben, und dasjenige wirklich zu machen,
was in natürlichen Erscheinungen, aus innerer Schwäche oder aus äußerem Hindernis, nur Intention geblieben ist."
Mittwoch, den 22. Oktober 1828
Heute war bei Tisch von den Frauen die Rede, und Goethe äußerte sich darüber sehr schön.
"Die Frauen, sagte er, sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen.
Mein Idee von den Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern sie ist mir
angeboren, oder in mir entstanden, Gott weiß wie.
Meine dargestellten Frauen-Charaktere sind daher auch alle gut weggekommen, sie sind alle besser, als sie
in der Wirklichkeit anzutreffen sind."
Donnerstag, den 23. Oktober 1828 (Dritter Teil)
Die Entwickelung der Menschheit, sagte ich, scheint auf Jahrtausende angelegt.
"Wer weiß, erwiderte Goethe, - vielleicht auf Millionen!
Aber laß die Menschheit dauern, so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen fehlen, die ihr zu
schaffen machen, und nie an allerlei Not, damit sie ihre Kräfte entwickele.
Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber besser, glücklicher und tatkräftiger nicht, oder doch nur
auf Epochen.
Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er abermals Alles zusammenschlagen
muß zu einer verjüngten Schöpfung.
Ich bin gewiß, es ist Alles danach angelegt und es steht in der fernen Zukunft schon Zeit und Stunde
fest, wann diese Verjüngungs-Epoche eintritt.
Aber bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir können noch Jahrtausende und aber Jahrtausende
auf dieser lieben alten Fläche, wie sie ist, allerlei Spaß haben."
Goethe war in besonders guter, erhöhter Stimmung.
Er ließ eine Flasche Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte.
Unser Gespräch ging wieder auf den Großherzog Carl August zurück.

Eine so gründliche Bildung, sagte ich, wie sie der Großherzog gehabt zu haben scheint, mag bei fürstlichen
Personen selten vorkommen.
"Sehr selten! erwiderte Goethe.
Es gibt zwar viele, die fähig sind, über Alles sehr geschickt mitzureden; aber sie haben es nicht im
Innern und krabbeln nur an den Oberflächen.
Und es ist kein Wunder, wenn man die entsetzlichen Zerstreuungen und Zerstückelungen bedenkt, die das
Hofleben mit sich führt und denen ein junger Fürst ausgesetzt ist.
Von Allem soll er Notiz nehmen.
Er soll ein Bißchen Das kennen und ein Bißchen Das, und dann ein Bißchen Das und wieder ein Bißchen Das.
Dabei kann sich aber nichts setzen und nichts Wurzel schlagen, und es gehört der Fond einer gewaltigen
Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in Rauch aufzugehen.
Der Großherzog war freilich ein geborener großer Mensch, womit Alles gesagt und Alles getan ist."
Bei allen seinen höheren wissenschaftlichen und geistigen Richtungen, sagte ich, scheint er doch
auch das Regieren verstanden haben.
"Er war ein Mensch aus dem Ganzen, erwiderte Goethe, und es kam bei ihm Alles aus einer einzigen großen
Quelle.
Und wie das Ganze gut war, so war das Einzelne gut, er mochte tun und treiben was er wollte.
Übrigens kamen ihm zur Führung des Regiments besonders drei Dinge zu Statten.
Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden und Jeden an seinen Platz zu stellen.
Das war sehr viel.
Dann hatte er noch Etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: Er war beseelt von dem edelsten
Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe, und wollte mit ganzer Seele nur das Beste.
Er dachte immer zuerst an das Glück des Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber.
Edlen Menschen entgegen zu kommen, gute Zwecke befördern zu helfen, war seine Hand immer bereit und
offen.
Es war in ihm viel Göttliches.
Er hätte die ganze Menschheit beglücken mögen.
Liebe aber erzeugt Liebe.
Wer aber geliebt ist, hat leicht regieren."
"Und drittens: Er war größer, als seine Umgebung.
Neben zehn Stimmen, die ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte, bessere, in sich
selber.
Fremde Zuflisterungen glitten an ihm ab, und er kam nicht leicht in den Fall, etwas Unfürstliches zu
begehen, indem er das zweideutige gemachte Verdienst zurücksetzte und empfohlene Lumpe in Schutz nahm.
Er sah überall selber, urteilte selber, und hatte in allen Fällen in sich selber die sicherste Basis.
Dabei war er schweigsamer Natur und seinen Worten folgte die Handlung."

"Sein sorgloses einfaches Äußere, sagte ich, schien anzudeuten, daß er den Ruhm nicht suche und daß
er sich wenig aus ihm mache.
Es schien, als sei er berühmt geworden, ohne sein weiteres Zutun, bloß wegen seiner stillen Tüchtigkeit.
"Es ist damit ein eigenes Ding, erwiderte Goethe.
Ein Holz brennt, weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch wird berühmt, weil der Stoff dazu
in ihm vorhanden.
Suchen läßt sich der Ruhm nicht und alles Jagen danach ist eitel.
Es kann sich wohl Jemand durch kluges Benehmen und allerlei künstliche Mittel eine Art von Namen
machen.
Fehlt aber dabei das innere Juwel, so ist es eitel und hält nicht auf den andern Tag.
"Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes.
Er suchte sie nicht und tat den Leuten keineswegs schön; aber das Volk liebte ihn, weil es fühlte,
daß er ein Herz für es habe."
Dienstag, den 16.Dezember 1828
Ich war heute mit Goethe in seiner Arbeitsstube allein zu Tisch; wir sprachen über verschiedene literarische
Dinge.
"Die Deutschen, sagte er, können die Philisterei nicht loswerden. -
Da quängeln und streiten sie jetzt über verschiedene Distichen, die sich bei Schiller gedruckt finden und
auch bei mir, und sie meinen, es wäre von Wichtigkeit, entschieden herauszubringen, welche denn wirklich
Schillern gehören und welche mir.
Als ob etwas darauf ankäme, als ob etwas damit gewonnen würde, und als ob es nicht genug wäre, daß die
Sachen da sind!"
"Freunde wie Schiller und ich, Jahre lang verbunden, mit gleichen Interessen, in täglicher Berührung und
gegenseitigem Austausch, lebten sich in einander so sehr hinein, daß überhaupt bei einzelnen Gedanken
gar nicht die Rede und Frage sein konnte, ob sie dem Einen gehörten oder dem Andern.
Wir haben viele Distichen gemeinschaftlich gemacht, oft hatte ich den Gedanken und Schiller machte
die Verse, oft war das Umgekehrte der Fall, und oft machte Schiller den einen Vers und ich den andern.
Wie kann nun da von Mein und Dein die Rede sein!
Man müßte wirklich selbst noch tief in der Philisterei stecken, wenn man auf die Entscheidung solcher Zweifel
nur die mindeste Wichtigkeit legen wollte."

"Überhaupt, fuhr Goethe fort, ist die Welt jetzt so alt, und es haben seit Jahrtausenden so viele bedeutende
Menschen gelebt und gedacht, daß wenig Neues mehr zu finden und zu sagen ist.
Meine Farbenlehre ist auch nicht durchaus neu.
Plato, Leonardo da Vinci und viele andere Treffliche haben im Einzelnen vor mir dasselbige gefunden und gesagt;
aber daß ich es auch fand, daß ich es wieder sagte, und daß ich dafür strebte, in einer konfusen Welt dem
Wahren wieder Eingang zu verschaffen, das ist mein Verdienst."
"Und denn, man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder geprediget wird,
und zwar nicht von Einzelnen, sondern von der Masse.
In Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten, überall ist der Irrtum oben auf, und es ist ihm
wohl und behaglich, im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist."
"Oft lehret man auch Wahrheit und Irrtum zugleich und hält sich an letzteren."

Das Gespräch wendete sich hiernächst ganz auf Byron und einzelne seiner Werke; wobei Goethe häufigen Anlaß
fand, manche seiner früheren Äußerungen von Anerkennung und Bewunderung jenes großen Talentes zu
wiederholen.
In alles was Euer Exzellenz über Byron sagen, erwiderte ich, stimme ich von Herzen bei; allein wie bedeutend
und groß jener Dichter als Talent auch sein mag, so möchte ich doch sehr zweifeln, daß aus seinen Schriften
für reine Menschenbildung ein entschiedener Gewinn zu schöpfen.
"Da muß ich Ihnen widersprechen, sagte Goethe.
Byrons Kühnheit, Keckheit und Grandiosität, ist das nicht alles bildend? -
Wir müssen uns hüten, es stets im entschiedenen Reinen und Sittlichen suchen zu wollen. -
Alles Große bildet, sobald wir es gewahr werden."

1829

Mittwoch, den 4.Februar 1829
"Ich habe im Schubart zu lesen fortgefahren, sagte Goethe; er ist freilich ein bedeutender Mensch,
und er sagt sogar manches sehr Vorzügliche, wenn man es sich in seine eigene Sprache übersetzt.
Die Hauptrichtung seines Buches geht darauf hinaus, daß es einen Standpunkt außerhalb der Philosophie gebe,
nämlich den des gesunden Menschenverstandes; und daß Kunst und Wissenschaft, unabhängig von der Philosophie,
mittels freier Wirkung natürlicher menschlicher Kräfte, immer am besten gediehen sei.
Dies ist durchaus Wasser auf unsere Mühle.
Von der Philosophie habe ich mich immer selbst frei erhalten; der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes
war auch der meinige, und Schubart bestätiget also, was ich mein ganzes Leben selber gesagt und
getan habe.
Das Einzige, was ich an ihm nicht durchaus loben kann, ist, daß er gewisse Dinge besser weiß als er
sie sagt, und daß er also nicht immer ganz ehrlich zu Werke geht.
So wie Hegel zieht auch er die christliche Religion in die Philosophie herein, die doch nichts darin zu
tun hat.
Die christliche Religion ist ein mächtiges Wesen für sich, woran die gesunkene und leidende Menschheit
von Zeit zu Zeit sich immer wieder emporgearbeitet hat; und indem man ihr diese Wirkung zugesteht, ist
sie über aller Philosophie erhaben und bedarf von ihr keiner Stütze.
So auch bedarf der Philosoph nicht das Ansehen der Religion, um gewisse Lehren zu beweisen, wie z.B.
die einer ewigen Fortdauer.
Der Mensch soll an Unsterblichkeit glauben, er hat dazu ein Recht, es ist seiner Natur gemäß, und
er darf auf religiöse Zusagen bauen; wenn aber der Philosoph den Beweis für die Unsterblichkeit unserer
Seele aus einer Legende hernehmen will, so ist das sehr schwach und will nicht viel heißen.
Die Überzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriff der Tätigkeit; denn wenn ich bis an
mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen,
wenn die jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten vermag."
Montag, den 9. Februar 1829
Goethe sprach viel über die Wahlverwandtschaften, besonders daß jemand sich in der Person des Mittler
getroffen gefunden, den er früher im Leben nie gekannt und gesehen.
"Der Charakter, sagte er, muß also wohl einige Wahrheit haben, und in der Welt mehr als Ein Mal existieren.
Es ist in den Wahlverwandtschaften überall keine Zeile, die ich nicht selber erlebt hätte, und es
steckt darin mehr, als irgend jemand bei einmaligem Lesen aufzunehmen im Stande wäre."
Donnerstag, den 12. Februar 1829
Über den großen Mathematiker Lagrange, an welchem Goethe vorzüglich den trefflichen Charakter hervorhebt.
"Er war ein guter Mensch, sagte er, und eben deswegen groß.
Denn wenn ein guter Mensch mit Talent begabt ist, so wird er immer zum Heil der Welt sittlich wirken,
sei es als Künstler, Naturforscher, Dichter, oder was alles sonst."

"Das Schwache ist ein Charakterzug unsers Jahrhunderts.
Ich habe die Hypothese, daß es in Deutschland eine Folge der Anstrengung ist, die Franzosen los zu
werden.
Maler, Naturforscher, Bildhauer, Musiker, Poeten, es ist, mit wenigen Ausnahmen, alles schwach, und in
der Masse steht es nicht besser."

Sodann, ich weiß nicht mehr in welcher Verbindung und welchem Bezug, sagte Goethe folgendes sehr Bedeutende.
"Alles Große und Gescheite, sagte er, existiert in der Minorität.
Es hat Minister gegeben, die Volk und König gegen sich hatten, und die ihre großen Plane einsam
durchführten.
Es ist nie daran zu denken, daß die Vernunft popular werde.
Leidenschaften und Gefühle mögen popular werden, aber die Vernunft wird immer nur im Besitz einzelner
Vorzüglicher sein."
Freitag, den 13. Februar 1829
"Man muß alt werden, um dieses alles zu übersehen, und Geld genug haben, seine Erfahrungen bezahlen zu
können.
Jedes Bonmot das ich sage, kostet mir eine Börse voll Gold; eine halbe Million meines Privatvermögens
ist durch meine Hände gegangen, um das zu lernen was ich jetzt weiß, nicht allein das ganze Vermögen
meines Vaters, sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes literarisches Einkommen seit mehr als
funfzig Jahren.
Außerdem habe ich anderthalb Millionen zu großen Zwecken von fürstlichen Personen ausgeben sehen, denen
ich nahe verbunden war und an deren Schritten, Gelingen und Mißlingen ich Teil nahm."
"Es ist nicht genug, daß man Talent habe, es gehört mehr dazu, um gescheit zu werden; man muß auch in
großen Verhältnissen leben, und Gelegenheit haben, den spielenden Figuren der Zeit in die Karten
zu sehen, und selber zu Gewinn und Verlust mitzuspielen."
"Ohne meine Bemühungen in den Naturwissenschaften hätte ich jedoch die Menschen nie kennen gelernt wie
sie sind.
In allen Dingen kann man dem reinen Anschauen und Denken, den Irrtümern der Sinne wie des Verstandes, den
Charakter-Schwächen und -Stärken nicht so nachkommen; es ist alles mehr oder weniger biegsam und
schwankend, und läßt alles mehr oder weniger mit sich handeln; aber die Natur versteht gar keinen Spaß, sie
ist immer wahr, immer ernst, immer strenge; sie hat immer Recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer
des Menschen.
Den Unzulänglichen verschmäht sie, und nur dem Zulänglichen, Wahren und Reinen ergibt sie sich und
offenbart ihm ihre Geheimnisse."
"Der Verstand reicht zu ihr nicht hinauf, der Mensch muß fähig sein, sich zur höchsten Vernunft erheben
zu können, um an die Gottheit zu rühren, die sich in Urphänomenen, physischen wie sittlichen, offenbaret,
hinter denen sie sich hält und die von ihr ausgehen."
"Die Gottheit aber ist wirksam im Lebendigen, aber nicht im Toten; sie ist im Werdenden und sich
Verwandelnden, aber nicht im Gewordenen und Erstarrten.
Deshalb hat auch die Vernunft in ihrer Tendenz zum Göttlichen es nur mit dem Werdenden, Lebendigen
zu tun; der Verstand mit dem Gewordenen, Erstarrten, daß er es nutze."
Dienstag, den 17. Februar 1829
Von Cousin kamen wir auf indische Philosophie.
"Diese Philosophie, sagte Goethe, hat, wenn die Nachrichten des Engländers wahr sind, durchaus nichts
Fremdes, vielmehr wiederholen sich in ihr die Epochen, die wir alle selber durchmachen.
Wir sind Sensualisten, so lange wir Kinder sind; Idealisten wenn wir lieben und in den geliebten
Gegenstand Eigenschaften legen, die nicht eigentlich darin sind.
Die Liebe wankt, wir zweifeln an der Treue und sind Skeptiker ehe wir es glauben.
Der Rest des Lebens ist gleichgültig, wir lassen es gehen wie es will, und endigen mit dem Quietismus,
wie die indischen Philosophen auch."
"In der deutschen Philosophie wären noch zwei große Dinge zu tun.
Kant hat die Kritik der reinen Vernunft geschrieben, womit unendlich viel geschehen, aber der Kreis
nicht abgeschlossen ist.
Jetzt müßte ein Fähiger, ein Bedeutender, die Kritik der Sinne und des Menschenverstandes schreiben, und
wir würden, wenn dieses gleich vortrefflich geschehen, in der deutschen Philosophie nicht viel mehr
zu wünschen haben."
Mittwoch, den 18. Februar 1829
Wir sprachen über die Farbenlehre, unter andern über Trinkgläser, deren trübe Figuren gegen das Licht
gelb und gegen das Dunkele blau erscheinen, und die also die Betrachtung eines Urphänomens gewähren.
"Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, sagte Goethe bei dieser Gelegenheit, ist das Erstaunen; und
wenn ihn das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden; ein Höheres kann es ihm nicht gewähren,
und ein Weiteres soll er nicht dahinter suchen; hier ist die Grenze.
Aber den Menschen ist der Anblick eines Urphänomens gewöhnlich noch nicht genug, sie denken es müsse
noch weiter gehen, und sie sind den Kindern ähnlich, die, wenn sie in einen Spiegel geguckt, ihn sogleich
umwenden, um zu sehen was auf der anderen Seite ist."
Das Gespräch lenkte sich auf Merck, und ich fragte, ob Merck sich auch mit Naturstudien befaßt.
"O ja, sagte Goethe, er besaß sogar bedeutende naturhistorische Sammlungen."

"Ein Mensch wie Merck, fuhr er fort, wird gar nicht mehr geboren, und wenn er geboren würde, so würde die
Welt ihn anders ziehen.
Es war überall eine gute Zeit, als ich mit Merck jung war.
Die deutsche Literatur war noch eine reine Tafel, auf die man mit Lust viel Gutes zu malen hoffte.
Jetzt ist sie so beschrieben und besudelt, daß man keine Freude hat sie anzublicken, und daß ein
gescheiter Mensch nicht weiß, wohin er noch etwas zeichnen soll."
Montag, den 23.März 1829
"Ich habe unter meinen Papieren ein Blatt gefunden, sagte Goethe heute, wo ich die Baukunst eine erstarrte Musik nenne.
Und wirklich, es hat etwas; die Stimmung, die von der Baukunst ausgeht, kommt dem Effekt der Musik nahe."
"Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche.
Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will nichts weiter."
"Meiner Natur ist es ganz zuwider.
Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Carlsbad gehabt, sogleich faul und untätig.
Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich,
ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner inneren Natur volle Freiheit tätig
zu sein und aus mir selber zu schaffen."
Wir sprachen von Schillers Briefen und dem Leben, das sie miteinander geführt, und wie sie sich täglich
zu gegenseitigen Arbeiten gehetzt und getrieben.
Auch an dem Faust, sagte ich, schien Schiller ein großes Interesse zu nehmen; es ist hübsch wie er Sie
treibt, und sehr liebenswürdig wie er sich durch seine Idee verleiten läßt, selber am Faust fortzuerfinden.
Ich habe dabei bemerkt, daß etwas Voreilendes in seiner Natur lag.
"Sie haben Recht, sagte Goethe, er war so, wie alle Menschen, die zu sehr von der Idee ausgehen.
Auch hatte er keine Ruhe und konnte nie fertig werden, wie Sie an den Briefen über den Wilhelm Meister
sehen, den er bald so und bald anders haben will.
Ich hatte nur immer zu tun, daß ich fest stand und seine wie meine Sachen von solchen Einflüssen frei
hielt und schützte."

"Ja, mein Guter, man hat von seinen Freunden zu leiden gehabt! -
Tadelte doch Humboldt auch an meiner Dorothea, daß sie bei dem Überfall der Krieger zu den Waffen gegriffen
und drein geschlagen habe!"

"Aber Sie werden bei weiterem Leben immer mehr finden, wie wenige Menschen fähig sind, sich auf den Fuß dessen
zu setzen, was sein muß, und daß vielmehr Alle nur immer das loben und das hervorgebracht wissen wollen,
was ihnen selber gemäß ist.
Und das waren die Ersten und Besten, und Sie mögen nun denken, wie es um die Meinungen der Masse aussah,
und wie man eigentlich immer allein stand."
"Hätte ich in der bildenden Kunst und in den Naturstudien kein Fundament gehabt, so hätte ich mich in der
schlechten Zeit und deren täglichen Einwirkungen auch schwerlich oben gehalten; aber das hat mich geschützt,
so wie ich auch Schillern von dieser Seite zu Hülfe kam."
Donnerstag, den 2.April 1829
"Ich will Ihnen ein politisches Geheimnis entdecken, sagte Goethe heute bei Tisch, das sich über kurz oder
lang offenbaren wird.
Capodistrias kann sich an der Spitze der griechischen Angelegenheiten auf die Länge nicht halten, denn
ihm fehlet eine Qualität, die zu einer solchen Stelle unentbehrlich ist: er ist kein Soldat.
Wir haben aber kein Beispiel, daß ein Cabinetsmann einen revolutionären Staat hätte organisieren und
Militär und Feldherren sich hätte unterwerfen können.
Mit dem Säbel in der Faust, an der Spitze einer Armee, mag man befehlen und Gesetze geben, und man kann
sicher sein, daß man gehorcht werde; aber ohne dieses ist es ein mißliches Ding.
Napoleon, ohne Soldat zu sein, hätte nie zur höchsten Gewalt emporsteigen können, und so wird sich auch
Capodistrias als Erster auf die Dauer nicht behaupten, vielmehr wird er sehr bald eine sekundäre Rolle spielen.
Ich sage Ihnen dieses voraus, und Sie werden es kommen sehen; es liegt in der Natur der Dinge und ist
nicht anders möglich."
Goethe sprach darauf viel über die Franzosen, besonders über Cousin, Villemain und Guizot.
"Die Einsicht, Umsicht und Durchsicht dieser Männer, sagte er, ist groß; sie verbinden vollkommene Kenntnis
des Vergangenen, mit dem Geist des neunzehnten Jahrhunderts, welches denn freilich Wunder tut."
Von diesen kamen wir auf die neuesten französischen Dichter und auf die Bedeutung von klassisch und romantisch.
"Mir ist ein neuer Ausdruck eingefallen, sagte Goethe, der das Verhältnis nicht übel bezeichnet.
Das Klassische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke.
Und da sind die Niebelungen klassisch wie der Homer, denn beide sind gesund und tüchtig.
Das meiste Neuere ist nicht romantisch, weil es neu, sondern weil es schwach, kränklich und krank ist, und
das Alte ist nicht klassisch, weil es alt, sondern weil es stark, frisch, froh und gesund ist.
Wenn wir nach solchen Qualitäten Klassisches und Romantisches unterscheiden, so werden wir bald im
Reinen sein."
Freitag, den 3. April 1829
Wir sprachen darauf über Gegenstände der Weltgeschichte, und Goethe äußerte Folgendes über Regenten.
"Um popular zu sein, sagte er, braucht ein großer Regent weiter keine Mittel als seine Größe.
Hat er so gestrebt und gewirkt, daß sein Staat im Innern glücklich und nach Außen geachtet ist, so mag er
mit all seinen Orden im Staatswagen, oder er mag im Bärenfelle und die Zigarre im Munde auf einer schlechten
Troschke fahren, es ist alles gleich, er hat einmal die Liebe seines Volkes und genießt immer dieselbige Achtung.
Fehlt aber einem Fürsten die persönliche Größe, und weiß er nicht durch gute Taten bei den Seinen sich
in Liebe zu setzen, so muß er auf andere Vereinigungsmittel denken, und da gibt es kein besseres und
wirksameres, als die Religion, und den Mitgenuß und die Mitübung derselbigen Gebräuche.
Sonntäglich in der Kirche erscheinen, auf die Gemeinde herabsehen, und von ihr ein Stündchen sich
anblicken lassen, ist das trefflichste Mittel zur Popularität, das man jedem jungen Regenten
anraten möchte, und das, bei aller Größe, selbst Napoleon nicht verschmähet hat."
Sonntag, den 5. April 1829
Goethe erzählte mir, daß er vor Tisch nach Belvedere gefahren sei, um Coudrays neue Treppe im Schloß
in Augenschein zu nehmen, die er vortrefflich gefunden.
Auch sagte er mir, daß ein großer versteinerter Klotz angekommen, den er mir zeigen wolle.
"Solche versteinerte Stämme, sagte er, finden sich unter dem einundfunfzigsten Grade ganz herum bis nach
Amerika, wie ein Erdgürtel.
Man muß immer mehr erstaunen!
Von der früheren Organisation der Erde hat man gar keinen Begriff, und ich kann es Herrn von Buch nicht
verdenken, wenn er die Menschen endoktriniert, um seine Hypothesen zu verbreiten.
Er weiß nichts, aber niemand weiß mehr, und da ist es denn am Ende einerlei was gelehret wird, wenn es
nur einigermaßen einen Anschein von Vernunft hat."
Montag, den 6. April 1829
"Das Böhmen ist ein eigenes Land, sagte Goethe, ich bin dort immer gerne gewesen.
Die Bildung der Literatoren hat noch etwas Reines, welches im nördlichen Deutschland schon anfängt selten
zu werden, indem hier jeder Lump schreibt, bei dem an ein sittliches Fundament und eine höhere Absicht
nicht zu denken ist."

Es entstand eine kleine Pause im Gespräch, dann aber erzählte Goethe mir Ferneres von dem neuen Buche über
Napoleon.
"Die Gewalt des Wahren ist groß, sagte er.
Aller Nimbus, alle Illusion, die Journalisten, Geschichtsschreiber und Poeten über Napoleon
gebracht haben, verschwindet vor der entsetzlichen Realität dieses Buchs; aber der Held wird dadurch
nicht kleiner, vielmehr wächst er, so wie er an Wahrheit zunimmt."
Eine eigene Zaubergewalt, sagte ich, mußte er in seiner Persönlichkeit haben, daß die Menschen ihm sogleich
zufielen und anhingen und sich von ihm leiten ließen.
"Allerdings, sagte Goethe, war seine Persönlichkeit eine überlegene.
Die Hauptsache aber bestand darin, daß die Menschen gewiß waren, ihre Zwecke unter ihm zu erreichen.
Deshalb fielen sie ihm zu, so wie sie es jedem tun, der ihnen eine ähnliche Gewißheit einflößt.
Fallen doch die Schauspieler einem neuen Regisseur zu, von dem sie glauben, daß er sie in guten Rollen
bringen werde.
Dies ist ein altes Märchen, das sich immer wiederholt; die menschliche Natur ist einmal so eingerichtet. -
Niemand dienet einem Andern aus freien Stücken; weiß er aber, daß er damit sich selber dient, so tut
er es gerne.
Napoleon kannte die Menschen zu gut, und er wußte, von ihren Schwächen den gehörigen Gebrauch zu machen."
Sonntag, den 12. April 1929
Goethe las mir seine Antwort an den König von Bayern.
Er hatte sich dargestellt wie einen der persönlich die Stufen der Villa hinaufgeht und sich in des Königs
unmittelbarer Nähe mündlich äußert.
Es mag schwer sein, sagte ich, das richtige Verhältnis zu treffen wie man sich in solchen Fällen zu halten
habe.
"Wer wie ich, antwortete Goethe, sein ganzes Leben hindurch mit hohen Personen zu verkehren gehabt,
für den ist es nicht schwer.
Das Einzige dabei ist, daß man sich nicht durchaus menschlich gehen lasse, vielmehr sich stets innerhalb
einer gewissen Konvenienz halte."

"Das Schlimme ist, fuhr Goethe fort, daß man im Leben so viel durch falsche Tendenzen ist gehindert worden
und daß man nie eine solche Tendenz erkannt, als bis man sich bereits davon frei gemacht."
Woran aber, sagte ich, soll man sehen und wissen daß eine Tendenz eine falsche sei?
"Die falsche Tendenz, antwortete Goethe, ist nicht produktiv, und wenn sie es ist, so ist das
Hervorgebrachte von keinem Wert.
Dieses an Andern gewahr zu werden ist nicht so gar schwer, aber an sich selber, ist ein eigenes Ding
und will eine große Freiheit des Geistes.
Und selbst das Erkennen hilft nicht immer; man zaudert und zweifelt und kann sich nicht entschließen, so
wie es schwer hält, sich von einem geliebten Mädel los zu machen, von deren Untreue man längst wiederholte
Beweise hat.
Ich sage dieses, indem ich bedenke, wie viele Jahre es gebrauchte, bis ich einsah, daß meine Tendenz zur
bildenden Kunst eine falsche sei, und wie viele andere, nachdem ich es erkannt, mich davon loszumachen."
Aber doch, sagte ich, hat Ihnen diese Tendenz so vielen Vorteil gebracht, daß man sie kaum eine falsche nennen
möchte.
"Ich habe an Einsicht gewonnen, sagte Goethe, weshalb ich mich auch darüber beruhigen kann.
Und das ist der Vorteil, den wir aus jeder falschen Tendenz ziehen.
Wer mit unzulänglichem Talent sich in der Musik bemühet, wird freilich nie ein Meister werden, aber er wird
dabei lernen, dasjenige zu erkennen und zu schätzen, was der Meister gemacht hat.
Trotz aller meiner Bestrebungen bin ich freilich kein Künstler geworden, aber, indem ich mich in allen
Teilen der Kunst versuchte, habe ich gelernt, von jedem Strich Rechenschaft zu geben, und das Verdienstliche
vom Mangelhaften zu unterscheiden.
Dieses ist kein kleiner Gewinn, so wie denn selten eine falsche Tendenz ohne Gewinn bleibt."
Mittwoch, den 15. April 1829
Wir sprachen über Leute, die, ohne eigentliches Talent, zur Produktivität gerufen werden, und über Andere,
die über Dinge schreiben die sie nicht verstehen.
"Das Verführerische für junge Leute, sagte Goethe, ist dieses.
Wir leben in einer Zeit, wo so viele Kultur verbreitet ist, daß sie sich gleichsam der Atmosphäre mitgeteilt hat,
worin ein junger Mensch atmet.
Poetische und philosophische Gedanken leben und regen sich in ihm, mit der Luft seiner Umgebung hat er sie
eingesogen, aber er denkt sie wären sein Eigentum, und so spricht er sie als das Seinige aus.
Nachdem er aber der Zeit wiedergegeben hat was er von ihr empfangen, ist er arm.
Er gleicht einer Quelle, die von zugetragenem Wasser eine Weile gesprudelt hat, und die aufhört zu rieseln,
sobald der erborgte Vorrat erschöpft ist."
Dienstag, den 1.September 1829
Ich erzählte Goethe von einem Durchreisenden, der bei Hegeln ein Kollegium über den Beweis des Daseins Gottes
gehört.
Goethe stimmt mir bei, daß dergleichen Vorlesungen nicht mehr an der Zeit seien.
"Die Periode des Zweifels, sagte er, ist vorüber; es zweifelt jetzt so wenig jemand an sich selber als an Gott.
Zudem sind die Natur Gottes, die Unsterblichkeit, das Wesen unserer Seele und ihr Zusammenhang mit dem Körper,
ewige Probleme, worin uns die Philosophen nicht weiter bringen.
Ein französischer Philosoph der neuesten Tage fängt sein Kapitel ganz getrost folgendermaßen an.' Es ist
bekannt, daß der Mensch aus zwei Teilen besteht, aus Leib und Seele.
Wir wollen demnach mit dem Leibe anfangen und sodann von der Seele reden.'
Fichte ging doch schon ein wenig weiter und zog sich etwas klüger aus der Sache, indem er sagte: Wir wollen
handeln vom Menschen als Leib betrachtet und vom Menschen als Seele betrachtet.
Er fühlte zu wohl, daß sich ein so enge verbundenes Ganzes nicht trennen lasse.
Kant hat unstreitig am meisten genützt, indem er die Grenzen zog, wie weit der menschliche Geist zu dringen
fähig sei, und daß er die unauflöslichen Probleme liegen ließ.
Was hat man nicht alles über Unsterblichkeit philosophiert! und wie weit ist man gekommen! -
Ich zweifle nicht an unserer Fortdauer, denn die Natur kann die Entelechie nicht entbehren.
Aber wir sind nicht auf gleiche Weise unsterblich, und um sich künftig als große Entelechie zu manifestieren,
muß man auch eine sein."
"Während aber die Deutschen sich mit Auflösung philosophischer Probleme quälen, lachen uns die Engländer mit
ihrem großen praktischen Verstande aus, und gewinnen die Welt.
Jedermann kennt ihre Deklamationen gegen den Sklavenhandel, und während sie uns weiß machen wollen,
was für humane Maximen solchem Verfahren zu Grunde liegen, entdeckt sich jetzt, daß das wahre Motiv ein
reales Objekt sei, ohne welches es die Engländer bekanntlich nie tun, und welches man hätte wissen sollen.
An der westlichen Küste von Afrika gebrauchen sie die Neger selbst in ihren großen Besitzungen, und es ist
gegen ihr Interesse, daß man sie dort ausführe."
Sonntag, den 6.Dezember 1829
Heute nach Tisch las Goethe mir die erste Szene vom zweiten Akt des Faust.

Wir sprachen über die Figur des Bakkalaureus.
Ist in ihm, sagte ich, nicht eine gewisse Klasse ideeller Philosophen gemeint?
"Nein, sagte Goethe, es ist die Anmaßlichkeit in ihm personifiziert, die besonders der Jugend eigen ist,
wovon wir in den ersten Jahren nach unserm Befreiungskriege so auffallende Beweise hatten.
Auch glaubt jeder in seiner Jugend, daß die Welt eigentlich erst mit ihm angefangen, und daß Alles eigentlich
um seinetwillen da sei.

"Wenn man alt ist, sagte er, denkt man über die weltlichen Dinge anders als da man jung war.
So kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß die Dämonen, um die Menschheit zu necken und zum Besten zu
haben, mitunter einzelne Figuren hinstellen, die so anlockend sind, daß jeder nach ihnen strebt, und so groß,
daß niemand sie erreicht.
So stellten sie den Raphael hin, bei dem Denken und Tun gleich vollkommen war; einzelne treffliche Nachkommen
haben sich ihm genähert, aber erreicht hat ihn niemand.
So stellten sie den Mozart hin, als etwas Unerreichbares in der Musik.
Und so in der Poesie Shakspeare.
Ich weiß was Sie mir gegen diesen sagen können, aber ich meine nur das Naturell, das große Angeborene der
Natur."

An dieses reiche Thema knüpfte sich viel Verwandtes; bei mir selbst aber dachte ich im Stillen, daß auch mit
Goethe die Dämonen so etwas möchten im Sinne haben, indem auch er eine Figur sei, zu anlockend, um ihm nicht
nachzustreben, und zu groß, um ihn zu erreichen.
Sonntag, den 20.Dezember 1829
Es ist eigen, sagte ich, daß man so häufig bei ausgezeichneten Talenten, besonders bei Poeten, findet, daß
sie eine schwächliche Konstitution haben.
"Das Außerordentliche was solche Menschen leisten, sagte Goethe, setzt eine sehr zarte Organisation voraus,
damit sie seltener Empfindungen fähig sein und die Stimme der Himmlischen vernehmen mögen."

"Schiller war auch beständig krank.
Als ich ihn zuerst kennen lernte, glaubte ich, er lebte keine vier Wochen.
Aber auch er hatte eine gewisse Zähheit; er hielt sich noch die vielen Jahre und hätte sich bei gesünderer
Lebensweise noch länger halten können."

1830

Sonntag, den 3. Januar 1830
"Der Faust, fuhr er fort, ist doch ganz etwas Inkommensurabeles, und alle Versuche, ihn dem Verstand näher
zu bringen, sind vergeblich.
Auch muß man bedenken, daß der erste Teil aus einem etwas dunkelen Zustand des Individuums hervorgegangen.
Aber eben dieses Dunkel reizt die Menschen, und sie mühen sich daran ab, wie an allen unauflösbaren Problemen.
Sonntag, den 10.Januar 1830
Heute zum Nachtisch bereitete Goethe mir einen hohen Genuß, indem er mir die Szene vorlas, wo Faust zu
den Müttern geht.

"Ich kann Ihnen weiter nichts verraten, sagte er darauf, als daß ich beim Plutarch gefunden, daß im
griechischen Altertume von Müttern, als Gottheiten, die Rede gewesen.
Dies ist alles, was ich der Überlieferung verdanke, das Übrige ist meine eigene Erfindung.
Ich gebe Ihnen das Manuskript mit nach Hause, studieren Sie alles wohl und sehen Sie zu wie Sie
zurecht kommen."
Ich war darauf glücklich bei wiederholter ruhiger Betrachtung dieser merkwürdigen Szene, und entwickelte
mir über der Mütter eigentliches Wesen und Wirken, über ihre Umgebung und Aufenthalt, die nachfolgende
Ansicht.
Könnte man sich den ungeheuren Weltkörper unserer Erde im Innern als leeren Raum denken, so daß man
hunderte von Meilen in einer Richtung darin fortzustreben vermöchte, ohne auf etwas Körperliches zu
stoßen, so wäre dieses der Aufenthalt jener unbekannten Göttinnen, zu denen Faust hinabgeht.
Sie leben gleichsam außer allem Ort, denn es ist nichts Festes das sie in einiger Nähe umgibt; auch
leben sie außer aller Zeit, denn es leuchtet ihnen kein Gestirn, welches auf- oder unterginge und den
Wechsel von Tag und Nacht andeutete.
So, in ewiger Dämmerung und Einsamkeit beharrend, sind die Mütter schaffende Wesen, sie sind das
schaffende und erhaltende Prinzip, von dem alles ausgeht, was auf der Oberfläche der Erde Gestalt und
Leben hat.
Was zu atmen aufgehört, geht als geistige Natur zu ihnen zurück, und sie bewahren es, bis es wieder
Gelegenheit findet, in ein neues Dasein zu treten.
Alle Seelen und Formen von dem was einst war und künftig sein wird, schweift in dem endlosen Raum ihres
Aufenthaltes wolkenartig hin und her; es umgibt die Mütter, und der Magier muß also in ihr Reich gehen,
wenn er durch die Macht seiner Kunst über die Form eines Wesens Gewalt haben, und ein früheres Geschöpf
zu einem Scheinleben hervorrufen will.
Die ewige Metamorphose des irdischen Daseins, des Entstehens und Wachsens, des Zerstörens und Wiederbildens,
ist also der Mütter nie aufhörende Beschäftigung.
Und wie nun bei allem, was auf der Erde durch Fortsetzung ein neues Leben erhält, das Weibliche
hauptsächlich wirksam ist, so mögen jene schaffenden Gottheiten mit Recht weiblich gedacht, und es mag der
ehrwürdige Name Mütter ihnen nicht ohne Grund beigelegt werden.
Freilich ist dieses alles nur eine poetische Schöpfung; allein der beschränkte Mensch vermag nicht viel weiter
zu dringen, und er ist zufrieden etwas zu finden, wobei er sich beruhigen möchte.
Wir sehen auf Erden Erscheinungen und empfinden Wirkungen, von denen wir nicht wissen woher sie kommen und
wohin sie gehen.
Wir schließen auf einen geistigen Urquell, auf ein Göttliches, wofür wir keine Begriffe und keinen
Ausdruck haben, und welches wir zu uns herabziehen und anthropomorphisieren müssen, um
unsere dunkelen Ahndungen einigermaßen zu verkörpern und faßlich zu machen.
So sind alle Mythen entstanden, die von Jahrhundert zu Jahrhundert in den Völkern fortlebten, und ebenso diese
neue von Goethe, die wenigstens den Schein einiger Naturwahrheit hat, und die wohl den besten gleichzustellen
sein dürfte, die je gedacht worden.
Montag, den 18. Januar 1830 (Dritter Teil *)
Goethe sprach über Lavater und sagte mir viel Gutes von seinem Charakter.
Auch Züge von ihrer früheren intimen Freundschaft erzählte mir Goethe, und wie sie zu jener Zeit
oft brüderlich zusammen in einem und demselbigen Bette geschlafen.
"Es ist zu bedauern, fügte er hinzu, daß ein schwacher Mystizismus dem Aufflug seines Genies so
bald Grenzen setzte!"
Montag, den 25. Januar 1830 (Dritter Teil *)
Ich hatte ihm zugleich die ersten Kapitel der Reise nach Paris mitgebracht, die ich ihm vorlesen wollte,
die er aber vorzog allein zu betrachten.
Er scherzte darauf über die Schwierigkeit des Lesens und den Dünkel vieler Leute, die ohne alle Vorstudien
und vorbereitenden Kenntnisse sogleich jedes philosophische und wissenschaftliche Werk lesen möchten,
als wenn es eben nichts weiter als ein Roman wäre.
"Die guten Leutchen, fuhr er fort, wissen nicht, was es Einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen zu lernen.
Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht, und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre."
Mittwoch, den 27.Januar 1830 (Dritter Teil)
Goethe zeigte mir sodann einen Brief eines englischen Schriftstellers mit der Adresse: An Sr. Durchlaucht den
Fürsten Goethe.
"Diesen Titel, sagte Goethe lachend, habe ich wahrscheinlich den deutschen Journalisten zu danken, die mich
aus allzugroßer Liebe wohl den deutschen Dichterfürsten genannt haben.
Und so hat denn der unschuldige deutsche Irrtum den ebenso unschuldigen Irrtum des Engländers zur Folge
gehabt."
Sonntag, den 31.Januar 1830 (Dritter Teil *)
Er zeigte uns darauf das erste Manuskript seines Götz von Berlichingen, ganz in der ursprünglichen Gestalt,
wie er es vor länger als funfzig Jahren auf Anregung seiner Schwester in wenigen Wochen geschrieben.
Die schlanken Züge der Handschrift trugen schon ganz den freien klaren Charakter, wie ihn seine deutsche
Schrift später immer behalten und auch noch jetzt hat.
Das Manuskript war sehr reinlich, man las ganze Seiten ohne die geringste Korrektur, so daß man es eher für
eine Kopie, als für einen ersten raschen Entwurf hätte halten sollen.
Seine frühesten Werke hat Goethe, wie er uns sagte, alle mit eigener Hand geschrieben, auch seinen Werther;
doch ist das Manuskript verloren gegangen.
In späterer Zeit dagegen hat er fast Alles diktiert, und nur Gedichte und flüchtig notierte Pläne finden sich
von seiner eigenen Hand.
Sehr oft hat er nicht daran gedacht, von einem neuen Produkt eine Abschrift nehmen zu lassen; vielmehr hat er
häufig die kostbarste Dichtung dem Zufall preisgegeben, indem er öfter als einmal das einzige Exemplar,
das er besaß, nach Stuttgart in die Druckerei schickte.
Sonntag, den 14. Februar 1830 (Dritter Teil *)
"Der Temps, fügte Goethe hinzu, hat sich in seiner Kritik nicht so weise benommen.
Er maßt sich an, dem Dichter den Weg vorschreiben zu wollen, den er hätte gehen müssen.
Dies ist ein großer Fehler; denn damit erreicht man nicht, ihn zu bessern.
Es gibt überhaupt nichts Dümmeres, als einem Dichter zu sagen: Dies hättest Du müssen so machen
und dies so!
Ich spreche als alter Kenner.
Man wird aus einem Dichter nie etwas Anderes machen, als was die Natur in ihn gelegt hat.
Wollt ihr ihn zwingen, ein Anderer zu sein, so werdet ihr ihn vernichten."

"Es ist fast unmöglich, heutzutage noch eine Situation zu finden, die durchaus neu wäre.
Bloß die Anschauungsweise und die Kunst, sie zu behandeln und darzustellen, kann neu sein,
und hiebei muß man um so mehr vor jeder Nachahmung sich in Acht nehmen."
Sonntag, den 21.Februar 1830
"Ich habe mir vorgenommen, sagte Goethe darauf, in vier Wochen so wenig den Temps als Globe zu lesen.
Die Sachen stehen so, daß sich innerhalb dieser Periode etwas ereignen muß, und so will ich die Zeit
erwarten, bis mir von Außen eine solche Nachricht kommt.
Meine klassische Walpurgisnacht wird dabei gewinnen, und ohnehin sind Jenes Interessen wovon man
nichts hat, welches in manchen Fällen nicht genug bedacht wird."
Freitag, den 5. März 1830 (Dritter Teil *)
Eine nahe Verwandte der Jugengeliebten Goethes, Fräulein von Türkheim, war einige Zeit in Weimar.
Ich drückte heute gegen Goethe mein Bedauern über ihre Abreise aus.
Sie ist so jung, sagte ich, und zeigt eine so erhabene Gesinnung und einen so reifen Geist, wie man ihn
bei solchem Alter selten findet.
Ihr Erscheinen hat überhaupt in Weimar großen Eindruck gemacht.
Wäre sie länger geblieben, sie hätte für Manchen gefährlich werden können.
"Wie sehr tut es mir leid, erwiderte Goethe, daß ich sie nicht öfter gesehen und daß ich anfänglich immer
verschoben habe, sie einzuladen, um mich ungestört mit ihr zu unterhalten und die geliebten Züge ihrer
Verwandten in ihr wieder aufzusuchen."
"Der vierte Band von Wahrheit und Dichtung, fuhr er fort, wo Sie die jugendliche Glücks- und Leidens-
Geschichte meiner Liebe zu Lili erzählt finden werden, ist seit einiger Zeit vollendet.
Ich hätte ihn längst früher geschrieben und herausgegeben, wenn mich nicht gewisse zarte Rücksichten
gehindert hätten, und zwar nicht Rücksichten gegen mich selber, sondern gegen die damals noch lebende
Geliebte.
Ich wäre stolz gewesen, es der ganzen Welt zu sagen, wie sehr ich sie geliebt; und ich glaube, sie
wäre nicht errötet, zu gestehen, daß meine Neigung erwidert wurde.
Aber hatte ich das Recht, es öffentlich zu sagen, ohne ihre Zustimmung?
Ich hatte immer die Absicht, sie darum zu bitten; doch zögerte ich damit hin, bis es denn endlich nicht
mehr nötig war."
"Indem Sie, fuhr Goethe fort, mit solchem Anteil über das liebenswürdige junge Mädchen reden, das uns
jetzt verläßt, erwecken Sie in mir alle meine alten Erinnerungen.
Ich sehe die reizende Lili wieder in aller Lebendigkeit vor mir, und es ist mir, als fühlte ich wieder
den Hauch ihrer beglückenden Nähe.
Sie war in der Tat die Erste, die ich tief und wahrhaft liebte.
Auch kann ich sagen, daß sie die Letzte gewesen; denn alle kleinen Neigungen, die mich in der Folge
meines Lebens berührten, waren, mit jener ersten verglichen, nur leicht und oberflächlich."
"Ich bin, fuhr Goethe fort, meinem eigentlichen Glücke nie so nahe gewesen, als in der Zeit jener Liebe
zu Lili.
Die Hindernisse, die uns auseinander hielten, waren im Grunde nicht unübersteiglich, - und doch
ging sie mir verloren!"
"Meine Neigung zu ihr hatte etwas so Delikates und etwas so Eigentümliches, daß es jetzt, in Darstellung
jener schmerzlich-glücklichen Epoche, auf meinen Styl Einfluß gehabt hat.
Wenn Sie künftig den vierten Band von Wahrheit und Dichtung lesen, so werden Sie finden, daß jene Liebe
etwas ganz Anderes ist, als eine Liebe in Romanen."
Dasselbige, erwiderte ich, könnte man auch von ihrer Liebe zu Gretchen und Friederike sagen.
Die Darstellung von Beiden ist gleichfalls so neu und originell, wie die Romanschreiber dergleichen nicht
erfinden und ausdenken.
Es scheint dieses von der großen Wahrhaftigkeit des Erzählers herzurühren, der das Erlebte nicht zu
bemänteln gesucht, um es zu größerem Vorteil erscheinen zu lassen, und der jede empfindsame Phrase
vermieden, wo schon die einfache Darlegung der Ereignisse genügte.
Auch ist die Liebe selbst, fügte ich hinzu, sich niemals gleich; sie ist stets original und modifiziert sich
stets nach dem Charakter und der Persönlichkeit derjenigen, die wir lieben.
"Sie haben vollkommen Recht, erwiderte Goethe; denn nicht bloß wir sind die Liebe, sondern es ist es auch
das uns anreizende liebe Objekt.
Und dann, was nicht zu vergessen, kommt als ein mächtiges Drittes noch das Dämonische hinzu, das jede
Leidenschaft zu begleiten pflegt und das in der Liebe sein eigentliches Element findet.
In meinem Verhältnis zu Lili war es besonders wirksam; es gab meinem ganzen Leben eine andere Richtung
und ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß meine Herkunft nach Weimar und mein jetziges Hiersein
davon eine unmittelbare Folge war."
Sonnabend, den 6. März 1830 (Dritter Teil *)
Auch den Globe und Temps, den Goethe seit mehreren Monaten mit dem größten Eifer las, hat er seit etwa vierzehn
Tagen zu lesen aufgehört.
Sowie die Nummern bei ihm unter Kreuzband ankommen, legt er sie uneröffnet bei Seite.
Indes bittet er seine Freunde, ihm zu erzählen was in der Welt vorgeht.
Er ist seit einiger Zeit sehr produktiv und ganz vertieft im zweiten Teile seines Faust.
Besonders ist es die klassische Walpurgisnacht, die ihn seit einigen Wochen ganz hinnimmt und die dadurch auch
rasch und bedeutend heranwächst.
In solchen durchaus produktiven Epochen liebt Goethe die Lektüre überhaupt nicht, es wäre denn, daß sie als
etwas Leichtes und Heiteres ihm als ein wohltätiges Ausruhen diente, oder auch, daß sie mit dem Gegenstande,
den er eben unter den Händen hat, in Harmonie stände und dazu behülflich wäre.
Er meidet sie dagegen ganz entschieden, wenn sie so bedeutend und aufregend wirkte, daß sie seine ruhige
Produktion stören und sein tätiges Interesse zersplittern und ablenken könnte.
Das Letztere scheint jetzt mit dem Globe und Temps der Fall zu sein.
Sonntag, den 7. März 1830
Unterdessen hatte der Bediente Friedrich eine große von Paris angekommene Kiste ausgepackt.
Es war eine Sendung vom Bildhauer David, in Gips abgegossene Portraits, Basreliefs, von sieben und funfzig
berühmten Personen.

Auch Bücher waren in der Kiste verpackt gewesen, die er in die vorderen Zimmer tragen ließ, wohin wir
folgten und uns zu Tisch setzten.
Wir waren heiter und sprachen von Arbeiten und Vorsätzen hin und her.
"Es ist nicht gut daß der Mensch alleine sei, sagte Goethe, und besonders nicht daß er alleine arbeite;
vielmehr bedarf er der Teilnahme und Anregung, wenn etwas gelingen soll.
Ich verdanke Schillern die Achilleis und viele meiner Balladen, wozu er mich getrieben, und Sie können es
sich zurechnen, wenn ich den zweiten Teil des Faust zu Stande bringe.
Ich habe es Ihnen schon oft gesagt, aber ich muß es wiederholen, damit Sie es wissen."
Ich freute mich dieser Worte, im Gefühl daß daran viel Wahres sein möge.
Beim Nachtisch öffnete Goethe eins der Pakete.
Es waren die Gedichte von Emile Deschamps, begleitet von einem Brief den Goethe mir zu lesen gab.
Hier sah ich nun zu meiner Freude, welcher Einfluß Goethen auf das neue Leben der französischen Literatur
zugestanden wird, und wie die jungen Dichter ihn als ihr geistiges Oberhaupt verehren und lieben.
So hatte in Goethes Jugend Shakspeare gewirkt.
Sonntag, den 14. März 1830 (Dritter Teil)
Die Braut von Corinth gab Goethen Anlaß, auch von seinem übrigen Balladen zu reden.
"Ich verdanke sie größtenteils Schillern, sagte er, der mich dazu trieb, weil er immer etwas Neues
für seine Horen brauchte.
Ich hatte sie alle schon seit vielen Jahren im Kopf, sie beschäftigten meinen Geist als anmutige
Bilder, als schöne Träume, die kamen und gingen und womit die Phantasie mich spielend beglückte.
Ich entschloß mich ungern dazu, diesen mir seit so lange befreundeten glänzenden Erscheinungen ein
Lebewohl zu sagen, indem ich ihnen durch das ungenügende dürftige Wort einen Körper verlieh.
Als sie auf dem Papiere standen, betrachtete ich sie mit einem Gemisch von Wehmut; es war mir,
als sollte ich mich auf immer von einem geliebten Freunde trennen."
"Zu anderen Zeiten, fuhr Goethe fort, ging es mir mit meinen Gedichten gänzlich anders.
Ich hatte davon vorher durchaus keine Eindrücke und keine Ahnung, sondern sie kamen plötzlich über
mich und wollten augenblicklich gemacht sein, so daß ich sie auf der Stelle instinktmäßig und
traumartig niederzuschreiben mich getrieben fühlte.
In solchem nachtwandlerischen Zustande geschah es oft, daß ich einen ganz schief liegenden Papierbogen
vor mir hatte, und daß ich dieses erst bemerkte, wenn Alles geschrieben war, oder wenn ich zum
Weiterschreiben keinen Platz fand.
Ich habe mehrere solcher in der Diagonale geschriebenen Blätter besessen; sie sind mir jedoch nach und
nach abhanden gekommen, so daß es mir leid tut, keine Proben solcher poetischen Vertiefung mehr
vorzeigen zu können."
Das Gespräch lenkte sich sodann auf die französische Literatur zurück, und zwar auf die allerneueste
ultraromantische Richtung einiger nicht unbedeutenden Talente.
Goethe war der Meinung, daß diese im Werden begriffene poetische Revolution der Literatur selber im
hohen Grade günstig, den einzelnen Schriftstellern aber, die sie bewirken, nachteilig sei.
"Bei keiner Revolution, sagte er, sind die Extreme zu vermeiden.
Bei der politischen will man anfänglich gewöhnlich nichts weiter als die Abstellung von allerlei
Mißbräuchen; aber ehe man es sich versieht, steckt man tief in Blutvergießen und Greueln.
So wollten auch die Franzosen bei ihrer jetzigen literarischen Unwälzung anfänglich nichts weiter als
eine freiere Form; aber dabei bleiben sie jetzt nicht stehen, sondern sie verwerfen neben der Form
auch den bisherigen Inhalt. -
Die Darstellung edler Gesinnungen und Taten fängt man an für langweilig zu erklären, und man versucht
sich in Behandlung von allerlei Verruchtheiten.
An die Stelle des schönen Inhalts griechischer Mythologie treten Teufel, Hexen und Vampyre, und die
erhabenen Helden der Vorzeit müssen Gaunern und Galeerensklaven Platz machen.
Dergleichen ist pikant! das wirkt! -
Nachdem aber das Publikum diese stark gepfefferte Speise einmal gekostet und sich daran gewöhnt hat,
wird es nur immer nach Mehrerem und Stärkerem begierig.
Ein junges Talent, das wirken und anerkannt sein will, und nicht groß genug ist, auf eigenem Wege zu
gehen, muß sich dem Geschmack des Tages bequemen, ja es muß seine Vorgänger im Schreck- und
Schauerlichen noch zu überbieten suchen.
In diesem Jagen nach äußeren Effektmitteln aber wird jedes tiefere Studium und jedes stufenweise
gründliche Entwickeln des Talents und Menschen von Innen heraus ganz außer Acht gelassen.
Das ist aber der größte Schaden, der dem Talent begegnen kann, wiewohl die Literatur im Allgemeinen
bei dieser augenblicklichen Richtung gewinnen wird."

"Sie wissen, ich bin im Ganzen kein Freund von sogenannten politischen Gedichten; allein solche, wie
Bèranger sie gemacht hat, lasse ich mir gefallen."

"Seine liebende Bewunderung Napoleons und das Zurückdenken an die großen Waffentaten, die unter ihm
geschehen, und zwar zu einer Zeit, wo diese Erinnerung den etwas gedrückten Franzosen ein Trost war;
dann sein Haß gegen die Herrschaft der Pfaffen und gegen die Verfinsterung, die mit den Jesuiten
wieder einzubrechen droht: das sind denn doch Dinge, denen man wohl seine völlige Zustimmung nicht
versagen kann."

"Ein politisches Gedicht ist überhaupt im glücklichsten Falle immer nur als Organ einer einzelnen Nation,
und in den meisten Fällen nur als Organ einer gewissen Partei zu betrachten; aber von dieser Nation
und dieser Partei wird es auch, wenn es gut ist, mit Enthusiasmus ergriffen werden.
Auch ist ein politisches Gedicht immer nur als Produkt eines gewissen Zeitzustandes anzusehen; der aber
freilich vorübergeht und dem Gedicht für die Folge denjenigen Wert nimmt, den es vom Gegenstande hat."

"Wir haben keine Stadt, ja wir haben nicht einmal ein Land, von dem wir entschieden sagen könnten:
Hier ist Deutschland!
Fragen wir in Wien, so heißt es: Hier ist Österreich! und fragen wir in Berlin, so heißt es:
Hier ist Preußen! -
Bloß vor sechszehn Jahren, als wir endlich die Franzosen los sein wollten, war Deutschland überall. -
Hier hätte ein politischer Dichter allgemein wirken können; - allein es bedurfte seiner nicht!
Die allgemeine Not und das allgemeine Gefühl der Schmach hatte die Nation als etwas Dämonisches
ergriffen; das begeisternde Feuer, das der Dichter hätte entzünden können, brannte bereits überall
von selber."

Man hat Ihnen vorgeworfen, bemerkte ich etwas unvorsichtig, daß Sie in jener großen Zeit nicht auch die
Waffen ergriffen, oder wenigstens nicht als Dichter eingewirkt haben.
"Lassen wir das, mein Guter! erwiderte Goethe.
Es ist eine absurde Welt, die nicht weiß, was sie will, und die man muß reden und gewähren lassen. -
Wie hätte ich die Waffen ergreifen können ohne Haß! und wie hätte ich hassen können ohne Jugend!
Hätte jenes Ereignis mich als einen Zwanzigjährigen getroffen, so wäre ich sicher nicht der Letzte
geblieben; allein es fand mich als Einen, der bereits über die ersten sechszig hinaus war."
"Auch können wir dem Vaterlande nicht auf gleiche Weise dienen, sondern Jeder tut sein Bestes, je
nachdem Gott es ihm gegeben.
Ich habe es mir ein halbes Jahrhundert lang sauer genug werden lassen.
Ich kann sagen, ich habe in den Dingen, die die Natur mir zum Tagewerk bestimmt, mir Tag und Nacht
keine Ruhe gelassen und mir keine Erholung gegönnt, sondern immer gestrebt und geforscht und getan,
so gut und so viel ich konnte.
Wenn Jeder von sich dasselbe sagen kann, so wird es um Alle gut stehen."

"Ich mag nicht sagen, wie ich denke, erwiderte Goethe.
Es versteckt sich hinter jenem Gerede mehr böser Wille gegen mich, als Sie wissen.
Ich fühle darin eine neue Form des alten Hasses, mit dem man mich seit Jahren verfolgt und mir im
Stillen beizukommen sucht.
Ich weiß recht gut, ich bin Vielen ein Dorn im Auge, sie wären mich Alle sehr gerne los; und da
man nun an meinem Talent nicht rühren kann, so will man an meinen Charakter.
Bald soll ich stolz sein, bald egoistisch, bald voller Neid gegen junge Talente, bald in Sinneslust
versunken, bald ohne Christentum, und nun endlich gar ohne Liebe zu meinem Vaterlande und meinen
lieben Deutschen. -
Sie kennen mich nun seit Jahren hinlänglich, und fühlen, was an alle dem Gerede ist.
Wollen Sie aber wissen, was ich gelitten habe, so lesen Sie meine Xenien, und es wird Ihnen aus
meinen Gegenwirkungen klar werden, womit man mir abwechselnd das Leben zu verbittern gesucht hat."

"Kriegslieder schreiben und im Zimmer sitzen! - Das wäre meine Art gewesen! -
Aus dem Bivouac heraus, wo man Nachts die Pferde der feindlichen Vorposten wiehern hört: da hätte ich
es mir gefallen lassen!
Aber das war nicht mein Leben und nicht meine Sache, sondern die von Theodor Körner.
Ihn kleiden seine Kriegslieder auch ganz vollkommen.
Bei mir aber, der ich keine kriegerische Natur bin und keinen kriegerischen Sinn habe, würden
Kriegslieder eine Maske gewesen sein, die mir sehr schlecht zu Gesicht gestanden hätte."
"Ich habe in meiner Poesie nie affektiert. -
Was ich nicht lebte und was mir nicht auf die Nägel brannte und zu schaffen machte, habe ich auch
nicht gedichtet und ausgesprochen.
Liebesgedichte habe ich nur gemacht, wenn ich liebte.
Wie hätte ich nun Lieder des Hasses schreiben können ohne Haß! -
Und, unter uns, ich haßte die Franzosen nicht, wiewohl ich Gott dankte, als wir sie los waren.
Wie hätte auch ich, dem nur Kultur und Barbarei Dinge von Bedeutung sind, eine Nation hassen können,
die zu den kultiviertesten der Erde gehört und der ich einen so großen Teil meiner eigenen Bildung
verdankte!"
"Überhaupt, fuhr Goethe fort, ist es mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. -
Auf den untersten Stufen der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden.
Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen
steht, und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen
begegnet.
Diese Kulturstufe war meiner Natur gemäß, und ich hatte mich darin lange befestigt, ehe ich
mein sechszigstes Jahr erreicht hatte."
Mittwoch, den 17. März 1830 (Dritter Teil *)
"Ich freue mich immer, erwiderte er, wenn etwas hervorgebracht worden, das in der Erfindung neu
ist und überall den Stempel des Talentes trägt."

"Aber es will mir nie recht gefallen, wenn ich sehe, daß dramatische Schriftsteller Stücke machen,
die durchaus zu lang sind, um so gegeben zu werden zu können, wie sie geschrieben.
Diese Unvollkommenheit nimmt mir die Hälfte des Vergnügens, das ich sonst darüber empfinden würde."

Schiller, erwiderte ich, hat es nicht viel besser gemacht, und doch ist er ein sehr großer dramatischer
Schriftsteller.
"Auch er hat freilich darin gefehlt, erwiderte Goethe.
Besonders seine ersten Stücke, die er in der ganzen Fülle der Jugend schrieb, wollen gar kein Ende nehmen.
Er hatte zu viel auf dem Herzen und zu viel zu sagen, als daß er es hätte beherrschen können.
Später, als er sich dieses Fehlers bewußt war, gab er sich unendliche Mühe und suchte ihn durch Studium
und Arbeit zu überwinden; aber es hat ihm damit nie recht gelingen wollen.
Seinen Gegenstand gehörig beherrschen und sich vom Leibe zu halten, und sich nur auf das durchaus
Notwendige zu konzentrieren, erfordert freilich die Kräfte eines poetischen Riesen und ist schwerer als
man denkt."

"Wofür halten Sie mich? erwiderte Goethe, der nun ganz die Miene und den Ton seines Mephisto annahm.
Ich hätte sollen Mißbräuchen nachspüren, und noch obendrein sie aufdecken und sie namhaft machen, ich,
der ich in England von Mißbräuchen würde gelebt haben? -
In England geboren, wäre ich ein reicher Herzog gewesen, oder vielmehr ein Bischof mit jährlichen
30,000 Pfund Sterling Einkünfte."
Recht hübsch! erwiderte ich; aber wenn Sie zufällig nicht das große Los, sondern eine Niete gezogen
hätten?
Es gibt so unendlich viele Nieten.
"Nicht Jeder, mein Allerbester, erwiderte Goethe, ist für das große Los gemacht.
Glauben Sie denn, daß ich die Sottise begangen haben würde, auf eine Niete zu fallen? -
Ich hätte vor allen Dingen die Partie der 39 Artikel ergriffen; ich hätte sie nach allen Seiten und
Richtungen hin verfochten, besonders den Artikel 9, der für mich ein Gegenstand einer ganz besondern
Aufmerksamkeit und zärtlichen Hingebung gewesen sein würde.
Ich hätte in Reimen und Prosa so lange und so viel geheuchelt und gelogen, daß mein 30,000 Pfund jährlich
mir nicht hätten entgehen sollen.
Und dann, einmal zu dieser Höhe gelangt, würde ich nichts unterlassen haben, mich oben zu halten.
Besonders würde ich Alles getan haben, die Nacht der Unwissenheit wo möglich noch finsterer zu machen.
O wie hätte ich die gute einfältige Masse cajolieren wollen, und wie hätte ich die liebe Schuljugend
wollen zurichten lassen, damit ja Niemand hätte wahrnehmen, ja nicht einmal den Mut hätte haben sollen,
zu bemerken, daß mein glänzender Zustand auf der Basis der schändlichsten Mißbräuche fundiert sei."
Bei Ihnen, versetzte ich, hätte man doch wenigstens den Trost gehabt, zu denken, daß Sie durch ein
vorzügliches Talent zu solcher Höhe gelangt.
In England aber sind oft gerade die Dummsten und Unfähigsten im Genuß der höchsten irdischen Güter,
die sie keineswegs dem eigenen Verdienst, sondern der Protektion, dem Zufall und vor Allem der Geburt
zu verdanken haben.
"Im Grunde, erwiderte Goethe, ist es gleichviel, ob Einem die glänzenden Güter der Erde durch eigene
Eroberung, oder durch Erbschaft zugefallen.
Die ersten Besitzergreifer waren doch auf jeden Fall Leute von Genie, welche die Unwissenheit und
Schwäche der Anderen sich zu Nutze machten. -
Die Welt ist so voller Schwachköpfe und Narren, daß man nicht nötig hat sie im Tollhause zu suchen.
Hierbei fällt mir ein, daß der verstorbene Großherzog, der meinen Widerwillen gegen Tollhäuser kannte,
mich durch List und Überraschung einst in ein solches einführen wollte.
Ich roch aber den Braten noch zeitig genug und sagte ihm, daß ich keineswegs ein Bedürfnis verspüre, auch noch
diejenigen Narren zu sehen, die man einsperre, vielmehr schon an denen vollkommen genug habe, die frei
umhergehen.
Ich bin sehr bereit, sagte ich, Eurer Hoheit, wenn es sei muß, in die Hölle zu folgen, aber nur nicht
in die Tollhäuser."
"O welch ein Spaß würde es für mich sein, die 39 Artikel auf meine Weise zu traktieren und die einfältige
Masse in Erstaunen zu setzen!"
Auch ohne Bischof zu sein, sagte ich, könnten Sie sich dieses Vergnügen machen.
"Nein, erwiderte Goethe, ich werde mich ruhig verhalten; man muß sehr gut bezahlt sein, um so zu lügen.
Ohne Aussicht auf die Bischofsmütze und meine 30,000 Pfund jährlich könnte ich mich nicht dazu verstehen.
Übrigens habe ich schon ein Pröbchen in diesem Genre abgelegt.
Ich habe als sechszehnjähriger Knabe ein dithyrambisches Gedicht über die Höllenfahrt Christi geschrieben,
das sogar gedruckt, aber nicht bekannt geworden, und das erst in diesen Tagen mir wieder in die Hände kommt.
Das Gedicht ist voll orthodoxer Borniertheit und wird mir als herrlicher Paß in den Himmel dienen."

Goethe kam darauf mit derselbigen Malice und Ironie nochmals auf die enorme Besoldung der englischen hohen
Geistlichkeit zurück und erzählte sodann sein Abenteuer mit dem Lord Bristol, Bischof von Derby.
"Lord Bristol, sagte Goethe, kam durch Jena, wünschte meine Bekanntschaft zu machen und veranlaßte mich,
ihn eines Abends zu besuchen.
Er gefiel sich darin, gelegentlich grob zu sein; wenn man ihm aber ebenso grob entgegentrat, so war er
ganz traktabel.
Er wollte mir im Laufe unseres Gesprächs eine Predigt über den Werther halten und es mir ins Gewissen
schieben, daß ich dadurch die Menschen zum Selbstmord verleitet habe.
'Der Werther, sagte er, ist ein ganz unmoralisches, verdammungswürdiges Buch,' -
Halt! rief ich.
Wenn Ihr so über den armen Werther redet, welchen Ton wollt Ihr denn gegen die Großen dieser Erde
anstimmen, die durch einen einzigen Federzug hundert Tausend Menschen ins Feld schicken, wovon achtzig
Tausend sich töten und sich gegenseitig zu Mord, Brand und Plünderung anreizen.
Ihr danket Gott nach solchen Greueln und singet ein Te Deum darauf! -
Und ferner, wenn Ihr durch Eure Predigten über die Schrecken der Höllenstrafen die schwachen Seelen Eurer
Gemeinden ängstiget, so daß sie darüber den Verstand verlieren und ihr armseliges Dasein zuletzt
in einem Tollhause endigen! -
Oder wenn Ihr durch manche Eurer orthodoxen, vor der Vernunft unhaltbaren Lehrsätze in die Gemüter
Eurer christlichen Zuhörer die verderblich Saat des Zweifels säet, so daß diese halb starken, halb schwachen
Seelen in einem Labyrinth sich verlieren, aus dem für sie kein Ausweg ist, als der Tod! -
Was sagt Ihr da zu Euch selber, und welche Strafrede haltet Ihr Euch da? -
Und nun wollt Ihr einen Schriftsteller zur Rechenschaft ziehen und ein Werk verdammen, das, durch einige
beschränkte Geister falsch aufgefaßt, die Welt höchstens von einem Dutzend Dummköpfen und Taugenichtsen
befreit hat, die gar nichts Besseres tun konnten, als den schwachen Rest ihres Bißchen Lichtes vollends
auszublasen. -
Ich dachte, ich hätte den Menschen einen wirklichen Dienst geleistet und ihren Dank verdient, und nun kommt
Ihr und wollt mir diese gute kleine Waffentat zum Verbrechen machen, während Ihr Anderen, Ihr Priester und
Fürsten, Euch so Großes und Starkes erlaubt!"
"Dieser Ausfall tat auf meinen Bischoff eine herrliche Wirkung.
Er ward so sanft, wie ein Lamm, und benahm sich von nun an gegen mich in unserer weiteren Unterhaltung
mit der größten Höflichkeit und dem feinsten Takt.
Ich verlebte darauf mit ihm einen sehr guten Abend.
Denn Lord Bristol, so grob er sein konnte, war ein Mann von Geist und Welt, und durchaus fähig, in die
verschiedenartigsten Gegenstände einzugehen.
Bei meinem Abschied gab er mir das Geleit und ließ darauf durch seinen Abbè die Honneurs fortsetzen.
Als ich mit diesem auf die Straße gelangt war, rief er mir zu: O Herr von Goethe! wie vortrefflich
haben Sie gesprochen, und wie haben Sie dem Lord gefallen und das Geheimnis verstanden, den Weg zu
seinem Herzen zu finden.
Mit etwas weniger Derbheit und Entschiedenheit würden Sie von Ihrem Besuch sicher nicht so zufrieden
nach Hause gehen, wie Sie es jetzt tun."
Sonntag, den 21.März 1830
Wir sprachen sodann über krankhafte körperliche Zustände, und über die Wechselwirkung zwischen Körper
und Geist.
"Es ist unglaublich, sagte Goethe, wie viel der Geist zur Erhaltung des Körpers vermag.
Ich leide oft an Beschwerden des Unterleibes, allein der geistige Wille und die Kräfte des oberen Teiles
halten mich im Gange.
Der Geist muß nur dem Körper nicht nachgeben! -
So arbeite ich bei hohem Barometerstande leichter als bei tiefem; da ich nun dieses weiß, so suche ich,
bei tiefem Barometer, durch größere Anstrengung die nachteilige Einwirkung aufzuheben, und es gelingt mir."
"In der Poesie jedoch lassen sich gewisse Dinge nicht zwingen, und man muß von guten Stunden erwarten, was
durch geistigen Willen nicht zu erreichen ist."

"Der Begriff von klassischer und romantischer Poesie, der jetzt über die ganze Welt geht und so viel Streit
und Spaltungen verursacht, fuhr Goethe fort, ist ursprünglich von mir und Schiller ausgegangen.
Ich hatte in der Poesie die Maxime des objektiven Verfahrens, und wollte nur dieses gelten lassen.
Schiller aber, der ganz subjektiv wirkte, hielt seine Art für die rechte, und, um sich gegen mich zu wehren,
schrieb er den Aufsatz über naive und sentimentale Dichtung.
Er bewies mir, daß ich selber, wider Willen, romantisch sei, und meine Iphigenie, durch das Vorwalten der
Empfindung, keineswegs so klassisch und im antiken Sinne sei, als man vielleicht glauben möchte.
Die Schlegel ergriffen die Idee und trieben sie weiter, so daß sie sich denn jetzt über die ganze
Welt ausgedehnt hat, und nun jedermann von Klassizismus und Romantizismus redet, woran vor funfzig Jahren
niemand dachte."
Montag, den 5. April 1830 (Dritter Teil)
"Übrigens sind Bescheidenheit und Dünkel sittliche Dinge so geistiger Art, daß sie wenig mit dem Körper
zu schaffen haben.
Bei Bornierten und geistig Dunkeln findet sich der Dünkel; bei geistig Klaren und Hochbegabten aber findet
er sich nie.
Bei solchen findet sich höchsten ein freudiges Gefühl ihrer Kraft; da aber diese Kraft wirklich ist, so
ist dieses Gefühl alles Andere, aber kein Dünkel."
Mittwoch, den 13. Oktober 1830 (Dritter Teil *)
Goethe zeigte mir Tabellen, wohinein er in lateinischer und deutscher Sprache viele Namen von Pflanzen
geschrieben hatte, um sie auswendig zu lernen.
Er sagte mir, daß er ein Zimmer gehabt, das ganz mit solchen Tabellen austapeziert gewesen, und
worin er, an den Wänden umhergehend, studiert und gelernt habe.
"Es tut mir leid, fügte er hinzu, daß es später überweißt worden.
Auch hatte ich ein anderes, das mit chronologischen Notizen meiner Arbeiten während einer langen Reihe
von Jahren beschrieben war und worauf ich das Neueste immer nachtrug.
Auch dieses ist leider übertüncht worden, welches ich nich wenig bedauere, indem es mir gerade jetzt
herrliche Dienste tun könnte."
Mittwoch, den 20.Oktober 1830 (Dritter Teil *)
Unsere Unterhaltung wendete sich bald auf andere Dinge, und Goethe bat mich, ihm meine Meinung über die
Saint-Simonisten zu sagen.
Die Hauptrichtung ihrer Lehre, erwiderte ich, scheint dahin zu gehen, daß Jeder für das Glück des Ganzen
arbeiten solle, als unerläßliche Bedingung seines eigenen Glückes.
"Ich dächte, erwiderte Goethe, Jeder müsse bei sich selber anfangen und zunächst sein eigenes Glück machen,
woraus denn zuletzt das Glück des Ganzen unfehlbar entstehen wird.
Übrigens erscheint jene Lehre mir durchaus unpraktisch und unausführbar.
Sie widerspricht aller Natur, aller Erfahrung, und allem Gang der Dinge seit Jahrtausenden.
Wenn Jeder nur als Einzelner seine Pflicht tut und Jeder nur in dem Kreise seines nächsten Berufes brav und
tüchtig ist, so wird es um das Wohl des Ganzen gut stehen.
Ich habe in meinem Beruf als Schriftsteller nie gefragt: was will die große Masse und wie nütze ich dem
Ganzen? sondern ich habe immer nur dahin getrachtet, mich selbst einsichtiger und besser zu machen, den
Gehalt meiner eigenen Persönlichkeit zu steigern, und dann immer nur auszusprechen, was ich als gut
und wahr erkannt hatte.
Dieses hat freilich, wie ich nicht leugnen will, in einem großen Kreise gewirkt und genützt; aber dies war
nicht Zweck, sondern ganz notwendige Folge, wie sie bei allen Wirkungen natürlicher Kräfte stattfindet.
Hätte ich als Schriftsteller die Wünsche des großen Haufens mir zum Ziel machen und diese zu befriedigen
trachten wollen, so hätte ich Ihnen Histörchen erzählen und sie zum Besten haben müssen, wie der selige
Kotzebue getan."
Dagegen ist nichts zu sagen, erwiderte ich.
Es gibt aber nicht bloß ein Glück, was ich als einzelnes Individuum, sondern auch ein solches, was ich als
Staatsbürger und Mitglied einer großen Gesamtheit genieße.
Wenn man nun die Erreichung des möglichsten Glückes für ein ganzes Volk nicht zum Prinzip macht, von welcher
Basis soll da die Gesetzgebung ausgehen!
"Wenn Sie da hinaus wollen, erwiderte Goethe, so habe ich freilich gar nichts einzuwenden.
In solchem Falle könnten aber nur sehr wenige Auserwählten von Ihrem Prinzip Gebrauch machen.
Es wäre nur ein Rezept für Fürsten und Gesetzgeber; wiewohl es mir auch da scheinen will, als ob die Gesetze
mehr trachten müßten, die Masse der Übel zu vermindern, als sich anmaßen zu wollen, die Masse der Glückes
herbeizuführen."

1831 und 1832

Sonnabend, den 12.Februar 1831
Ich lese im neuen Testament, und gedenke eines Bildes, das Goethe mir in diesen Tagen zeigte, wo Christus
auf dem Meere wandelt, und Petrus, ihm auf den Wellen entgegenkommend, in einem Augenblick anwandelnder
Mutlosigkeit sogleich einzusinken anfängt.
"Es ist dies eine der schönsten Legenden, sagte Goethe, die ich vor allen lieb habe.
Es ist darin die hohe Lehre ausgesprochen, daß der Mensch durch Glauben und frischen Mut im schwierigsten
Unternehmen siegen werde; dagegen bei anwandelndem geringsten Zweifel sogleich verloren sei."
Sonntag, den 13.Februar 1831
Bei Goethe zu Tisch.
Er erzählt mir, daß er im vierten Akt des Faust fortfahre, und daß ihm jetzt der Anfang so gelungen
wie er es gewünscht.

Es wird also, sagte ich, völlig im Charakter des Übrigen sein; denn im Grunde sind doch der Auerbachsche
Keller, die Hexenküche, der Blocksberg, der Reichstag, die Maskerade, das Papiergeld, das Laboratorium,
die klassische Walpurgisnacht, die Helena, lauter für sich bestehende kleine Weltenkreise, die, in sich
abgeschlossen, wohl auf einander wirken, aber doch einander wenig angehen.
Dem Dichter liegt daran, eine mannigfaltige Welt auszusprechen, und er benutzt die Fabel eines berühmten
Helden bloß als eine Art von durchgehender Schnur, um darauf aneinander zu reihen was er Lust hat.
Es ist mit der Odyssee und dem Gil-Blas auch nicht anders.
"Sie haben vollkommen Recht, sagte Goethe; auch kommt es bei einer solchen Komposition bloß
darauf an, daß die einzelnen Massen bedeutend und klar seien, während es als ein Ganzes immer
inkommensurabel bleibt, aber eben deswegen, gleich einem unaufgelösten Problem, die Menschen zu
wiederholter Betrachtung immer wieder anlockt."

"Es ist mit dem Ratgeben ein eigenes Ding, sagte Goethe, und wenn man eine Weile in der Welt gesehen hat,
wie die gescheitesten Dinge mißlingen, und das Absurdeste oft zu einem glücklichen Ziele führt, so
kommt man wohl davon zurück, jemanden einen Rat erteilen zu wollen.
Im Grunde ist es auch von dem, der einen Rat verlangt, eine Beschränktheit, und von dem, der ihn gibt,
eine Anmaßung.
Man sollte nur Rat geben in Dingen, in denen man selber mitwirken will.
Bittet mich ein Anderer um guten Rat, so sage ich wohl, daß ich bereit sei ihn zu geben, jedoch
nur mit dem Beding, daß er versprechen wolle, nicht danach zu handeln."

Zum Nachtisch betrachteten wir einige Kupfer nach neuesten Meistern, besonders im landschaftlichen Fach,
wobei mit Freuden bemerkt wurde, daß daran nichts Falsches wahrzunehmen.
"Es ist seit Jahrhunderten so viel Gutes in der Welt, sagte Goethe, daß man sich billig nicht wundern sollte
wenn es wirkt und wieder Gutes hervorruft."
Es ist nur das Üble, sagte ich, daß es so viele falsche Lehren gibt, und daß ein junges Talent nicht weiß
welchem Heiligen es sich widmen soll.
"Davon haben wir Proben, sagte Goethe; wir haben ganze Generationen an falschen Maximen verloren gehen
und leiden sehen, und haben selber darunter gelitten.
Und nun in unsern Tagen die Leichtigkeit, jeden Irrtum durch den Druck sogleich allgemein predigen zu
können!
Mag ein solcher Kunstrichter nach einigen Jahren auch besser denken, und mag er auch seine bessere
Überzeugung öffentlich verbreiten, seine Irrlehre hat doch unterdes gewirkt und wird auch künftig, gleich
einem Schlingkraut, neben dem Guten immer fortwirken.
Mein Trost ist nur, daß ein wirklich großes Talent nicht irre zu leiten und nicht zu verderben ist."
Wir betrachteten die Kupfer weiter.
"Es sind wirklich gute Sachen, sagte Goethe; Sie sehen reine hübsche Talente, die was gelernt und die sich
Geschmack und Kunst in bedeutendem Grade angeeignet haben.
Allein doch fehlet diesen Bildern allen etwas und zwar: das Männliche. -
Merken Sie sich dieses Wort und unterstreichen Sie es.
Es fehlt den Bildern eine gewisse zudringliche Kraft, die in früheren Jahrhunderten sich überall aussprach
und die dem jetzigen fehlt, und zwar nicht bloß in Werken der Malerei, sondern auch in allen übrigen
Künsten.
Es lebt ein schwächeres Geschlecht, von dem sich nicht sagen läßt ob es so ist durch die Zeugung, oder
durch eine schwächere Erziehung und Nahrung."

"Allerdings, sagte Goethe, ist in der Kunst und Poesie die Persönlichkeit alles; allein doch hat es unter
Kritikern und Kunstrichtern der neuesten Zeit schwache Personagen gegeben, die dieses nicht zugestehen,
und die eine große Persönlichkeit, bei einem Werke der Poesie oder Kunst, nur als eine Art von geringer
Zugabe wollten betrachtet wissen."
"Aber freilich, um eine große Persönlichkeit zu empfinden und zu ehren, muß man auch wiederum selber etwas
sein.
Alle, die dem Euripides das Erhabene abgesprochen, waren arme Heringe, und einer solchen Erhebung
nicht fähig; oder sie waren unverschämte Charlatane, die durch Anmaßlichkeit in den Augen einer schwachen
Welt mehr aus sich machen wollten und auch wirklich machten als sie waren."
Montag, den 14.Februar 1831
Das Talent ist freilich nicht erblich, allein es will eine tüchtige physische Unterlage, und da ist es
denn keineswegs einerlei, ob jemand der Erst- oder Letztgeborene, und ob er von kräftigen und jungen,
oder von schwachen und alten Eltern ist gezeugt worden.
Merkwürdig ist, sagte ich, daß sich von allen Talenten das musikalische am frühesten zeigt, so daß Mozart
in seinem fünften, Beethoven in seinem achten, und Hummel in seinem neunten Jahr schon die nächste
Umgebung durch Spiel und Kompositionen in Erstaunen setzten.
"Das musikalische Talent, sagte Goethe, kann sich wohl am frühesten zeigen, indem die Musik ganz etwas
Angeborenes, Inneres ist, das von Außen keiner großen Nahrung und keiner aus dem Leben gezogenen
Erfahrung bedarf.
Aber freilich, eine Erscheinung wie Mozart, bleibt immer ein Wunder, das nicht weiter zu erklären ist.
Doch wie wollte die Gottheit überall Wunder zu tun Gelegenheit finden, wenn sie es nicht zuweilen in
außerordentlichen Individuen versuchte, die wir anstaunen und nicht begreifen woher sie kommen."
Donnerstag, den 17.Februar 1831
"Man meint immer, sagte Goethe lachend, man müsse alt werden um gescheit zu sein; im Grunde aber hat man
bei zunehmenden Jahren zu tun, sich so klug zu erhalten als man gewesen ist.
Der Mensch wird in seinen verschiedenen Lebensstufen wohl ein Anderer, aber er kann nicht sagen, daß er
ein Besserer werde, und er kann in gewissen Dingen so gut in seinem zwanzigsten Jahre Recht haben,
als in seinem sechzigsten."
"Man sieht freilich die Welt anders in der Ebene, anders auf den Höhen des Vorgebirgs, und anders auf
den Gletschern des Urgebirgs.
Man sieht auf dem einen Standpunkt ein Stück Welt mehr als auf dem andern; aber das ist auch alles, und
man kann nicht sagen, daß man auf dem einen mehr Recht hätte, als auf dem andern.
Wenn daher ein Schriftsteller aus verschiedenen Stufen seines Lebens Denkmale zurückläßt, so kommt es
vorzüglich darauf an, daß er ein angeborenes Fundament und Wohlwollen besitze, daß er auf jeder Stufe
rein gesehen und empfunden, und daß er ohne Nebenzwecke grade und treu gesagt habe wie er gedacht.
Dann wird sein Geschriebenes, wenn es auf der Stufe recht war, wo es entstanden, auch ferner recht
bleiben, der Autor mag sich auch später entwickeln und verändern wie er wolle."
Ich gab diesen guten Worten meine vollkommene Beistimmung.
"Es kam mir in diesen Tagen ein Blatt Makulatur in die Hände, fuhr Goethe fort, das ich las.
Hm! sagte ich zu mir selber, was da geschrieben steht, ist gar nicht so unrecht, du denkst auch nicht
anders, und würdest es auch nicht viel anders gesagt haben.
Als ich aber das Blatt recht besehe, war es ein Stück aus meinen eigenen Werken.
Denn da ich immer vorwärts strebe, so vergesse ich was ich geschrieben habe, wo ich denn sehr bald
in den Fall komme, meine Sachen als etwas durchaus Fremdes anzusehen."

Goethe ließ den gehefteten neuen Faust hereinbringen, und ich war erstaunt über die Masse des
Geschriebenen, das im Manuskript als ein guter Folioband mir vor Augen war.
Es ist doch alles, sagte ich, seit den sechs Jahren gemacht, die ich hier bin, und doch haben
Sie bei dem andern Vielen, was seitdem geschehen, nur sehr wenig Zeit darauf verwenden können.
Man sieht aber wie etwas heranwächst, wenn man auch nur hin und wieder etwas hinzutut.
"Davon überzeugt man sich besonders wenn man älter wird, sagte Goethe, während die Jugend glaubt,
es müsse alles an Einem Tage geschehen.
Wenn aber das Glück mir günstig ist, und ich mich ferner wohl befinde, so hoffe ich in den nächsten
Frühlingsmonaten am vierten Akt sehr weit zu kommen.
Es war auch dieser Akt, wie Sie wissen, längst erfunden; allein da sich das Übrige während der
Ausführung so sehr gesteigert hat, so kann ich jetzt von der früheren Erfindung nur das Allgemeinste
brauchen, und ich muß nun auch dieses Zwischen-Stück durch neue Erfindungen so heranheben, daß es dem
Anderen gleich werde."
Es kommt doch in diesem zweiten Teil, sagte ich, eine weit reichere Welt zur Erscheinung als im ersten.
"Ich sollte denken, sagte Goethe.
Der erste Teil ist fast ganz subjektiv; es ist alles aus einem befangeneren, leidenschaftlicheren
Individuum hervorgegangen, welches Halbdunkel den Menschen auch so wohl tun mag.
Im zweiten Teile aber ist fast gar nichts Subjektives, es erscheint hier eine höhere, breitere, hellere,
leidenschaftslosere Welt, und wer sich nicht etwas umgetan und Einiges erlebt hat, wird nichts damit
anzufangen wissen."
Es sind darin einige Denkübungen, sagte ich, und es möchte auch mitunter einige Gelehrsamkeit erfordert
werden.
Es ist mir nur lieb, daß ich Schellings Büchlein über die Kabiren gelesen, und daß ich nun weiß, wohin Sie
in jener famösen Stelle der klassischen Walpurgisnacht deuten.
"Ich habe immer gefunden, sagte Goethe lachend, daß es gut sei etwas zu wissen."
Freitag, den 18.Februar 1831
Mit Goethe zu Tisch.
Wir reden über verschiedene Regierungsformen, und es kommt zur Sprache, welche Schwierigkeiten ein
zu großer Liberalismus habe, indem er die Anforderungen der Einzelnen hervorrufe, und man vor lauter
Wünschen zuletzt nicht mehr wisse, welche man befriedigen solle.
Man werde finden, daß man von oben herab mit zu großer Güte, Milde und moralischer Delikatesse auf die
Länge nicht durchkomme, indem man eine gemischte und mitunter verruchte Welt zu behandeln und in
Respekt zu erhalten habe.
Es wird zugleich erwähnt, daß das Regierungsgeschäft ein sehr großes Metier sei, das den ganzen Menschen
verlange, und daß es daher nicht gut, wenn ein Regent zu große Nebenrichtungen, wie z.B. eine
vorwaltende Tendenz zu den Künsten habe, wodurch nicht allein das Interesse des Fürsten, sondern auch die
Kräfte des Staates gewissen nötigeren Dingen entzogen würden.
Eine vorwaltende Neigung zu den Künsten sei mehr die Sache reicher Privatleute.
Sonntag, den 20.Februar 1831
Goethe erzählte mir sodann von dem Buche eines jungen Physikers, das er loben müsse, wegen der Klarheit mit
der es geschrieben, und dem er die teleologische Richtung gerne nachsehe.
"Es ist dem Menschen natürlich, sagte Goethe, sich als das Ziel der Schöpfung zu betrachten, und alle
übrigen Dinge nur in Bezug auf sich, und in so fern sie ihm dienen und nützen.
Er bemächtiget sich der vegetabilischen und animalischen Welt, und, indem er andere Geschöpfe als
passende Nahrung verschlingt, erkennet er seinen Gott, und preiset dessen Güte, die so väterlich
für ihn gesorget.
Der Kuh nimmt er die Milch, der Biene den Honig, dem Schaf die Wolle, und indem er den Dingen einen ihm
nützlichen Zweck gibt, glaubt er auch daß sie dazu sind geschaffen worden.
Ja er kann sich nicht denken, daß nicht auch das kleinste Kraut für ihn da sei, und wenn er dessen Nutzen
noch gegenwärtig nicht erkannt hat, so glaubt er doch, daß solches sich künftig ihm gewiß entdecken werde."
"Und wie der Mensch nun im Allgemeinen denkt, so denkt er auch im Besonderen, und er unterläßt nicht,
seine gewohnte Ansicht aus dem Leben auch in die Wissenschaft zu tragen, und auch bei den einzelnen Teilen
eines organischen Wesens nach deren Zweck und Nutzen zu fragen."
"Dies mag auch eine Weile gehen, und er mag auch in der Wissenschaft eine Weile damit durchkommen; allein
gar bald wird er auf Erscheinungen stoßen, wo er mit einer so kleinen Ansicht nicht ausreicht, und wo er,
ohne höheren Halt, sich in lauter Widersprüchen verwickelt."

"Die Nützlichkeitslehrer würden glauben ihren Gott zu verlieren, wenn sie nicht den anbeten sollen,
der dem Ochsen die Hörner gab, damit er sich verteidige.
Mir aber möge man erlauben, daß ich den verehre, der in dem Reichtum seiner Schöpfung so groß war, nach
tausendfältigen Pflanzen noch eine zu machen, worin alle übrigen enthalten, und nach tausendfältigen Tieren
ein Wesen das sie alle enthält: den Menschen."
"Man verehre ferner den, der dem Vieh sein Futter gibt und dem Menschen Speise und Trank so viel er genießen
mag.
Ich aber bete den an, der eine solche Produktionskraft in die Welt gelegt hat, daß, wenn nur der millionteste
Teil davon ins Leben tritt, die Welt von Geschöpfen wimmelt, so daß Krieg, Pest, Wasser und Brand ihr nichts
anzuhaben vermögen.
Das ist mein Gott!"
Montag, den 21. Februar 1831
Schellings Kabiren brachten das Gespräch auf die klassische Walpurgisnacht, und wie sich diese von den
Brockenszenen des ersten Teiles unterscheide.
"Die alte Walpurgisnacht, sagte Goethe, ist monarchisch, indem der Teufel dort überall als entschiedenes Oberhaupt
respektiert wird.
Die klassische aber ist durchaus republikanisch, indem Alles in der Breite neben einander steht,
so daß der Eine so viel gilt als wie der Andere, und niemand sich subordiniert und sich um den Andern
bekümmert."
Auch, sagte ich, sondert sich in der klassischen alles in scharf umrissene Individualitäten, während
auf dem deutschen Blocksberg jedes Einzelne sich in eine allgemeine Hexenmasse auflöset.
"Deshalb, sagte Goethe, weiß auch der Mephistopheles, was es zu bedeuten hat, wenn der Homunkulus
ihm von thessalischen Hexen redet.
Ein guter Kenner des Altertums wird bei dem Wort thessalische Hexen sich auch Einiges zu denken
vermögen, während es dem Ungelehrten ein bloßer Name bleibt."
Das Altertum, sagte ich, mußte Ihnen doch sehr lebendig sein, um alle jene Figuren wieder so frisch
ins Leben treten zu lassen, und sie mit solcher Freiheit zu gebrauchen und zu behandeln, wie Sie es getan haben.
"Ohne eine lebenslängliche Beschäftigung mit der bildenden Kunst, sagte Goethe, wäre es mir nicht möglich
gewesen.
Das Schwierige indessen war, sich bei so großer Fülle mäßig zu halten, und alle solche Figuren abzulehnen,
die nicht durchaus zu meiner Intention paßten.
So habe ich z.B. von dem Minotaurus, den Harpyen, und einigen andern Ungeheuern, keinen Gebrauch gemacht."
Mittwoch, den 23.Februar 1831
Vor Tisch, bei einem Spaziergange auf der Erfurter Chaussee, begegnet mir Goethe, welcher halten läßt und
mich in seinen Wagen nimmt.
Wir fahren eine gute Strecke hinaus bis auf die Höhe neben das Tannenhölzchen, und reden über naturhistorische
Dinge.

[...], und wir sprechen sodann von der hohen Bedeutung der Urphänomene, hinter welchen man unmittelbar die
Gottheit zu gewahren glaube.
"Ich frage nicht, sagte Goethe, ob dieses höchste Wesen Verstand und Vernunft habe, sondern ich fühle:
es ist der Verstand, es ist die Vernunft selber.
Alle Geschöpfe sind davon durchdrungen und der Mensch hat davon soviel, daß er Teile des Höchsten erkennen mag."
Montag, den 28.Februar 1831
Ich beschäftigte mich den ganzen Tag mit dem Manuskript des vierten Bandes von Goethes Leben, das er mir
gestern zusandte, um zu prüfen was daran etwa noch zu tun sein möchte.

Es war daher in diesem Bande am Ort, von jener geheimen problematischen Gewalt zu reden, die Alle
empfinden, die kein Philosoph erklärt, und über die der Religiöse sich mit einem tröstlichen Worte hinaushilft.
Goethe nennet diese unaussprechliche Welt- und Lebens-Rätsel das Dämonische, und indem er sein Wesen bezeichnet,
fühlen wir daß es so ist, und es kommt uns vor, als würden vor gewissen Hintergründen unsers Lebens die
Vorhänge weggezogen.

Widersacher haben ihn oft beschuldigt, er habe keinen Glauben.
Er hatte aber bloß den ihrigen nicht, weil er ihm zu klein war.
Wollte er den seinigen ausprechen, so würden sie erstaunen, aber sie würden nicht fähig sein ihn zu fassen.
Goethe selbst aber ist weit entfernt zu glauben, daß er das höchste Wesen erkenne wie es ist.
Alle seine schriftlichen und mündlichen Äußerungen gehen darauf hin, daß es ein Unerforschliches sei,
wovon der Mensch nur annähernde Spuren und Ahndungen habe.
Übrigens ist die Natur und sind wir Menschen alle vom Göttlichen so durchdrungen, daß es uns hält, daß wir
darin leben, weben und sind, daß wir nach ewigen Gesetzen leiden und uns freuen, daß wir sie ausüben und
daß sie an uns ausgeübt werden, gleichviel ob wir sie erkennen oder nicht.
Schmeckt doch dem Kinde der Kuchen, ohne daß es vom Bäcker weiß, und dem Sperling die Kirsche, ohne daß er
daran denkt wie sie gewachsen ist.
Mittwoch, den 2. März 1831
Heute bei Goethe zu Tisch, kam das Gespräch bald wieder auf das Dämonische, und er fügte zu dessen näheren
Bezeichnung noch Folgendes hinzu.
"Das Dämonische, sagte er, ist dasjenige, was durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen ist.
In meiner Natur liegt es nicht, aber ich bin ihm unterworfen."

Hat nicht auch, sagte ich, der Mephistopheles dämonische Züge? -
"Nein, sagte Goethe; der Mephistopheles ist ein viel zu negatives Wesen; das Dämonische aber äußert sich
in einer durchaus positiven Tatkraft."
"Unter den Künstlern, fuhr Goethe fort, findet es sich mehr bei Musikern, weniger bei Malern.
Bei Paganini zeigt es sich im hohen Grade, wodurch er denn auch so große Wirkungen hervorbringt."
Ich war sehr erfreut über alle diese Bezeichnungen, wodurch es mir nun deutlicher wurde, was Goethe sich unter
dem Begriff des Dämonischen dachte."
Sonntag, den 6. März 1831
"Der Mensch, sagte er, hat verschiedene Stufen, die er durchlaufen muß, und jede Stufe führt ihre besonderen
Tugenden und Fehler mit sich, die in der Epoche, wo sie kommen, durchaus als naturgemäß zu betrachten und
gewissermaßen recht sind.
Auf der folgenden Stufe ist er wieder ein Anderer, von den früheren Tugenden und Fehlern ist keine Spur
mehr, aber andere Arten und Unarten sind an deren Stelle getreten.
Und so geht es fort, bis zu der letzten Verwandlung, von der wir noch nicht wissen wie wir sein werden."
Dienstag, den 8. März 1831
Wir sprachen sodann über den vierten Band der Biographie, und waren im Hin- und Widerreden über das Dämonische
begriffen, ehe wir es uns versahen.
"In der Poesie, sagte Goethe, ist durchaus etwas Dämonisches, und zwar vorzüglich in der unbewußten, bei der
aller Verstand und alle Vernunft zu kurz kommt, und die daher auch so über alle Begriffe wirkt."
"Desgleichen ist es in der Musik im höchsten Grade, denn sie steht so hoch, daß kein Verstand ihr beikommen
kann, und es geht von ihr eine Wirkung aus, die Alles beherrscht und von der niemand im Stande ist, sich
Rechenschaft zu geben.
Der religiöse Kultus kann sie daher auch nicht entbehren; sie ist eins der ersten Mittel, um auf die Menschen
wunderbar zu wirken."
"So wirft sich auch das Dämonische gern in bedeutende Individuen, vorzüglich wenn sie eine hohe Stellung
haben, wie Friedrich und Peter der Große."
"Beim verstorbenen Großherzog war es in dem Grade, daß niemand ihm widerstehen konnte.
Er übte auf die Menschen eine Anziehung durch seine ruhige Gegenwart, ohne daß er sich eben gütig und
freundlich zu erweisen brauchte.
Alles, was ich auf seinen Rat unternahm, glückte mir, so daß ich in Fällen, wo mein Verstand und meine
Vernunft nicht hinreichte, ihn nur zu fragen brauchte was zu tun sei, wo er es denn instinktmäßig aussprach,
und ich immer im Voraus eines guten Erfolgs gewiß sein konnte."
"Ihm wäre zu gönnen gewesen, daß er sich meiner Ideen und höheren Bestrebungen hätte bemächtigen können;
denn wenn ihn der dämonische Geist verließ, und nur das Menschliche zurückblieb, so wußte er mit sich
nichts anzufangen und er war übel dran."
"Auch in Byron mag das Dämonische in hohem Grade wirksam gewesen sein, weshalb er auch die Attractiva in
großer Maße besessen, so daß ihm denn besonders die Frauen nicht haben widerstehen können."
In die Idee vom Göttlichen, sagte ich versuchend, scheint die wirkende Kraft, die wir das Dämonische nennen,
nicht einzugehen.
"Liebes Kind, sagte Goethe, was wissen wir denn von der Idee des Göttlichen, und was wollen denn unsere
engen Begriffe vom höchsten Wesen sagen!
Wollte ich es, gleich einem Türken, mit hundert Namen nennen, so würde ich doch noch zu kurz kommen, und im
Vergleich so grenzenloser Eigenschaften noch nichts gesagt haben."
Freitag, den 18.März 1831
Mit Goethe zu Tisch.
Ich bringe ihm Daphnis und Chloe, welches er einmal wieder zu lesen wünscht.
Wir reden über höhere Maximen, und ob es gut und ob es möglich sei, sie anderen Menschen zu überliefern.
"Die Anlage, das Höhere aufzunehmen, sagte Goethe, ist sehr selten, und man tut daher im gewöhnlichen Leben
immer wohl, solche Dinge für sich zu behalten, und davon nur so viel hervorzukehren, als nötig ist,
um gegen die Andern in einiger Avantage zu sein."
Wir berühren sodann den Punkt, daß viele Menschen, besonders Kritiker und Poeten, das eigentliche
Große ganz ignorieren, und dagegen auf das Mittlere einen außerordentlichen Wert legen.
"Der Mensch, sagte Goethe, erkennet nur das an und preiset nur das, was er selber zu machen fähig ist; und
da nun gewisse Leute in dem Mittleren ihre eigentliche Existenz haben, so gebrauchen sie den Pfiff, daß
sie das wirklich Tadelnswürdige in der Literatur, was jedoch immer einiges Gutes haben mag, durchaus
schelten und ganz tief herabsetzen, damit das Mittlere, was sie anpreisen, auf einer desto größeren Höhe
erscheine."
Sonntag, den 20.März 1831
Goethe erzählte mir bei Tisch, daß er in diesen Tagen Daphnis und Chloe gelesen.

"Und doch, bei aller mäßigen Abgeschlossenheit, sagte Goethe, ist darin eine vollständige Welt entwickelt.
Wir sehen Hirten aller Art, Feldbautreibende, Gärtner, Winzer, Schiffer, Räuber, Krieger und vornehme
Städter, große Herren und Leibeigene."
Auch erblicken wir darin, sagte ich, den Menschen auf allen seinen Lebensstufen, von der Geburt herauf bis
ins Alter; auch alle häuslichen Zustände, wie die wechselnden Jahreszeiten sie mit sich führen, gehen an
unseren Augen vorüber.

"In allen diesen Dingen, sagte Goethe, ist ein großer Verstand: so auch daß Chloe gegen den beiderseitigen
Willen der Liebenden, die nichts Besseres kennen als nackt neben einander zu ruhen, durch den ganzen
Roman bis ans Ende ihre Jungfrauschaft behält, ist gleichfalls vortrefflich, und so schön motiviert,
daß dabei die größten menschlichen Dinge zur Sprache kommen."
"Man müßte ein ganzes Buch schreiben, um alle großen Verdienste dieses Gedichts nach Würden zu schätzen.
Man tut wohl, es alle Jahr einmal zu lesen, um immer wieder daran zu lernen, und den Eindruck seiner
großen Schönheit aufs neue zu empfinden."
Dienstag den 22. März 1831
Goethe las mir zum Nachtisch Stellen aus einem Briefe eines jungen Freundes aus Rom.
Einige deutsche Künstler erscheinen darin mit langen Haaren, Schnurrbärten, übergeklappten
Hemdkragen auf altdeutschen Röcken, Tabakspfeifen und Bullenbeißern.
Der großen Meister wegen, und um etwas zu lernen, scheinen sie nicht nach Rom gekommen zu sein.
Raphael dünkt ihnen schwach, und Tizian bloß ein guter Kolorist.
"Niebuhr hat Recht gehabt, sagte Goethe, wenn er eine barbarische Zeit kommen sah.
Sie ist schon da, wir sind schon mitten darinne; denn worin besteht die Barbarei anders als
darin, daß man das Vortreffliche nicht anerkennt."

Es kommt zur Sprache, ob die Verirrung, wie sie an einigen jungen deutschen Künstlern wahrzunehmen,
von einzelnen Personen ausgegangen sei, und sich als eine geistige Ansteckung verbreitet habe,
oder ob wie in der ganzen Zeit ihren Ursprung gehabt.
"Sie ist von wenigen Einzelnen ausgegangen, sagte Goethe, und wirkt nun schon seit vierzig Jahren
fort.
Die Lehre war: der Künstler brauche vorzüglich Frömmigkeit und Genie, um es den Besten gleich zu tun.
Eine solche Lehre war sehr einschmeichelnd und man ergriff sie mit beiden Händen.
Denn um fromm zu sein, brauchte man nichts zu lernen, und das eigene Genie brachte jeder schon von
seiner Frau Mutter.
Man kann nur etwas aussprechen, was dem Eigendünkel und der Bequemlichkeit schmeichelt, um eines großen
Anhanges in der mittelmäßigen Menge gewiß zu sein."
Freitag den 25.März 1831
Goethe zeigte mir einen eleganten grünen Lehnstuhl, den er dieser Tage in einer Auktion sich hatte kaufen
lassen.
"Ich werde ihn jedoch wenig oder gar nicht gebrauchen, sagte er, denn alle Arten von Bequemlichkeit sind
eigentlich ganz gegen meine Natur.
Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa; ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl, und habe erst seit
einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anfügen lassen.
Eine Umgebung von bequemen geschmackvollen Meublen hebt mein Denken auf, und versetzt mich in einen
behaglichen passiven Zustand.
Ausgenommen, daß man von Jugend auf daran gewöhnt sei, sind prächtige Zimmer und elegantes Hausgerät
etwas für Leute, die keine Gedanken haben und haben mögen."
Montag den 28.März 1831
Wir gedachten sodann der merkwürdigen Stelle, wo Goethe über den Zustand seiner Schwester redet.
"Dieses Kapitel, sagte er, wird von gebildeten Frauen mit Interesse gelesen werden, denn es werden
viele sein, die meiner Schwester darin gleichen, daß sie, bei vorzüglichen geistigen und sittlichen
Eigenschaften, nicht zugleich das Glück eines schönen Körpers empfinden."
Daß sie, sagte ich, bei bevorstehenden Festlichkeiten und Bällen gewöhnlich von einem Ausschlag im
Gesicht heimgesucht wurde, ist etwas so Wunderliches, daß man es der Einwirkung von etwas Dämonischem
zuschreiben möchte.
"Sie war ein merkwürdiges Wesen, sagte Goethe, sie stand sittlich sehr hoch und hatte nicht die Spur
von etwas Sinnlichem.
Der Gedanke, sich einem Manne hinzugeben, war ihr widerwärtig, und man mag denken, daß aus dieser
Eigenheit in der Ehe manche unangenehme Stunde hervorging.
Frauen, die eine gleiche Abneigung haben, oder ihre Männer nicht lieben, werden empfinden, was dieses
sagen will.
Ich konnte daher meine Schwester auch nie als verheiratet denken, vielmehr wäre sie als Äbtissin in
einem Kloster recht eigentlich an ihrem Platze gewesen."
"Und da sie nun, obgleich mit einem der bravsten Männer verheiratet, in der Ehe nicht glücklich war,
so widerriet sie so leidenschaftlich meine beabsichtigte Verbindung mit Lili."
Mittwoch den 30.März 1831
Ihre Biographie ist ein Buch, sagte ich, wodurch wir in unserer Kultur uns auf die entschiedenste Weise
gefördert sehen.
"Es sind lauter Resultate meines Lebens, sagte Goethe, und die erzählten einzelnen Facta dienen bloß, um
eine allgemeine Beobachtung, eine höhere Wahrheit, zu bestätigen."

"Ich dächte, sagte Goethe, es steckten darin einige Symbole des Menschenlebens.
Ich nannte das Buch Wahrheit und Dichtung, weil es sich durch höhere Tendenzen aus der Region einer
niedern Realität erhebt.
Jean Paul hat nun, aus Geist des Widerspruchs, Wahrheit aus seinem Leben geschrieben! -
Als ob die Wahrheit aus dem Leben eines solchen Mannes etwas anderes sein könnte, als daß der Autor
ein Philister gewesen! -
Aber die Deutschen wissen nicht leicht, wie sie etwas Ungewohntes zu nehmen haben, und das Höhere geht
oft an ihnen vorüber, ohne daß sie es gewahr werden.
Ein Faktum unseres Lebens gilt nicht, insofern es wahr ist, sondern in so fern es etwas zu bedeuten hatte."
Donnerstag den 31.März 1831
Wir redeten über literarische Dinge, und Meyer erzählte uns seine erste Bekanntschaft mit Schiller.
"Ich ging, sagte er, mit Goethe, in dem sogenannten Paradies bei Jena spazieren, wo Schiller uns
begegnete und wo wir zuerst mit einander redeten.
Er hatte seinen Don Carlos noch nicht beendigt; er war eben aus Schwaben zurückgekehrt und schien sehr
krank und an den Nerven leidend.
Sein Gesicht glich dem Bilde des Gekreuzigten.
Goethe dachte, er würde keine vierzehn Tage leben, allein, als er zu größerem Behagen kam, erholte er sich
wieder und schrieb dann erst alle seine bedeutenden Sachen. "
Montag den 2. Mai 1831
Goethe erwähnte darauf eines bekannten Schriftstellers.
"Es ist eine Talent, sagte er, dem der Parteihaß als Alliance dient und das ohne ihn keine Wirkung getan
haben würde.
Man findet häufig Proben in der Literatur, wo der Haß das Genie ersetzet, und wo geringe Talente bedeutend
erscheinen, indem sie als Organ einer Partei auftreten.
So auch findet man im Leben eine Masse von Personen, die nicht Charakter genug haben, um alleine zu stehen;
diese werfen sich gleichfalls an eine Partei, wodurch sie sich gestärkt fühlen und nun eine Figur machen."
Sonntag den 15.Mai 1831
Mit Goethe in seiner Arbeitsstube allein zu Tisch.
Nach manchen heiteren Unterhaltungen brachte er zuletzt das Gespräch auf seine persönlichen Angelegenheiten,
indem er aufstand und von seinem Pulte ein beschriebenes Papier nahm.
"Wenn einer, wie ich, über die achtzig hinaus ist, sagte er, hat er kaum noch ein Recht zu leben; er muß
jeden Tag darauf gefaßt sein, abgerufen zu werden, und daran denken, sein Haus zu bestellen.
Ich habe, wie ich Ihnen schon neulich eröffnete, Sie in meinem Testament zum Herausgeber meines
literarischen Nachlasses ernannt, und habe diesen Morgen, als eine Art von Kontrakt, eine kleine
Schrift aufgesetzt, die Sie mit mir unterzeichnen sollen."
Mit diesen Worten legte Goethe mir den Aufsatz vor, worin ich die nach seinem Tode herauszugebenden,
teils vollendeten, teils noch nicht vollendeten Schriften namentlich aufgeführt, und überhaupt
die näheren Bestimmungen und Bedingungen ausgesprochen fand.
Ich war im Wesentlichen einverstanden, und wir unterzeichneten darauf beiderseitig.
Sonntag den 29.Mai 1831
Man hatte mir in diesen Tagen ein Nest junger Grasemücken gebracht, nebst einem der Alten, den man in
Leimruten gefangen.
Nun hatte ich zu bewundern, wie der Vogel nicht allein im Zimmer fortfuhr seine Jungen zu füttern, sondern
wie er sogar, aus dem Fenster frei gelassen, wieder zu den Jungen zurückkehrte.
Eine solche, Gefahr und Gefangenschaft überwindende, elterliche Liebe rührte mich innig, und ich äußerte
mein Erstaunen darüber heute gegen Goethe.
"Närrischer Mensch! antwortete er mir lächelnd bedeutungsvoll, wenn Ihr an Gott glaubtet, so würdet Ihr
Euch nicht verwundern."
"Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
So daß, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt."
"Beseelte Gott den Vogel nicht mit diesem allmächtigen Trieb gegen seine Jungen, und ginge das Gleiche
nicht durch alles Lebendige der ganzen Natur, die Welt würde nicht bestehen können! -
So aber ist die göttliche Kraft überall verbreitet und die ewige Liebe überall wirksam."
Eine ähnliche Äußerung tat Goethe vor einiger Zeit, als ihm von einem jungen Bildhauer das Modell von
Myrons Kuh mit dem säugenden Kalbe gesendet wurde.
"Hier, sagte er, haben wir einen Gegenstand der höchsten Art; das, die Welt erhaltende, durch die ganze
Natur gehende, ernährende Prinzip ist uns hier in einem schönen Gleichnis vor Augen; dieses und ähnliche
Bilder nenne ich die wahren Symbole der Allgegenwart Gottes."
Montag den 6.Juni 1831
"Der Faust, wie er im fünften Akt erscheint, sagte Goethe ferner, soll nach meiner Intention gerade hundert
Jahr alt sein, und ich bin nicht gewiß, ob es nicht etwa gut wäre, dieses irgendwo ausdrücklich zu bemerken."
Wir sprachen sodann über den Schluß und Goethe machte mich auf die Stelle aufmerksam, wo es heißt:
Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen,
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben Teil genommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.
"In diesen Versen, sagte er, ist der Schlüssel zu Fausts Rettung enthalten.
In Faust selber eine immer höhere und reinere Tätigkeit bis ans Ende, und von oben die ihm zu Hülfe
kommende ewige Liebe.
Es steht dieses mit unserer religiösen Vorstellung durchaus in Harmonie, nach welcher wir nicht bloß durch
eigene Kraft selig werden, sondern durch die hinzukommende göttliche Gnade."
"Übrigens werden Sie zugeben, daß der Schluß, wo es mit der geretteten Seele nach oben geht, sehr schwer
zu machen war, und daß ich, bei so übersinnlichen, kaum zu ahnenden Dingen, mich sehr leicht im Vagen
hätte verlieren können, wenn ich nicht meinen poetischen Intentionen, durch die scharf umrissenen
christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen, eine wohltätig beschränkende Form und Festigkeit
gegeben hätte."
Den noch fehlenden vierten Akt vollendete Goethe darauf in den nächsten Wochen, so daß im August der ganze
zweite Teil geheftet und vollkommen fertig dalag.
Diese Ziel, wonach er so lange gestrebt, endlich erreicht zu haben, machte Goethe überaus glücklich.
"Mein ferneres Leben, sagte er, kann ich nunmehr als ein reines Geschenk ansehen, und es jetzt im Grunde
ganz einerlei, ob und was ich noch etwa tue."
Sonntag, den 20. Juni 1831 (Dritter Teil )
Wir verhandelten über einige Gegenstände der Naturwissenschaft, besonders über die Unvollkommenheit und
Unzulänglichkeit der Sprache, wodurch Irrtümer und falsche Anschauungen verbreitet würden, die später
so leicht nicht wieder zu überwinden wären.
"Die Sache ist ganz einfach diese, sagte Goethe.
Alle Sprachen sind aus nahe liegenden menschlichen Bedürfnissen, menschlichen Beschäftigungen und allgemein
menschlichen Empfindungen und Anschauungen entstanden.
Wenn nun ein höherer Mensch über das geheime Wirken und Walten der Natur eine Ahnung und Einsicht
gewinnt, so reicht seine ihm überlieferte Sprache nicht hin, um ein solches von menschlichen Dingen
durchaus Fernliegende auszudrücken.
Es müßte ihm die Sprache der Geister zu Gebote stehen, um seinen eigentümlichen Wahrnehmungen zu genügen.
Da dieses aber nicht ist, so muß er bei seiner Anschauung ungewöhnlicher Naturverhältnisse stets nach
menschlichen Ausdrücken greifen, wobei er denn fast überall zu kurz kommt, seinen Gegenstand herabzieht oder
wohl gar verletzt und vernichtet."
Sonntag, den 27.Juni 1831 (Dritter Teil *)
Wir sprachen über Victor Hugo.
"Er ist ein schönes Talent, sagte Goethe; aber ganz in der unselig-romantischen Richtung seiner Zeit befangen,
wodurch er denn, neben dem Schönen, auch das Allerunerträglichste und Häßlichste darzustellen verführt wird."
Donnerstag, den 15.Juli 1831 (Dritter Teil *)
"Es geht doch nichts über die Freude, fügte er hinzu, die uns das Studium der Natur gewährt.
Ihre Geheimnisse sind von einer unergründlichen Tiefe; aber es ist uns Menschen erlaubt und gegeben, immer
weitere Blicke hineinzutun.
Und gerade, daß sie am Ende doch unergründlich bleibt, hat für uns einen ewigen Reiz, immer wieder zu ihr
heranzugehen und immer wieder neue Einblicke und neue Entdeckungen zu versuchen."
Folgende notierte ich nicht lange (nach dem 21.Dezember 1831) darauf aus der nächsten Erinnerung.
Anfangs März 1832
Einige Tage später
"So wie ein Dichter politisch wirken will, muß er sich einer Partei hingeben; und so wie er dieses tut,
ist er als Poet verloren; er muß seinem freien Geiste, seinem unbefangenen Überblick Lebewohl sagen,
und dagegen die Kappe der Borniertheit und des blinden Hasses über die Ohren ziehen."
"Der Dichter wird als Mensch und Bürger sein Vaterland lieben, aber das Vaterland seiner poetischen
Kräfte und seines poetischen Wirkens ist das Gute, Edle und Schöne, das an keine besondere Provinz und
an kein besonderes Land gebunden ist, und das er ergreift und bildet wo er es findet."

"Und was heißt denn: sein Vaterland lieben, und was heißt denn: patriotisch wirken?
Wenn ein Dichter lebenslänglich bemüht war, schädliche Vorurteile zu bekämpfen, engherzige Ansichten zu
beseitigen, den Geist seines Volkes aufzuklären, dessen Geschmack zur reinigen, und dessen Gesinnungs-
und Denkweise zu veredeln, was soll er denn da Besseres tun? und wie soll er denn da patriotischer wirken?"
"Sie wissen, ich bekümmere mich im Ganzen wenig um das was über mich geschrieben wird, aber es
kommt mir doch zu Ohren, und ich weiß recht gut, daß, so sauer ich es mir auch mein Lebelang habe
werden lassen, all mein Wirken in den Augen gewisser Leute für nichts geachtet wird, eben weil ich
verschmäht habe, mich in politische Parteiungen zu mengen.
Um diesen Leuten recht zu sein, hätte ich müssen Mitglied eines Jakobiner-Klubs werden und Mord und
Blutvergießen predigen!"
Donnerstag, den 1. Dezember 1831 (Dritter Teil)
Wir sprachen darauf über Victor Hugo, und daß seine zu große Fruchtbarkeit seinem Talent im hohen Grade
nachteilig.
"Wie soll Einer nicht schlechter werden und das schönste Talent zu Grunde richten, sagte Goethe, wenn er
die Verwegenheit hat, in einem einzigen Jahr zwei Tragödieen und einen Roman zu schreiben, und ferner,
wenn er nur zu arbeiten scheint, um ungeheure Geldsummen zusammen zu schlagen.
Ich schelte ihn keineswegs, daß er reich zu werden, auch nicht, daß er den Ruhm des Tages zu ernten bemüht ist;
allein wenn er lange in der Nachwelt zu leben gedenkt, so muß er anfangen weniger zu schreiben und
mehr zu arbeiten."
Donnerstag, den 5. Januar 1832 (Dritter Teil *)
Von meinem Freunde Töpfer in Genf waren einige neue Hefte Feder-Zeichnungen und Aquarell-Bilder
eingegangen, größtenteils landschaftliche Ansichten aus der Schweiz und Italien,[...].

Ich bemerkte, daß dies noch keineswegs das Beste von Töpfer sei und daß er ganz andere Dinge zu senden habe.
"Ich weiß nicht, was Ihr wollt! erwiderte Goethe.
Was sollte es denn noch besser sein!
Und was hätte es zu sagen, wenn es auch wirklich noch etwas besser wäre!
Sobald ein Künstler zu einer gewissen Höhe von Vortrefflichkeit gelangt ist, wird es ziemlich gleichgültig,
ob eins seiner Werke etwas vollkommener geraten ist als ein anderes.
Der Kenner sieht in jedem doch immer die Hand des Meisters und den ganzen Umfang seines Talentes und seiner
Mittel."
Freitag, den 17. Februar 1832 (Dritter Teil *)
"Im Grunde aber sind wir Alle kollektive Wesen, wir mögen uns stellen, wie wir wollen.
Denn wie Weniges haben und sind wir, daß wir im reinsten Sinne unser Eigentum nennen!
Wir müssen Alle empfangen und lernen, sowohl von denen die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind.
Selbst das größte Genie würde nicht weit kommen, wenn es Alles seinem eigenen Innern verdanken wollte.
Das begreifen aber viele sehr gute Menschen nicht und tappen mit ihren Träumen von Originalität ein
halbes Leben im Dunkeln.
Ich habe Künstler gekannt, die sich rühmten keinem Meister gefolgt zu sein, vielmehr Alles ihrem eigenen
Genie zu danken haben.
Die Narren! als ob das überall anginge!
Und als ob sich die Welt ihnen nicht bei jedem Schritt aufdränge und aus ihnen, trotz ihrer eigenen Dummheit,
etwas machte!
Ja ich behaupte, wenn ein solcher Künstler nur an den Wänden dieses Zimmers vorüberginge und auf die
Handzeichnungen einiger großer Meister, womit ich sie behängt habe, nur flüchtige Blicke würfe, er
müßte, wenn er überall einiges Genie hätte, als ein Anderer und Höherer von hier gehen."
"Und was ist denn überhaupt Gutes an uns, wenn es nicht die Kraft und Neigung ist, die Mittel der äußern
Welt an uns heranzuziehen und unseren höheren Zwecken dienstbar zu machen.
Ich darf wohl von mir selber reden und bescheiden sagen, wie ich fühle.
Es ist wahr, ich habe in meinem langen Leben mancherlei getan und zu Stande gebracht, dessen ich mich
allenfalls rühmen könnte.
Was hatte ich aber, wenn wir ehrlich sein wollen, das eigentlich mein war, als die Fähigkeit
und Neigung, zu sehen und zu hören, zu unterscheiden und zu wählen, und das Gesehene und Gehörte mit
einigem Geist zu beleben und mit einiger Geschicklichkeit wiederzugeben.
Ich verdanke meine Werke keineswegs meiner eigenen Weisheit allein, sondern tausenden von Dingen und
Personen außer mir, die mir dazu das Material boten.
Es kamen Narren und Weise, helle Köpfe und bornierte, Kindheit und Jugend wie das reife Alter; Alle
sagten mir, wie es ihnen zu Sinne sei, was sie dachten, wie sie lebten und wirkten und welche Erfahrungen
sie sich gesammelt, und ich hatte weiter nichts zu tun, als zuzugreifen und das zu ernten, was Andere
für mich gesäet hatten."
"Es ist im Grunde auch Alles Torheit, ob Einer etwas aus sich habe, oder ob er es von Andern habe; ob Einer
durch sich wirke oder ob er durch Andere wirke; die Hauptsache ist, daß man ein großes Wollen habe und
Geschick und Beharrlichkeit besitze, es auszuführen; alles Übrige ist gleichgültig."
Sonntag, den 11. März 1832
-> siehe Eingangsgesprächsnotiz!

Goethe = Goethe

Wenn man einen Literaten, eine geistige Größe wie Goethe, unverfälscht kennenlernen möchte, muß man seine Werke
lesen - und wenn schon nicht alle - so doch möglichst viele.
Alle Urteile, Einschätzungen, Interpretationen, mit welchem Behuf von Wissenschaftlern oder auch nichtwissensenschaft-
lichen Befürwortern und Kritikern auch immer erstellt, sind stets nur Bewertungen subjektiver Art und können nie den
Geist und die Motivation des Dichters bei dessen Schaffen authentisch widerspiegeln.
Einem Außenstehenden gelingt es nie, auch bei sorgfältigster und gründlichster Analyse, den geistigen Hintergrund eines
Autors, stellvertretend so tief auszuleuchten, daß er seiner individuelle Meinung den Status eines allgemeinen
Dogmas verleihen könnte.
Was bleibt, um sich selbst ein unverfälschtes individuelles Urteil bilden zu können, ist, sich ausschließlich mit
den Original-Worten des Dichters auseinanderzusetzen und diese in sich nachklingen zu lassen.
Vergegenwärtigen dabei sollte man sich, daß jedes gesetzte Wort des Autors, Literaten, Dichters wie auch immer
ja durch seinen Geist gehen und vor diesem vor seiner Niederlegung bestehen mußte.
Diesen Ansatz befördern soll dieses unkommentierte Exzerpt aus einem nicht unbedeutenden Werk Goethes.
Falls man dieses verinnerlicht hat, wird man auch andere Werke des Meisters, z.B. die vorangestellten Auszüge aus
seinem Werk - Wilhelm Meisters Lehrjahre oder auch den Faust - möglicherweise unter einem ganz anderem Blickwinkel lesen.
Viel Vergnügen dabei !

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